Natürlich gibt es für ein europäisches Filmfestival, das sich dem Schwerpunkt Revolutionen verschreibt, ein Thema, um das sich schwer herumkommen lässt: Dem Mythos 1968 nähert sich das Lichter Filmfest mit Philippe Garrels Les Amants Reguliers, einem epischen Schwarzweissfilm, der die Studentenunruhen im revolutionär bewegten Paris zum Ausgangspunkt nimmt und der 2005 auf den 62. Filmfestspielen von Venedig mit dem silbernen Löwen ausgezeichnet wurde.
Was mit, in langen Kameraeinstellungen eingefangenen, Straßenschlachten beginnt, entwickelt sich zur Milieustudie über eine Studentengruppe, die sich – auf der Flucht vor einer Gesellschaft, die nichts außer zermürbender Langeweile bereitzuhalten scheint – dem Bohème-Leben hingibt. Der Mythos und das – vor allem medial perpetuierte – Klischee vom Lebensgefühl 1968 werden dabei teils ästhetisiert, andernteils jedoch ebenso bewusst in den Leerlauf getrieben. In manchen Momenten, in denen die Kamera die beiden Hauptprotagonisten (Louis Garrel und Clotilde Hesme) besonders schön umspielt, wird man durch die stilvollen Schwarzweiß-Bilder unwillkürlich und geradezu schmerzlich an den Godard-Slogan „Children of Marx and Coca-Cola“ erinnert – und damit an die Tatsache, dass mit dem revolutionären Schick stets auch ein kulturindustrieller (und damit recht un-revolutionärer) Ausverkauf einherging und -geht. In Les Amants Reguliers allerdings wird die ganz eigene Schönheit jenes revolutionären Lebensstils derart mit einer ikonischem Souveränität und Ernsthaftigkeit aufgeladen, dass es dem Zuschauer stets leicht fällt, das schöne Klischee Klischee sein zu lassen.
Auch auf inhaltlicher Ebene thematisiert der Film eine gewisse Tragik ebenso wie die Spannungen, die sich aus dem Konflikt von Alltagswirklichkeit und Ideal ergeben. Immer wieder spielt Geld dabei eine ernstzunehmende Rolle – so z.B. wenn die Protagonisten sich darüber ereifern, dass die Fabrikarbeiter nicht länger bereit seien, die Revolution mitzutragen und sich womöglich mit einer schlichten Lohnerhöhung abspeisen ließen. Geld würde ihr Leben weder glücklicher noch freier machen, heißt es aus dem Mund eines der studentischen Revolutionäre. Doch schließlich beginnt auch die porträtierte Gruppe jene Freiheit, welche sie in ihrem Leben zu verwirklichen wünscht, weniger im politisch- gesellschaftlichen Kampf, als vielmehr im Privaten zu suchen. Und für die Verwirklichung des Traums von einem „Königreich ohne Regeln“ ist Geld – in diesem besonderen Fall das ererbte Vermögen eines Freundes der Gruppe – dann doch wieder notwendiges und probates Mittel.
In gewisser Weise führt der Programmbeitrag Life without Principle die Konsequenzen vor Augen, wie sie sich aus jener Strategie ergeben, individuelle Freiheit mit möglichst viel und immer mehr Geld zu realisieren. Bemerkenswert dabei ist vor allem, dass es sich um das Werk eines chinesischen Filmemachers handelt. Der in China äußerst erfolgreiche Genre-Regisseur Johnnie To untersucht in ebenso kritischer wie wahnsinnig unterhaltsamer Art und Weise die Welt der Finanzmärkte – jenes Königreich ohne Regeln, welches bei To jedoch eher die Gestalt eines brutalen, vollkommen unüberschaubaren Dschungels annimmt. Als der drohende griechische Staatsbankrott die Finanzwelt aufzumischen beginnt, stürzen auch die Hongkonger Börsen und Banken in ein heilloses Chaos. Als Akteure auf diesem schwankenden Parkett begleitet die rasante Handlung von Life without Principle eine strebsame, aber erfolglose Bankangestellte sowie zwei kleine, mit Aktienkurs-Manipulationen beschäftigte Gangster. In einer turbulenten Mischung aus Thriller- , Polizeifilm- und Komödienelementen charakterisiert der Film die sich überschlagenden Ereignisse im Umfeld der Börse als Spiel um die nackte Existenz – ein Spiel, das voll und ganz dem Zufall preisgegeben zu sein scheint und aus dem die Protagonisten des Films überraschend als die Gewinner hervorgehen.
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