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| “Aaaah America, the birthplace of AIDS” |
Mit Ali G, Borat, Brüno und nun „General-Admiral“ Aladeen hat der Brite Sacha Baron Cohen bereits einige skurrile Figuren aus seinem Hirn gezaubert, die dem Zuschauer die Stereotypen, Vorurteile und Antipathie gegenüber Minderheiten geradezu ins Gesicht schlagen, gleichzeitig die Lachmuskeln bis an ihre Grenzen bringen und den schmalen Grat zwischen „Was darf man sagen?“ und „Worüber darf man lachen?“ nicht nur an bestimmten Punkten überschreitet, sondern mit Vollgas die Mauer des bitterbös-schwarzen Humors durchbricht. Als Paradebeispiel sei hier Borat genannt. In der Mockumentary, in der Cohen als kasachischer Fernsehreporter Borat in seiner unendlichen Unkenntnis und Naivität nicht zu stellende Fragen stellt und nebenbei die rechts-konservative, vornehme Oberschicht der USA in ihrer wahren Gestalt enttarnt. Voller Euphorie reitet er auf dem Ross (oder dem Bullen) des amerikanischen Patriotismus – Nur um kurz vor dem „Abgrund der Enthüllung“ abzuspringen und sich an den Buh-Rufen und Pfiffen texanischer Xenophobiker zu ergötzen, die noch kurz davor seinen Worten wie “Und er [George Bush] sollte nicht ruhen, ehe er vom Blut jedes einzelnen Irakers und auch dem ihrer Frauen und Kinder getrunken hat!” mit tosendem Beifall entgegneten. Sacha Baron Cohen ist der britische Serdar Somuncu, er sagt, was sich alle anderen nicht zu denken trauen. Nun wendet er sich der Panik Amerikas vor braunen Menschen mit Bart, Turban und schlechtem Englisch hin.
Seit seinem siebten Lebensjahr ist Haffaz Aladeen (Sacha Baron Cohen) Herrscher über den nordafrikanischen Staat Wadiya. Von seinem Volk wie ein Gott verehrt, sitzt Aladeen in seinem Palast aus Gold, mit hunderten Supersportwagen vor der Tür. Da sogar die Israeliten und Ahmadinedschad die Atombombe hätten, beauftragt er seine Wissenschaftler ebenfalls eine Atombombe zu bauen, was weltweite Besorgnis hervorruft. Um mit seiner 14-stündigen Rede klarzumachen, dass er mit dem Atomprogramm nur friedliche Zwecke verfolgt, reist er mit seinem Gefolge kurzerhand zum UN-Hauptsitz nach New York. Als er plötzlich einem Putsch zum Opfer fällt und durch ein Double ausgetauscht wird, der in seinem Namen für Wadiya die Demokratie ausrufen will, findet er bei der feministischen, politisch-aktiven und jüdischen Veganerin Zoey (Anna Faris) Zuflucht, als es darum geht seinen rechtmäßigen Platz wieder einzunehmen.
Dabei wird stets versucht, sowohl Comedy, als auch Satire zugleich zu sein. Den satirischen Part meistert Der Diktator auch in all seiner politisch-unkorrekten Souveränität. Den ganzen Film über wird flächendeckend und konsequent beleidigt und diskriminiert, was das Zeug hält, dass man mit der Hand vor dem Mund grinsend in seinem Sessel sitzt und sich einredet, man sei ein schlechter Mensch, weil man lachen muss. Von Feministinnen und Araber über Juden und Asiaten bis hin zu Afro-Amerikanern, weißen Patrioten und allen Anderen – sogar Frauen – werden Vorurteile, aber auch Wahrheiten unter die Nase gerieben. Behandelt werden Frauen von Diktator Aladeen als Ware und Sex-Objekt für seine eigenen Zwecke. Eine Wand gespickt mit Fotos von Superstars, die er für Bezahlung in seinem goldenen Bett hatte (u.a. Megan Fox und Arnold Schwarzenegger) und die knapp bekleideten Frauen in Uniform sind da natürlich selbstverständlich. Feministinnen bezeichnet er als „lesbian hobbit“, das Wort „Frauenwahlrecht“ bringt er nicht über die Lippen, ohne kichern zu müssen. Durch das ständige Beleidigen macht sich glücklicherweise eine inflationäre Wirkung breit, wodurch die eigentlichen extrem bösen und diskriminierenden Sprüche von Aladeen dem Zuschauer einfacher eingeflößt wird, ohne dass er empört den Saal verlässt. Ganz nach dem Motto „Etwas Kot ist eklig, etwas mehr Kot ist abscheulich .. überall Kot und es ist Kunst“.
