Game of Thrones – Staffel 2 Episode 8: The Prince of Winterfell


Now we’re even: In der eisigen Wildnis verschont Ygritte Jons Leben. Zusammen mit Qhorin Halfhand ist er den Wildlingen ausgeliefert.

Death is certain, time is not – Jaqen H’ghar

In The Prince of Winterfell wärmen Serienschöpfer und -autoren David Benioff und D.B. Weiss sämtliche Konflikte der Haupthandlungstränge der zweiten Staffel von Game of Thrones noch einmal auf und ebnen den Weg zum Staffelfinale. Entsprechend spannungsarm und karg kommt The Prince of Winterfell daher, die Handlung der Folge lässt sich einfach zusammenfassen:  In King’s Landing steckt Tyrion Lannister in einem Zwei-Fronten-Krieg. Nach Außen bereitet er die Hauptstadt des Reiches auf den Seeangriff des nahenden Stannis Baratheon vor, innerhalb der Mauern schlägt er sich mit den Intrigen seiner Schwester Cersei herum. Seine Partie jedoch souverän meisternd, findet Tyrion im tödlichen Game of Thrones tatsächlich so etwas wie Erfüllung. Robb Stark hat dagegen den Verrat seiner Mutter Catelyn zu erdulden, die seinen Gefangenen Jaime Lannister mit Brienne von Tarth heimlich weggeschickt hat, und begeht selbst Eidbruch – Seine Liebe zu Talisa gefährdet das Ehe-Bündnis mit den Freys. Jon wird jenseits der Mauer von Ygritte davor bewahrt, durch ihre Wildingsfreunde sofort getötet zu werden. Um ihre Drachen zu befreien, beschließt Dany endlich, das House of the Undying der Warlocks von Qarth aufzusuchen. Nach Tywin Lannisters Abreise verwendet eine clevere Arya Stark ihren letzten Todeswunsch darauf, Jaqen H’ghar dazu zu bringen, ihr und ihren Freunden die Flucht aus Harrenhal zu ermöglichen. Und in Winterfell lässt der Besuch seiner Schwester Yara Theon Greyjoy seine grausamen Taten überdenken, während Maester Luwin und der Zuschauer schließlich vom Offentsichtlichen überzeugt werden: Bran und Rickon Stark sind noch am Leben.

Es passiert also viel und doch nichts. The Prince of Winterfell hat wenig Sensation zu bieten. Mit ihren charakteristischen Schauwerten (exotische Handlungsorte, nackte Haut, Fantasy-Elemente, Sex-, Gewalt-/Splatterszenen, etc.) hält sich Game of Thrones auch in dieser Episode zurück, der Plot schreitet in sämtlichen Handlungssträngen nur schleppend voran. Und doch ist The Prince of Winterfell in der Gesamtdramaturgie der zweiten Staffel eine notwendige Zwischenetappe. Ein retardierender Moment, der das Ende hinauszögert, aber nicht abwenden kann. Ein alter
Erzählerkniff: Je langsamer die Geschichte gegen Ende vorangetrieben wird, desto wuchtiger bricht das Finale herein. Die berühmte Ruhe vor dem Sturm. The Prince of Winterfell kann insofern als eine Art verlängerte “Previously on Game of Thrones“-Einleitung zu den kommenden letzten beiden Folgen gesehen werden. Eine Bestandsaufnahme, in der die Elemente des Spiels ausgelotet werden: Wo stehen die einzelnen Parteien jetzt? Wie ist ihr Verhältnis untereinander? Worin liegen ihre Ziele? Was sind ihre Mittel? Und wie hoch ist ihr Einsatz?

 The Prince of Winterfell leidet jedoch an der Vielfältigkeit der unterschiedlichen Handlungsstränge. Benioff und Weiss fuhren bisher sehr gut damit, einige Handlungsstränge zu Gunsten der Entfaltung anderer in einer Folge komplett auszusparen. Es wurde sich Zeit genommen, um Charaktere auszuspielen, Handlungsorte einzuführen und Spektakel einzubauen. 25 Hauptcharaktere sind zu viel, um sie alle in 50 Minuten zu ihrem Recht kommen zu lassen. Dadurch, dass die Plots auf einem unterschiedlichen Entwicklungsstand liegen, kommt es in The Prince of Winterfell letztlich dazu, dass manche Figuren einen großen Schritt nach vorne machen, während bei anderen der Eindruck von Stagnation einsetzt. Am auffälligsten ist das bei Danys Handlungsbogen zu sehen: Da ihr Aufstieg in der letzten Staffel von der verletzlichen Prinzessin mit den Rehaugen zur Barbarenkönigin und Drachenmutter wenig Steigerungspotenzial hat, durchläuft sie dieselbe Entwicklung in der zweiten Staffel noch einmal. Am Anfang der zweiten Staffel begann sie in der Roten Wüste wieder von Null und macht einen langsamen Reifungsprozess durch. Ihr Auftreten im feindseligen Qarth wirkt wie das eines trotzigen Kindes, dem man sein Spielzeug genommen hat. Schließlich blieben ihre Szenen in den letzten Folgen vor dem Punkt stehen, an dem sie die nächste Schwelle zu übertreten hat – das House of the Undying. Dieses Ereignis wird jedoch bis zum Finale durch Zögerlichkeiten und Selbstjammer bis zum Unerträglichen hinausgezögert.

