Game of Thrones – Staffel 2, Episode 9: Blackwater


“Those are brave men knocking on our door. Let’s go kill them!” – Tyrion Lannister wird bei der Schlacht um King’s Landing zum Anführer wider Willen.

The worst ones always liveSansa

Eine Nacht. Ein Ort. Eine Schlacht. Blackwater, die neunte Episode der HBO-Serie Game of Thrones, verzichtet auf die gewohnt breite Ensemble-Dramaturgie und demonstriert, dass eine Fokussierung auf wenige Handlungsstränge ebenso komplex ausfallen kann. Statt von Ort zu Ort zu springen, richtet sich das Augenmerk der Folge aus der Feder von Buchautor George R.R. Martin allein auf die lang erwartete Schlacht um King’s Landing, auf die in der zweiten Staffel konsequent hingearbeitet wurde. Entsprechend kurz fällt die Handlungsbeschreibung von HBO selbst aus:  “Tyrion and the Lannisters fight for their lives.” So präzise ließ sich bisher keine Folge von Game of Thrones zuammenfassen. Die Dramaturgie der Folge unterteilt sich klassisch in drei Akte: Zu Beginn werden alle für die Folge relevanten Figuren in ihren persönlichen, letzten Stunden vor der Schlacht gezeigt, in der langen Mitte ereignet sich dann die Schlacht am Blackwater an sich, die Stannis zu gewinnen scheint, bis ein Wendepunkt zum letzten Abschnitt der Folge die Schlacht zugunsten der Lannisters ausgehen lässt.

Obwohl in Blackwater die Schlacht aus der Sicht der Lannisters erzählt wird…

Tyrion und Joffrey, Sansa und Cersei, Bronn und Sandor Clegane – Martin verknüpft die verschiedenen Handlungsstränge hinter, vor und auf den Mauern von King’s Landing mit pointierten Gegenüberstellungen. Da haben wir Tyrion Lannister, der wie schon in der restlichen zweiten Staffel die Hauptfigur des Geschehens ist. Er bekennt sich zu seiner Furcht vor der Schlacht, zweifelt an seinen Fähigkeiten und nimmt seinen Gegner – Stannis – todernst. Heimlich muss er sich von seiner Geliebten Shae verabschieden, um als Taktiker die Geschicke der Schlacht lenken zu können. Sein unsäglicher Neffe König Joffrey spielt sich dagegen als großer Kriegsherr in den Vordergrund. Von seiner zukünftigen Braut Sansa lässt er sein neues Schwert Hearteater küssen und schreitet mit geschwollener Brust in die Schlacht. Hochmütige Jungs wie er kehrten nicht lebendig aus der Schlacht zurück, bemerkt Shae. Ihre Herrin Sansa sieht es anders: “The worst ones always live.”

Und sie wird Recht behalten. Denn bei dem ersten Anzeichen von Gefahr lässt der König seine Stadt in Stich und bringt sich auf Wunsch seiner Mutter in Sicherheit. Die von ihm erwartete Führung geht auf Tyrion über. Dieser schultert die neu angebrachte Verantwortung zu seiner Überraschung ganz gut, er entpuppt sich als echter Anführer. Seine ausgearbeitete Wildfire-Falle kostet Stannis die Überlegenheit auf See und lässt dessen Flotte auf dem Fluss Blackwater in einem Meer aus Flammen versinken. Vom König auf dem Schlachtfeld im Stich gelassen, vermag Tyrion in einer ungewöhnlichen Ansprache den Kampfmut der Verteidiger von King’s Landing zu wecken: “Don’t fight for the king, but for your city!” Nachdem er durch sein strategisches Vermögen einen weiteren, kleinen Sieg gegen die inzwischen gelandete Armee von Stannis verbuchen kann, wird ihm schließlich das zuteil, was Joffrey versagt bleiben wird – der Respekt seiner Untergebenen. Doch der Triumph währt nicht lange. Vor den Mauern der Stadt wird Tyrion nicht durch feindliche Hand niedergestreckt, sondern durch die vermeintlich freundliche. Ser Mandon Moore von der Königswache versetzt Tyrion mit einem tiefen Schnitt durchs Gesicht eine ernsthafte Wunde, wird jedoch von Tyrions Knappen Podrick Payne zur Strecke gebracht, ehe er Tyrion ganz töten kann. Die Schlacht gegen äußeren Feind ist bestanden, den Krieg gegen den Feind von Innen verloren.

