Neu im Kino – Kinotipps vom 26.04.2012


UFO in Her Eyes
UFO in Her Eyes

“Durchwachsen”, so könnte man die kommende Kinowoche beschreiben. Unter zehn Filmen gibt es wesentlich mehr durschnittliche Filme als echte Kinoerlebnisse. Trotzdem ist auch diese Woche wieder der ein oder andere sehens- und empfehlenswerte Film dabei. Hier, wie jede Woche, ein Überblick über alle Starts der kommenden Kinowoche, angefangen mit unseren Empfehlungen:

Den Anfang hier macht das Drama UFO in Her Eyes von Xiaolu Guo, die neben der Regie auch für das Drehbuch und die Romanvorlage verantwortlich zeichnet. In der deutschen Produktion wurden Rollen unter anderem  mit Ke Shi und Udo Kier, der zur Zeit auch in Iron Sky im Kino zu sehen ist, besetzt. UFO in Her Eyes erzählt die Geschichte eines kleinen, relativ rückständigen chinesischen Dorfes, das von heute auf morgen ins Zentrum internationaler Aufmerksamkeit gelangt. Nachdem die junge, alleinstehende Kwok Yun (Ke Shi) eines Abends eine ungewöhnliche Erfahrung macht und glaubt ein UFO gesehen zu haben, verändert sich das Leben im Dorf schlagartig. Es gerät nicht nur in das Visier von Spezialagenten, nein die Bürgemeisterin will aus dem beschaulichen Ort eine einzige große Touristenattraktion machen. Im großteils organisiert wirkenden Chaos der abwechslungsreichen Darstellung der verschiedenen Perspektiven, erschafft Xialo Guo mit viel Liebe zum Detail mit UFO in Her Eyes einen sehr eigenen und interessanten Film, der zugleich einen wichtigen Kommentar zur derzeitigen Entwicklung Chinas zwischen Tradition und Kapitalismus darstellt.

Auch bei unserer zweiten Empfehlung handelt es sich um ein Drama, allerdings um ein sehr viel persönlicheres. Valérie Donzellis Das Leben gehört uns erzählt die Geschichte eines jungen, glücklichen, pariser Paares. Juliette, gespielt von Donzelli selbst, und ihr Lebensgefährte Romeo (Jérémie Elkaïm) könnten glücklicher kaum sein: sie haben die Liebe ihres Lebens gefunden, sie bekommen einen Sohn und bauen sich ein Zuhause und eine gemeinsame Existenz auf. Doch ein Schicksalschlag droht die junge Familie aus der Bahn zu werfen. Bei Sohn Adam (Gabriel Elkaïm) wird ein Hirntumor festgestellt. Um mit dieser Situation umzugehen, beschließt das junge Paar der Angst und der Verzweiflung mit einer ungewöhnlichen, stellenweise fast irrational wirkenden Mischung aus Optimismus, Lebenswillen und Freude den Kampf anzusagen. Diese unkonventionelle Art der Angst- und Problembewältigung spiegelt sich auch in der Inszenierung des Dramas wieder. In der Kritik zu Das Leben gehört uns schreibt Jascha Hannover:

“Gewiss verstört es, wenn Juliette, die schreckliche Diagnose für ihren Sohn vorausahnend, zu New-Rave Electro die Krankenhausflure entlang sprintet. Und dass sich die Hauptfiguren, unmittelbar nachdem sie von Adams Krankheiten erfahren haben, singend ihre Liebe erklären, mag im ersten Moment fehl am Platz wirken. Jedoch wohnt Das Leben gehört uns gerade durch seinen außergewöhnlichen Stil – eine selten anzutreffende Intensität inne. Die vielen fröhlichen, üppig inszenierten Momente der Zuversicht und Hoffnung schaffen eine Fallhöhe, durch die die zahlreichen Rückschläge stets einem Schlag in die Magengrube gleichkommen”

Das Leben gehört uns überzeugt durch seine autobiographische Authentizität, die Verspieltheit der Inszenierung und die interessanten, sympathischen  Charaktere und deren Entwicklung. So kann Valérie Donzelli bereits in ihrem zweiten Film als Regisseurin ihren eigenen Stil etablieren.

