Tage der Finsternis | goEast 2012 – Symposium


Im Rahmen des Lenfilm-Symposiums beim diesjährigen goEast-Festival wurde unter anderem der 1988 entstandene Film Tage der Finsternis (Dni Zatmeniya) von Alexander Sokurow gezeigt. Obwohl sich der Film lose am Science-Fiction Roman Eine Milliarde Jahre vor dem Weltuntergang der Strugazki-Brüder orientiert, kann er als ein ästhetisch und inhaltich doch sehr autonomes Werk betrachtet werden.

Eine Eröffnungssequenz weit über der Erdoberfläche. Die aus der Vogelperspektive filmende Kamera schwebt ein gutes Stück über den Umrissen einer noch namenlosen Siedlung mitten in einer kargen Wüstenlandschaft. Fröhliches Kinderlachen ist zu vernehmen, dazu ein stetig anschwellender, unmelodischer Score als die Kamera immer mehr an Höhe verliert und schließlich – wie einst der Heißluftballon zu Beginn von Andrej Rublyov – im Sturzflug auf den sandigen Wüstenboden kracht. Man befindet sich, wie man später erfahren wird, in einem kleinen turkmenischen Dorf. Nur handelt es sich dabei um keinen normalen Ort des damaligen Sowjetstaats. Er wirkt eher wie ein hermetischer Raum mit eigenen Gesetzen, den man etwas euphemistisch Planet Sokurow taufen könnte.

Denn der Regisseur kreiert sein Filmsetting als einen eigenen, facettenreichen Miniaturkosmos, ein verzweigtes Mosaik aus soziokulturellen Räumen, Symbolen und Strukturen, welches sich aus größtenteils semidokumentarisch wirkenden Aufnahmen zusammensetzt : Mal hebt die Kamera die vom Wahn gezeichneten Gesichter der Patienten einer Nervenheilanstalt hervor, nur um im nächsten Moment das Innere einer orthodoxen Kirche zu besichtigen. Mal zeigt sie mit ethnografischer Präzision ein Hochzeitsfest der Turkmenen, dann wieder eröffnet sich ihrem kontemplativen Auge in einer langen Sequenz der detaillierte Prozess der Zementherstellung in einer altertümlich wirkenden Fabrik. Der sowjetische Einfluss manifestiert sich in Form eines riesigen Hammer und Sichel Monuments oder auch einer auf den ersten Blick unscheinbar wirkenden Leninskulptur. Einige Einstellungen sind auch mit Todessymbolen, wie etwa einem Totenschädel oder einem Tierkadaver auf einem Friedhof, versehen. Wie die Bilder zeichnet sich auch der Klangraum durch eine heterogene Vielfalt aus. Stets sind verschiedene Sprachfetzen zu vernehmen, wie etwa Turkmenisch, Armenisch, Russisch, aber auch Italienisch und sogar Latein, die sich gelegentlich zu einem babylonischen Stimmengewirr zu vermischen scheinen. Klassische Musik wechselt sich mit Folkloreliedern ab. Sämtliche dieser Motive, auf der Bild- als auch auf der Tonebene, scheinen gleichberechtigt nebeneinander zu existieren und trotz ihrer Unterschiedlichkeit ein homogenes Kontinuum zu bilden.

Die geschilderte Vereinheitlichung heterogener räumlicher Motive ergänzt Sokurow mit einer Vereinheitlichung der Zeit selbst, welche sich in der Beschaffenheit des filmischen Materials wiederspiegelt. So sind einige Einstellungen in verschieden starken Sepiatönen gefilmt, was ihnen geradezu einen Found – Footage-Charakter verleiht, sie wie gefundene Überbleibsel aus der Vergangenheit wirken lässt. Daneben arbeitet Sokurov – oft in ein und derselben Sequenz – auch mit Farbfilmaufnahmen, welche einer filmischen Gegenwart verpflichtet scheinen. Der Film reflektiert durch das Alternieren der verschiedenen Materialien seine Eigenart als zeitbasiertes Medium und lässt Vergangenheit und Gegenwart ineinander fließen, eine Einheit bilden.

Es scheint, als ob diese Welt in ihrer räumlichen und zeitlichen Kohärenz und Geschlossenheit auch ohne eine klassische Story auszukommen vermag, als könnte man sich als Zuschauer einfach dem Treiben dieses kleinen Universums hingeben. Und doch braucht Sokurow eine Geschichte, um in seiner einheitlichen Welt eine autonome Kraft einzuführen. So etabliert er den Protagonisten Dimitri Malyanov (Aleksei Ananishnov), einen jungen Russen, der gerade sein Medizinstudium beendet hat und nun in dem turkmenischen Dorf als Kinderarzt arbeitet, während er gleichzeitig an einer Forschungsarbeit schreibt. Dimitri ist, ähnlich wie sein Vorgänger aus Sokurows Debütwerk Die einsame Stimme des Menschen, ein existenzialistischer Held, der es vermag, allein durch seine körperliche Präsenz, durch seine abrupten, vor Vitalität sprühenden Bewegungen sich von seiner Umgebung als handelndes, die Welt um ihn herum mitgestaltendes Individuum zu emanzipieren. Seine progressiven Handlungen entreißen gelegentlich auch die Kamera aus ihrer Lethargie, wenn sie etwa durch einen unerwartet schnellen Zoom seine auf einer Schreibmaschine zielorientiert tippenden Finger hervorhebt. Im Verlauf des Films wird Dimitri immer wieder mit Gefahren und mystischen Absonderlichkeiten, etwa einer sprechenden Leiche oder eines engelsgleichen Jungen, konfrontiert. Von allen Seiten wird ihm geraten, diesen Ort zu verlassen, zurück in sein wohlbehütetes Heim in Russland zurückzukehren. Doch stets weigert er sich. „Überall lässt es sich leben“, sagt er einmal zu einem Freund, und diese These bildet gleichzeitig das Kredo des Films. Denn im Sinne von Satre wird  hier die schlichte Notwendigkeit aufgezeigt, einfach nur in der Welt zu existieren, sein Leben zu leben, und das turkmenische Dorf, der Planet Sokurow, ist nichts anderes, als eine Allegorie für die Gesamtheit der Welt.

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