…wünscht sich ihnen der Zuschauer doch irgendwie keinen Sieg – wie Sansa.

Fuck the Kingsguard. Fuck this city. Fuck the king.  

Hinter den Mauern von King’s Landing schließt sich Cersei mit Sansa und den anderen Hofdamen in einen sicheren Raum ein – Nicht, da sie sich um deren Leben kümmert, sondern weil es von ihr so verlangt wird. Wie ihr Sohn Joffrey zeigt auch die Queen Regent im Höhepunkt der Schlacht ihr wahres Gesicht. Sie ist eine anpassungsfähige Löwin, die lieber als Löwe hätte geboren werden wollen. Mit allen Mitteln bereit, stets auf den Pfoten zu landen und nicht gewillt, sich die Bestimmung über ihr eigenes Leben und das ihrer Kinder aus den Händen nehmen zu lassen. Ihren Vollstrecker Ser Ilyn Payne hat sie nicht zum Schutz der Anwesenden bei sich, sondern als Henker, der sie bei verlorener Schlacht vor den Händen des Feindes bewahren soll. In der entscheidenden Stunde lässt sie wie ihr Sohn diejenigen im Stich, die unter ihrer Verantwortung stehen, so dass Sansa kurzzeitig ihren Platz einnimmt und sich als die bessere Königin erweist. Mit der Erwartung, dass Stannis jeden Moment die Stadt stürmt, sitzt sie in einem großartigen Finale der Folge auf dem Eisernen Thron, in der einen Hand hält sie ihren jüngsten Sohn Tommen, in der anderen eine kleine Phiole mit tödlichem Gift. In ihrem Wahn ist sie bereit, das äußerste zutun, doch hält sie in letzter Sekunde der unerwartet hereinbrechende Sieg in Gestalt ihres Vaters Tywin davon ab.

Die allerdings interessanteste Gegenüberstellung der Folge findet sich zwischen Bronn und dem Hound. Eigentlich haben die beiden Krieger viel gemeinsam: beißender Zynismus, eine Verachtung für den Ehrenkodex der Ritter und die Lust am Töten. Vielleicht geraten sie deswegen in den Stunden vor der Schlacht aneinander. Hätten die Warnglocken die Ankunft von Stannis nicht angekündigt, wären sie sich sicherlich an die Kehle gegangen. In der Schlacht am Blackwater wird jedoch der Unterschied der Figuren deutlich. Bronn ist ein gewissenloser Söldner. Wie er schon in The Night Lands deutlich gemacht hat, ist er zu allem bereit. Er befolgt jeden Befehl – sofern der Preis stimmt. Ausgerechnet er entzündet das unmenschliche Wildfire, das Stannis’ Männer, unter ihnen Davos’s Sohn Matthos, grausam niederbrennen wird. Angesichts des Feuers um sich herum verliert Sandor vor den Mauern der Stadt währenddessen seinen Mut. Er hegt vor dem Element eine tiefsitzende Furcht, hat ihm doch sein Bruder Ser Gregor in einem Akt kindlicher Grausamkeit das halbe Gesicht weggebrannt. Das Feuer erinnert Sandor schmerzlich an die grenzen- wie auch sinnlose Brutalität des Menschen, so dass er nicht nur der Schlacht, sondern auch seinem unbarmherzigen König den Rücken kehrt und die Flucht ergreift. In einer letzten Begnung mit Sansa werden seine Grenzen deutlich: Es gibt Dinge auf der Welt, denen er noch einen Wert beimisst, so dass sie vor seiner schier zügellosen Gewalt verschont bleiben.

Und Stannis? Unter den Hauptfiguren der zweiten Staffel wird sein Auftreten in der Folge wieder einmal auf die Rolle der äußeren Bedrohung reduziert. Er ist der große Widersacher, Einblicke in seinen Charakter gibt es nicht wirklich. Von all seinen Feinden scheint sein verbissener Fanatismus der größte zu sein. Wieder spielt die Metapher des Feuers eine große Rolle. Er, der im Namen des Roten Gottes seine Feinde beim lebendigen Leib verbrennt und die lodernden Flammen in sein Wappen aufgenommen hat, wird ironischerweise durch das Feuer selbst besiegt. Der Umschwung, der die Schlacht zugunsten der Lannisters ausgehen lässt, ist im Grunde von Stannis selbst verschuldet. Überraschend kommt eine fremde Armee den Lannisters zur Hilfe und durchbricht Stannis’ Flanken. Angeführt werden sie von einer tobenden Gestalt in der glänzenden Rüstung seines verstorbenen Bruders Renly. Kein Geist, sondern Ser Loras, den Stannis zusammen mit dem Rest des mächtigen Hauses Tyrell an die Lannisters verloren hat, als er Renly durch seine Rote Priesterin Melisandre hat umbringen lassen. Die Fehler der Vergangenheit holen ihn ein. Schließlich muss der in Raserei verfallene Stannis von seinen eigenen Männern vom Schlachtfeld gezerrt werden, selbst im Anblick seiner Niederlage bleibt sein Kampfwille unerloschen.