Kommen wir nun zum diese Woche relativ kleinen, mit zwei Dokumentationen, einem Drama und einer actiongeladenen Comic-Verfilmung aber sehr vielfältigen Mittelfeld:

Lange haben nicht nur Comic Fans auf Marvel’s The Avengers gewartet. Nun kommt der Actionfilm von Joss Whedon (Firefly) in die deutschen Kinos. Der Halbgott Loki (Tom Hiddleston) plant im Film, die Welt mithilfe seiner Armee zu unterjochen. Um die Menschheit vor diesem Schicksal zu bewahren versammelt Nick Fury (Samuel L. Jackson) eine “Supergroup” im wahrsten Sinne des Wortes. Zur Verteidigung der Menschheit steht nicht nur Lokis Halbbruder Thor (Chris Hemsworth) sondern auch dessen fünf Superkollegen Iron Man (Robert Downey Jr.), Captain America (Chris Evans), der Hulk (Mark Ruffalo), Black Widow (Scarlett Johansson) und Hawkeye (Jeremy Renner) zur Seite. Um Loki zurückschlagen zu können, müssen die fünf Einzelgänger jedoch nicht zuletzt ihre eigenen Egos besiegen. Joss Whedon liefert mit Marvel’s The Avengers einen über weite Strecken gelungenen Actionfilm mit sehr hohen komödiantischen Anteilen und interessant dargestellten Eigenschaften und Details der einzelnen Charaktere. Der aus amerikanischen Superheldenfilme bekannte, oft störende Patriotismus wird hier eher mit einem Augenzwinkern bedacht. So kann die Grundstory nicht vollends überzeugen, für Comic und Actionfans wird dieser Makel jedoch zu verkraften sein.

Jessica Krummachers Abschlussfilm an der Münchener Hochschule für Fernsehen und Film wirft viele Fragen auf und lässt die meisten von ihnen offen. In Totem wird die junge Fiona (Marina Frenk) von der Familie Bauer als Haushaltshilfe eingestellt. Woher sie kommt, bleibt unklar. Offensichtlich ist nur das Kommunikationsproblem der Familie. Diese lebt aneinander vorbei und Fiona ist gefangen in diesem Alltagstrott zwischen Depression und agressiven Ausfällen. Nach und nach wird die fleißige Fiona von der Situation und der eigenartig distanzierten Stimmung eingenommen. Jessica Krummacher gelingt ein solider Abschlussfilm, der eine Gratwanderung zwischen Drama und Horror, zwischen Realität und Traum vollführt. Zwar sind noch Schwächen in der Inszenierung, zum Beispiel der Überdeutlichkeit mancher Bilder oder der zu starken Darstellung einzelner Szenen, zu erkennen, Jessica Krummacher gelingt mit Totem trotzdem ein solider und vor allem mutiger Abschlussfilm, der sich nicht an Konventionen hält und nicht den Einsatz von Laienschauspielern scheut, sondern deren Qualitäten nutzt.

Homosexualität in der DDR, ein Thema, das bislang weder filmisch noch anderweitig besonders beleutchtet und thematisiert wurde. Wie lebte es sich als Schwuler im sozialistischen Staat? Dieser Frage versucht Ringo Rösener, der zusammen mit Markus Stein auch Regie führt, in Unter Männern – Schwul in der DDR in Interviews mit Betroffenen auf den Grund zu gehen. Die sechs Interviewpartner, darunter unter anderem ein Künstler, ein Bürgerrechtler und ein Mann, der in der thüringischen Provinz aufwuchs, erzählen von unterschiedlichsten Erfahrungen, zwischen freier Entfaltung und Geheimhaltungszwang. Wo Homosexualität nicht verboten, an ein Outing aber trotzdem kaum zu denken war. Der durchaus interessante und bisher wenig berührte Stoff wird von dem Regiedou jedoch leider nicht ausgenutzt. Zu sehr kratzt Unter Männern – Schwul in der DDR  trotz guter Momente insgesamt nur an der Oberfläche und lässt ein Gesamtkonzept, eine Zusammenführung der unterschiedlichen Einzelschicksale vermissen und schöpft somit sein Potenzial leider nicht aus.