Why are all the gods such vicious cunts?

Der Clash of the Kings ist zugleich ein Kampf der Werte und Ideologien – Hinter jedem König steht eine andere Religion: Robb kämpft für den alten Glauben des Nordens, Joffrey verteidigt das Reich im Namen der Sieben Götter, Stannis sieht sich als Auserwählter von R’hlorr, dem Lord of Light, und Balon Greyjoy mordet nach dem Recht des Drowned Gods. So unterschiedlich die Glaubensrichtungen auch sind, eins haben sie gemeinsam: Sie kennen keine Gnade. “The Lord of Light wants his enemies burned, the Drowned God drowned. Why are all the gods such vicious cunts?”, bemerkt Tyrion im Gespräch mit Varys. Er hat Recht. Wo ist in Westeros der Gott der Lebensfreude und der Liebe?

The Prince of Winterfell führt einmal mehr das ernüchternd-pessimistische Weltbild der Serie – wie auch der Bücher – vor. Von dem fortwährenden Grauen der Welt bietet die Religion keinen Trost, sondern dient den Akteuren der Gewalt nur als Rechtfertigung, ihre schlimmste Seite voll ausleben zu können. Im Namen der Kulte von Westeros wird nicht das Leben gefeiert, sondern der Tod verhangen. Wirkliche Lebensbejahung findet sich beim säkularisierten Atheisten Tyrion, der sich das Diesseits zum Himmel macht und als einer der wenigen den Wert des Lebens erkannt zu haben scheint. Dem im Westeros allgegenwärtigen Memento mori setzt er ein fast schon hedonistisches Auskosten des Lebens entgegen, mit dem Hintergedanken, dass in der unsicheren Welt der Tod die einzige Konstante ist.

Interessanterweise scheinen im Angesicht von Krieg, Zerstörung, Gewalt und Verrat gerade die edlen Tugenden wie Vertrauen, Ehre oder Liebe den größten Schaden anzurichten. “Things I do for love”, sagte Jaime Lannister, als er Bran Stark Anfang der ersten Staffel aus dem Fenster stieß und damit eine fatale Ereigniskette in Gang setzte. Objektiv betrachtet hat Eddard Stark wegen seiner Ehrbarkeit den Tod vieler Menschen (einschließlich dem seinen) zu verantworten. Auch in The Prince of Winterfell treffen die Protagonisten aus Liebe die unüberlegtesten Entscheidungen: Catelyn bringt ihren Sohn Robb um sein mächtigstes Druckmittel, Jaime Lannister, weil sie sich um das Leben ihrer Töchter sorgt. Aus Mutterliebe zu ihren Drachen begibt sich Dany freiwillig in die Höhle des Löwen. Und Robbs Liebe zu Talisa macht ihn ebenso verletzlich wie Tyrions Zuneigung für Shae, derer er sich in einer spannenden Konfrontation mit Cersei schmerzlich bewusst wird. Der Weg zur Hölle ist eben mit guten Absichten gepflastert.

Auf der Mauer des Red Keep führen Tyrion und Varys theologische Gespräche.

Blackwater lautet der Titel der nächsten Episode von Game of Thrones, die aus der Feder von George R. R. Martin persönlich stammt. Im Zentrum der Folge wird der Kampf um King’s Landing stehen, der mit dem bisher höchsten Budget, das für eine Einzelfolge Game of Thrones ausgegeben wurde, bildgewaltig auf den Bildschrim gebracht wird. Hoffentlich wird sich dann das lange Warten in The Prince of Winterfell gelohnt haben.

Hier geht es zur gesamten NEGATIV-Berichterstattung zur zweiten Staffel Game of Thrones