Der komödiantische Teil wird hingegen gefüllt mit vielen Slapstick-Einlagen, den optimal pointierten Gags und grotesk-skurrilen Momenten, wie etwa das Köpfen einer Leiche eines 90-jährigen Afro-Amerikaners auf seiner Trauerfeier wegen seines stattlichen Vollbartes. Natürlich ist, wie für eine Satire üblich, die ganze Komik durchzogen von bitterbösem Humor, extremen Zynismus, Schadenfreude und dem unerträglich-sympathischen Narzissmus von Aladeen. Leichenköpfe als Handpuppen, willkürliches Hinrichten von Gefolgsleuten, Penisse an Fensterscheiben und das Videospiel Wii Terrorists 2012 mit dem Spielmodus „Munich 1972“. Der Diktator ist die komödiantische Variante von Oliver Stones Natural Born Killers. Mickey und Mallory treffen auf Aladeen in der Welt der Totalen und der Radikalen. Kein wenn und aber, wenn etwas gesagt/getan werden muss, dann wird es das auch. Political Correctness ist für sie ein Fremdwort.
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| “I am here for your protection, but I have to say, I hate Arabs.” |
Obwohl Der Diktator die beiden Hauptbestandteile seines Wesens sehr effektiv zu präsentieren weiß, haben sich doch letztendlich einige Schwachstellen eingeschlichen. So gut die Höhepunkte des Films auch sein mögen, den Übergang zwischen den jeweiligen Szenen weiß Regisseur Larry Charles nicht gerade gut zu füllen. So verkommt der Film teilweise zu einer Aneinanderreihung von Set-Pieces und Gags à la Comedy Street oder Jackass. Durch die Tatsache, dass Der Diktator eher Spielfilm ist als Mockumentary, verzichtet man automatisch auf einen der wichtigsten Faktoren, die Borat noch so stark machte: Die Reaktionen von uneingeweihten Menschen. Das natürliche und oftmals verstörte Verhalten irgendwelcher Passanten in Borat lässt Der Diktator leider sehr stark vermissen. Zwar gibt es solch eine Szene, die auf diese Situationen anspielen (oder sie kopieren?) soll, die viel zu satten Farben und das unrealistische Grinsen der „Unwissenden“ ist hingegen so künstlich, dass der Verweis sichtlich schief geht. Zumindest werden die etwas niederen Bedürfnisse der reinen Unterhaltung erfüllt.
So fantastisch der Film auch angefängt, so steil bergab geht es leider gegen Ende. Sacha Baron Cohen und Larry Charles kommen durch den Verzicht auf den Mockumentary-Stil ebenfalls nicht umhin, ein echtes Drehbuch mit einer echten Handlung zu schreiben. Zwar ist die Liebesgeschichte zwischen Aladeen und Zoey relativ herzerwärmend und gut ausgearbeitet, einen plötzlichen Charakter-Umschwung Aladeens am Ende hätte man aber streichen müssen. War seine Charakterisierung zu Beginn zwar nicht sehr facettenreich, für eine Komödie aber sehr dienlich, wird der Figur des Aladeen eine unglaubwürdige 180°-Wendung verpasst, wodurch der Film sehr an Konsequenz und Mut vermissen lässt und sich gezwungen sieht, doch noch ein Happy Ending einzubauen. Schade, ist doch das Ende eines Film oftmals das, was den meisten Zuschauern im Kopf bleibt, was bei diesem einen faden Beigeschmack von Kitsch und Konvention mit sich bringt.
Letzten Endes ist Der Diktator eine sehr gute, zynische Komödie und Gesellschaftssatire, die einfach allen und jedem ans Bein zu pinkeln weiß. Die Genialität eines Borat verfehlt der Film leider doch um ein ganzes Stück. Und dass die Enttarnung und schichtweise Analyse der amerikanischen Bevölkerung dem Film teilweise zu sehr fehlt, lässt Der Diktator sich auch immer wieder ansehen, was dem Wechsel von der Fake-Doku auf das Genre der Komödie anzurechnen ist. Hier ist Sacha Baron Cohen einem Drehbuch unterworfen, die große Prise und Kunst der Improvisation, in der der Brite sein wahres Können lagert, vermisst man gänzlich. Die Prämisse eines weltbekannten Diktators in New York wäre aber für einen Mockumentary-Film doch sehr unlogisch und – noch schlimmer – unecht. Und die Echtheit, sei Borat auch nur gespielt, war der größte Pluspunkt des gleichnamigen Films von 2006. Als Zuschauer sucht man das gewisse Etwas, die bestimmte Portion Wahnsinn, Anarchie und das Gefühl des “Unvorbereitetseins” auf das, was wohl kommen mag, leider vergeblich, gerade aufgrund des detailliert ausgearbeiteten Drehbuchs, das jede Improvisation, künstlerische Freiheit und Fantasie des Hauptdarstellers im Keim erstickt.
Der Diktator - Pressespiegel auf film-zeit.de
Der Diktator (OV: The Dictator)
R: Larry Charles
B: Sacha Baron Cohen, Alec Berg, David Mandel, Jeff Schaffer
K: Lawrence Sher
D:Sacha Baron Cohen, Ben Kingsley, Anna Faris, John C. Reilly, Megan Fox, B.J. Novak
USA 2012; 105 Min.
Paramount
Kinostart: 17.05.2012