Eine weitere Dokumentation bringen Hélène Lee und Christophe Farnarier diese Woche in die Kinos. The First Rasta wandelt auf den Spuren von Leonard Percival Howell, dem Gründer der Rastafari-Bewegung. Mit den wenigen, vorhandenen Archivaufnahmen sowie Interviews und Musik erzählt das Regisseurteam die Lebensgeschichte eines Mannes, der sein Leben dem Drang zur Revolution und dem Reisen widmete. Doch seine große Bekanntheit erlangte er erst durch die Begründung einer Weltanschauung names Rastafari. Der in Jamaika weit verbreitete, für viele Menschen inspirierende und identitätsstiftende Mix aus christlichen, sozialistischen und pazifistischen Elementen wurde vor allem durch die vom Rastafari stark inspirierte Reggae Musik bekannt. Ebendiese Musik begleitet Howell im Film auf seinen Reisen, die ihn um die halbe Welt führen und Einblicke in das Weltgeschehen seiner Zeit liefern und bei seinen Kämpfen, egal ob politischer, oder persönlicher Natur. So kann The First Rasta allerdings nur einen kurzen und relativ oberflächlichen Einblick in die Strukturen und komplexen Denkweisen der Rastafari-Kultur verschaffen und so wird der Film zwar auch für Menschen, die nicht mit Reggae und Rastafari vertraut sind interessant sein, im Endeffekt wird sich die, ab und an den roten Faden vermissen lassende Dokumentation, aber nur wirklich mit dem Thema vertrauten Zuschauern vollkommen offenbaren.

Die unbeliebte letzte Kategorie unserer wöchentlichen Kinotipps fällt diese Woche leider größer aus als gewohnt. Von vier der zehn neuen Filme der Woche wollen wir euch abraten:

Der malaysische Animationsfilm Fischen Impossible von Aun Hoe Goh folgt dem Bambushai Pup. Dieser macht sich auf die Jagd nach gestohlenen Fischeiern, nachdem er Zeuge wurde, wie diese von Menschen aus dem Riff entwendet wurden. Doch die Suche im Meer reicht nicht, Pup muss an Land. Hierbei hilft sein Freund Julius, der für die beiden mechanische Landanzüge baut, damit die beiden Fische auf zwei Beinen an Land ihre Suche fortsetzen können. Das wenig originelle Konzept (der Vergleich mit Findet Nemo ist nicht von der Hand zu weisen) und die bei den Landszenen stellenweise holprige Animationsarbeit, kann wenn überhaupt nur die Kleinsten der Kleinen überzeugen. Hiergegen sprechen allerdings wieder der für einen Kinderfilm verhältnismäßig rohe Umgang mit dem Thema “fressen oder gefressen werden” und das häufige Springen zwischen Handlungssträngen. Das sorgt insgesamt dafür, dass Fischen Impossible kein schlechter Anfang für den malaysischen Animationsfilm ist, der Film alleine aber noch nicht überzeugen kann.

