Eiko Ishioka: surreal, innovativ, emanzipiert


Eiko Ishioka Spieglein Spieglein Kostüme
Spieglein, Spieglein – Die wirklich wahre Geschichte von Schneewittchen/ Studiocanal 

Bei einem Film wird nicht nur vor der Kamera, sondern auch viel im Hintergrund gearbeitet. Einer der Jobs, der still und heimlich ausgeführt wird und doch großen Einfluss auf das Erscheinungsbild eines Films hat, ist der des Kostümdesigners. Seine Arbeit ist wichtig für eine stimmige Szenerie, aber auch für die Schauspieler, die sich in einem passenden Kostüm besser in ihre Rolle hineinfühlen können. In den meisten Fällen verschmelzen die Kostüme mit dem Rest des Films, fügen sich dem Schauspieler anstatt ihn zu überstrahlen und treten in den Hintergrund. Bei den Kostümen, die von der Japanerin Eiko Ishioka entworfen wurden, ist das anders. Ihre Kostüme lassen einen Film zum visuellen Erlebnis werden. Auch ihre weitere gestalterische Arbeit in Werbung, Design und Oper erschafft eine ganz eigene, surreale und sinnliche Welt.

Die Bandbreite ihres Schaffens ist beeindruckend: angefangen bei der Werbung, setzt sich ihre Arbeit von Albumcovern, Filmkostümen und Bühnenoutfits bis hin zu Sportkleidung fort. Ausgebildet zur Grafikdesignerin, zog die 1938 geborene Japanerin aus, in der von Männern dominierten Werbebranche Fuß zu fassen, obwohl ihr Vater, ebenfalls Grafikdesigner, ihr davon abriet. Nachdem sie für die Kosmetikfirma Shiseido tätig war, folgte eine über zehnjährige Zusammenarbeit mit der gehobenen Kaufhauskette Parco. Hier konnte sie ihre kreative Energie in Werbeclips und Plakate stecken. Dabei war es ihr stets ein Anliegen, eine Verbindung zwischen westlichen und östlichen Normen herzustellen. Ihre Models sollten nicht untergeben und still sein, wie es die japanische Kultur von Frauen verlangte, sondern stark und selbstbewusst: »I wanted someone vigorous, with a big body, big expression, big everything, big, big, big.«

Berühmt wurde vor allem ihr Werbeclip mit Faye Dunaway (Network, 1976), die, gekleidet in einem schwarzen Abendkleid, in ebenso schwarzer Szenerie ein Ei pellt und hingebungsvoll isst. Hier wird nicht ein bestimmtes Produkt, sondern eine Stimmung, ein Lebensstil verkauft, der Erotik und Eleganz, aber auch einen gewissen Humor ausstrahlt:

Spätestens für die Gestaltung von Miles Davis‘ Album Tutu mit Nahaufnahmen des Jazzmusikers von Irving Penn zog die japanische Designerin die weltweite Aufmerksamkeit auf sich. 1987 erhielt sie dafür einen Grammy. Ihr Design der Kostüme für Bram Stoker’s Dracula (1992) von Francis Ford Coppola wurde mit einem Oscar augezeichnet. In dem Film trug Gary Oldman als Dracula einen Ganzkörperanzug, der aus Muskelsträngen zu bestehen schien. Auch ein Hochzeitskleid mit einem Kragen, der an die Halskrause einer Echsenart erinnert, sorgten dafür, dass Coppolas Wunsch, die Kostüme sollten die Kulissen ersetzen, sich erfüllte.

Ishioka hatte schon früher Erfahrungen im Film gesammelt. Für Paul Schraders Mishima: A Life in Four Chapters (1985) übernahm sie die Szenengestaltung und gewann dafür einen Preis in Cannes für ihre künstlerische Leistung. Ihre gestalterische Arbeit an Set und Kostümen setzte sich mit mit dem Broadway-Stück zu M Butterfly (1988) fort. Bei dem Video für Cocoon von Björk führte Ishioka 2002 Regie und war im selben Jahr für die Kostüme der Artisten des Cirque du Soleil und die Uniformen mehrerer Teams bei den Olympischen Winterspielen in Salt Lake City verantwortlich. Einer der Artisten trug einen knallpinken Oktopusanzug. Auch für eine Tournee von Grace Jones 2009, für die Eröffnungszeremonie der Sommerolympiade in Bejing und für das Spiderman-Musical am Broadway 2011 entwarf sie die Kostüme.

So extravagant und extrem ihre Designs sind, so minimalistisch lebte Ishioka in ihrem Appartment in Manhatten, New York. Inmitten von ausschließlich weißer, spärlicher Möblierung entstanden ihre fantasievollen Entwürfe, die sie Besuchern auf dem Boden ausgebreitet zeigte. Dabei sagte sie 2007 von sich selbst, sie sei davon besessen, etwas Neues zu schaffen: »I suppose you could say I’m obsessed with creating work that has never been seen before.«

Der makabre Einschlag, den Ishiokas Entwürfe häufig haben, wird besonders in den Filmen deutlich, die sie mit dem indischen Filmregisseur Tarsem Singh erarbeitet hat. Tatsächlich hat sie für alle seine Filme das Kostümdesign übernommen und ihnen ihre eigene Handschrift gegeben. Dazu gehören die Fantasyfilme The Cell (2000), The Fall (2006), Krieg der Götter (2011) und nun Spieglein, Spieglein – Die wirklich wahre Geschichte von Schneewittchen, welcher in dieser Woche anläuft. In The Cell spielt Jennifer Lopez eine Ermittlerin, die in die Gedankenwelt eines Killers eintaucht. Dort trägt sie in einem ihrer Kostüme eine steife Spange um ihren gesamten Hals, die wohl recht unbequem gewesen sein muss – auf ihre Bitte, sie etwas angenehmer zu gestalten, entgegnete Ishioka, nein, sie müsse gequält werden.

Krieg der Götter/ Paramount Constantin

 
Im Januar diesen Jahres ist Meiko Ishioka 73-jährig verstorben. Im Jahr 2000 hat sie etwas gesagt, was ihren Stolz ausdrückt für das, was sie geleistet hat – unabhängig von ihrem Geschlecht: »Ein Mann, ein sehr talentiertet Designer, hat gesagt, mein Name wäre nicht so bekannt, wenn ich keine Frau wäre. Das hat mich wütend gemacht.«

Hier unsere Kritik zu Spieglein Spieglein.

Hier findet Ihr den Trailer von dem letzten Film mit Kostümen von Meiko Ishioka, Spieglein, Spieglein – Die wirklich wahre Geschichte von Schneewittchen (Kinostart: Donnerstag, 05.04.12).

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