Der Leichenverbrenner – Bildstörung Drop Out 14


Die den großen Epochalstilen dieser Welt, vom Deutschen Expressionismus, über die Nouvelle Vague oder das Cinema Novo, gewidmeten Filmkanons, zeichnen sich in der Regel durch eine überschaubare, sehr eingeschränkte Anzahl an repräsentativen Regisseuren und Werken aus. So ist es nicht verwunderlich, dass eine Fülle an Filmen, die in diesen Zeitabschnitten entstanden sind, in der Versenkung verschwunden, während ausschließlich überragende Kritiker- oder Publikumserfolge in Erinnerung geblieben sind. Nicht anders verhält es sich mit der tschechoslowakischen Neuen Welle (1963 – 1969), welche bis heute den Höhepunkt der tschechischen Filmkunst darstellt. In einer Phase der freien Meinungsäußerung und einer liberalen Zensur, welche 1969 mit der Niederschlagung des Prager Frühlings durch die Truppen des Warschauer Paktes jedoch ein abruptes Ende nehmen sollte, entstanden zahlreiche Werke, die sich in erster Linie durch stilistische Innovation, schwarzem Humor und offen propagierter Gesellschaftskritik auszeichneten. Doch während Filme wie Liebe nach Fahrplan von Jiří Menzel oder Milos Formans Der Feuerwehrball heute als ikonische Meisterwerke stellvertretend für die Bewegung stehen, existieren auch zahlreiche weniger bekannte, verkanntere Produktionen, die jedoch ihren berühmten Pendants in nichts nachstehen. Ein gutes Beispiel dafür ist auch Der Leichenverbrenner aus dem Jahr 1969 von Juraj Herz, welcher in einer DVD-Special-Edition beim Indie-Label Bildstörung erschienen ist.

Dem deutschen Publikum ist Herz in erster Linie durch seine hierzulande produzierten Kinder- und Märchenfilme sowie dem 2010 realisierten, eher durchwachsenem Historiendrama Habermanns Mühle ein Begriff. In den 60ern wurde er von seinen Kollegen der Neuen Welle fast schon belächelt, weil seine Filme, auch Der Leichenverbrenner, im Vergleich mit den radikalen Werken seiner Landsleute als nicht politisch genug angesehen wurden. Und doch scheint ein solcher Vorwurf gerade diesem Film gegenüber haltlos zu sein, denn eine auch im Kontext der damaligen, vom kommunistischen Regime unterdrückten Tschechoslowakei zu lesende politische Aussage ist zweifellos vorhanden. Sie ist vielleicht nicht explizit zu sehen, nistet sich aber stattdessen parabelhaft im Fundament eines Genres, des Horrorfilms, ein.

Die Geschichte spielt Ende der 30er Jahre und erzählt vom Leben des Karl Kopfrkingl (Rudolf Hrusínský), dem Vizedirektor eines Prager Krematoriums. Zunächst scheint es, als führe er mit seiner halbjüdischen Frau Lakmé (Vlasta Chramostová) und seinen Kindern Zina (Jana Stehnová) und Mili (Milos Vognic) ein geordnetes und gutbürgerliches Leben. Doch unter der glatten Oberfläche klafft ein seelischer Abgrund: Kopfrkingl ist schwer geisteskrank. Er sieht sich in seiner Tätigkeit als Leichenverbrenner als eine Art tibetischer Mönch, der durch das Verbrennen des störenden Körpers der Seele den Weg zur Erlösung eröffnet. Den Toten in seinem Krematorium sieht er sich auf obsessiv perverse Weise verbunden: In einem ritualisierten Vorgang streicht er regelmäßig mit einem Kamm über deren Haare, um sich damit dann anschließend über den eigenen Kopf zu fahren. Einmal besucht ihn ein alter Freund und Kriegskamerad aus dem ersten Weltkrieg, der Deutsche Walter Reinke (Ilja Prachar). Reinke, Mitglied der NSDAP (die im Film jedoch immer nur als „Die Partei“ bezeichnet wird) versucht Kopfrkingl  zu indoktrinieren, redet ihm ein, dass dieser neben tschechischem auch deutsches Blut in sich trage. Schließlich ködert er ihn mit einer Einladung in einen nur Parteimitgliedern vorbehaltenen privaten Klub mit lauter blonden Prostituierten. Schlussendlich wird Kopfrkingl endgültig zum Opportunisten, denunziert Mitarbeiter seines Krematoriums als Feinde des Deutschen Reiches, unter anderem seinen Vorgesetzten, dessen Platz er anschließend selbst einnehmen kann. In seinem Wahn ermordet er schließlich seine Frau und seinen Sohn und verbrennt sie im Krematorium. Aufgrund ihrer jüdischen Abstammung ist er der Ansicht, ihnen damit sogar einen Gefallen getan zu haben, denn in der von den Nationalsozialisten neu kreierten Welt hätten sie eh nicht glücklich leben können.