In Scott Hicks The Lucky One spielt Zac Efron den jungen Soldaten Logan. Ein glücklicher Zufall rettete ihm das Leben: Er wird während eines Einsatzes auf ein im Sand liegendes Foto aufmerksam und als er zu dem Foto geht, um es aufzuheben, explodiert an seinem alten Standpunkt eine Bombe. Das Foto, das eine ihm unbekannte Frau zeigt, hat Logan, davon ist er überzeugt, das Leben gerettet. Zurück in den USA, macht er die Frau names Beth (Taylor Schlling) ausfindig. Diese ist anfangs sehr ablehnend Logan gegenüber. Um ihr näher kommen zu können, fängt er an, in der Hundezucht ihrer Eltern zu arbeiten. Mit Erfolg, die beiden lernen sich besser kennen und Logans Hoffnungen auf eine gemeinsame Zukunft scheinen immer realistischer. Die eigentlich gelungene Inszenierung von The Lucky One leidet sehr unter erzählerischen Schwächen in der Charakterzeichnung und der zu vorhersehbaren Story. Die nicht vollends mitreißende Romanze zündet deshalb leider zu keinem Zeitpunkt wirklich und verläuft ohne große Überraschungen oder Besonderheiten.

Mit American Pie: Das Klassentreffen bringen Jon Hurwitz und Hayden Schlossberg den nunmehr achten American Pie Film in die deutschen Kinos. Nach zehn Jahren trifft sich die Clique aus American Pie beim Klassentreffen wieder. Die Jungs scheinen erwachsen geworden zu sein, Jim (Jason Biggs) ist gar verheiratet und Vater. Doch natürlich stecken in den erwachsenen Männern immer noch die pubertären und hormongesteuerten Schuljungen aus Teil 1. Trotzdem hat die Reihe mit dem Altern der Figuren und den Veränderungen der Comedylandschaft auch viel seiner jugendlichen Provokation und Spritzigkeit verloren. So lassen sowohl die Story als auch die Charakterentwicklungen zu wünschen übrig. Der Film wird zwar wohl den ein oder anderen zum Schmunzeln bringen, an den Kultfaktor der Vorgänger kann American Pie: Das Klassentreffen aber bei Weitem nicht anknüpfen. So ist die Komödie wohl nur für nostalgische, eingefleischte Fans des mittlerweile 13 Jahre alten ersten Teils sehenswert, um sich ähnlich wie beim Klassentreffen an vergangene, lustigere Zeiten zurück zu erinnern.

Pension Freiheit von Markus Kleinhans unternimmt derweil eine Zeitreise zurück in die Zeit des geteilten Deutschlands. 1988. Als Komissar Walter Degenhardt (Adnan Erten) gemeinsamen mit seinem Kollegen Rio Hartmann (Luky Zappatta) die Ermittlungen zu einem Briefbombenanschlag aufnimmt, scheint sich alles gegen ihn zu wenden. Der BND will ihm den Fall entreißen und dann wird plötzlich Degenhardts Freundin Patrizia (Katharina Abt) ermordet. Dadurch noch angetrieben, ermittelt das ungleiche Team auf eigene Faust und entdeckt ein Komplott, in den auch zwei Stasi-Agenten verwickelt zu sein scheinen. Pension Freiheit soll neben der Krimistory mit urigen Charme und Humor punkten. Das missglückt aber reichlich, denn das ohnehin schwache Drehbuch strotz vor langweiligen Klischees und Stereotypen und wenig geistreichen Dialogen. Das können auch der vermeintlich spannende Verschwörungsplot und die detailgetreue Nachstellung des biederen 80er Jahre Stils nicht ungeschehen machen und so bleibt Pension Freiheit einer der schwachen Filme, der zurzeit neu zum Leben erwachenden Heimatfilmsparte.

Die Trailer zu unseren Empfehlungen  UFO in Her Eyes und Das Leben gehört uns findet ihr hier:

UFO in Her Eyes

Das Leben gehört uns

  • altegedanken

    The Avengers ist keine Empfehlung???

    Der Film hat doch überall nur positive Kritiken bekommen, ist der seltene Fall eines Kritiker- und Publikumslieblings. Einer der wenigen Filme in diesem Jahr, die ich auf jeden Fall schauen werde.

    • http://www.negativ-film.de/ Ciprian David

      Tja, ich glaub wir sympathisieren mit Donzelli diese Woche.

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