Feuer mit Feuer bekämpfen: Bronn setzt Tyrions grausame Geheimwaffe, das Wildfire, frei.

Valar morghulis


Blackwater ist vielen Punkten eine durchaus herausragende Episode. In der bis dato teuersten Folge der Serie wird mit großem Aufwand endlich das nachgeholt, worauf Fans wie Zuschauer lange warteten: Die Inszenierung einer der vielen großen Schlachten der Bücher. Diese wurden bisher aus Budget- oder Zeitgründen mit einer mehr oder weniger geschickten Montage umgangen. Die Schlacht am Blackwater kann sich durchaus sehen lassen, ihr Schauwert lässt dank beeindruckenden Spezialeffekten, großen Massenszenen und hervorragendem Schauspiel an die großen Schlachtszenen epischer Kinoerzählungen denken. Doch im Unterschied zu den großen Gefechten in anderen Fantasy-Spektakeln wie Der Herr der Ringe ist sich der Zuschauer bei Game of Thrones nicht ganz sicher, welcher Seite er den Sieg wünschen sollte. Eine klare Gut- Böse-Einteilung gibt es nicht. Werden die unausstehlichen Lannisters von Stannis bezwungen, so sterben auch sympathische Figuren wie Tyrion oder Sansa, ganz zu schweigen von der unschuldigen Bevölkerung der Stadt, die sich zur falschen Zeit am falschen Ort befindet. Extremist Stannis bietet darüber hinaus keine wirkliche Alternative als König, er will Robb Stark ebenso tot sehen wie Joffrey. Man würde nur einen Wahnsinnigen durch einen Wahnsinnigen ersetzen. Und doch spürt man keine wirkliche Erleichterung, als Tywin Lannister als deus ex machina mit den Tyrells die fast verlorene Stadt rettet, wie es etwa in Die zwei Türme bei der Schlacht um Helms Klamm mit Gandalfs unverhofftem Auftreten der Fall ist. Letztlich wird einem nur die Unmenschlichkeit des Krieges vorgeführt, der überall seine Opfer fordert. Egal, welche Seite siegt, verloren haben sie beide.

Wir können auch anders. Blackwater ist auch deshalb interessant, weil die Folge zeigt, dass im Vergleich zu den bisherigen Folgen eine eher vereinfachte Dramaturgie mit nur einem Handlungsort und nicht einmal der Hälfte der Hauptfiguren ebenso spannend sein kann. Denn mitunter kann die Stärke der Serie – das komplexe Erzählgeflecht vielseitiger Handlungsstränge – auch zu ihrer Schwäche werden, wie die vorhegehende Episode The Prince of Winterfell gezeigt hat. Man muss nicht immer wissen, was gleichzeitig in King’s Landing, Winterfell, Qarth, Harrenhal und jenseits der Mauer passiert. Eine gut gewählte Fokussierung kann ebenso funktionieren wie ein breitaufgefächtertes Panoptikum.

Für das Staffelfinale nächste Woche wird es jedoch noch einmal zum großen round-up kommen: Die Konflikte in den anderen Handlungssträngen drängen nach einer fulminanten Auflösung – Etwa der Besuch von Daenerys im House of the Undying, Die Entscheidung um Winterfell, Jons Schicksal in der Gefangenschaft der Wildlinge und natürlich jenes große Ereignis, das aus dem dritten Buch in das Finale der zweiten Staffel vorverlegt wurde. Was wird es sein? Unglück liegt in der Luft, wieder einmal scheint der Tod in der unsicheren Welt von Game of Thrones die einzige Gewissheit zu sein. Valar morghulis lautet der Titel der letzten Folge der zweiten Staffel – All men must die.

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