Die Tatsache, dass der Film fast ausschließlich aus der Perspektive des wahnsinnigen Kopfrkingl erzählt wird, evoziert beim Zuschauer ein permanentes Gefühl der Beunruhigung und macht Der Leichenverbrenner gleichzeitig zu einem Horrorfilm par exellence. Mit schwindelerregender Schnittfrequenz wird abwechselnd Kopfrkingl manchmal geradezu raubtierhaft dreinblickende Miene und das, was er sieht oder sich gerade vorstellt, in Form eines Point-of-View Shots gezeigt. Es sind immer flüchtige, schnell variierende Impressionen seiner Umgebung, wie Gesichter und auch Fragmente von Wandgemälden, die der kunstinteressierte Kopfrkingl um sich herum wahrnimmt. In der erwähnten Szene, in der er die Mitarbeiter des Krematoriums denunziert, erscheinen diese in einzelnen Einstellungen, während er sie beim Namen nennt, so als würde man ihn gerade sie sich vorstellen sehen. Kopfrkingls Rolle ist die eines die Narration kontrollierenden, sinisteren Zeremonienmeisters, er fungiert als eine Art Fremdenführer durch „seinen“ Film, der dem Zuschauer fast nur das, was sich seinem Blick oder geistigen Auge erschließt, zu sehen gewährt, ihm keine Möglichkeit gestattet, die Dinge aus einer neutralen Perspektive zu überblicken. Die Betonung von Kopfrkingls verzehrter Sicht wird durch gelegentliche Fischauge-Aufnahmen noch deutlicher akzentuiert. Auch gibt es keine scharf abgegrenzten Szenenübergänge: Wenn etwa Kopfnickel einer Jahrmarktsausstellung von Bildern, die von der Syphilis entstellte Menschen zeigen, beiwohnt, daraufhin Angst bekommt, sich bei einem seiner regelmäßigen Bordellbesuche versehentlich angesteckt zu haben und in einer Nahaufnahme äußert, er wolle sich von seinem Arzt untersuchen lassen, zoomt die Kamera raus und zeigt, dass er sich bereits in der Praxis des Arztes befindet. Durch solche unangekündigten Ortswechsel bringt der Film eine einheitliche Raum-Zeit-Wahrnehmung bewusst zum Kollabieren. Wie im Delirium gleitet man von Szene zu Szene und kann dadurch nur umso mehr Kopfrkingl diffusen Geisteszustand auf erschreckende Weise nachempfinden.

Neben diesem beklemmenden Psychogramm eines Wahnsinnigen zeigt Der Leichenverbrenner vor allem, wie leicht eine totalitäre Ideologie das Denken beeinflussen kann und wie hinter einer bürgerlichen Fassade Opportunismus und nur auf den eigenen Vorteil bedachtes Denunziantentum lauern können, so verweist er auch indirekt auf die Lage der Tschechoslowakei Ende der 60er Jahre, auf die damalige Gefahr, der kommunistischen Ideologie blind zu folgen. Wohl aus diesem Grund wurde er kurz nach seiner Fertigstellung verboten.

Die höchst umfangreiche DVD enthält neben einem Audiokommentar von Herz auch zwei Interviews mit dem Regisseur, wo er in einem die drei verschiedenen Krematorien, in denen gefilmt wurde, besichtigt und in dem anderen von seinem Leben, insbesondere der Flucht nach Deutschland vor dem tschechoslowakischen Regime erzählt. Das dazugehörende Booklet beinhaltet einen sehr interessanten Essay von Adam Schoenfield und ein weiteres, sehr ausführliches Interview mit Herz.

R: Juraj Herz
Drehbuch und Romanvorlage: Ladislav Fuks
D: Rudolf Hrusínský, Vlasta Chramostová, Ilja Prachar
Tschechoslowakei 1969, 96 Min.
Format: PAL, Special Edition, Widescreen
Ton: Tschechisch
Untertitel: Deutsch
Verleih: Bildstörung
FSK: ab 16 Jahren