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| Filmstill aus Abuelas – Copyright: 19. Internationales Trickfilm-Festival 2012 Stuttgart |
Das Internationale Trickfilm-Festival Stuttgart sucht in seiner Bandbreite seinesgleichen. Bereits zum 19. Mal werden zwischen dem 08. und 13. Mai 2012 um die tausend Trickfilme gezeigt, die einen Querschnitt durch alle Ausformungen der Gattung bieten. In der größten Sparte Internationaler Wettbewerb konkurrieren insgesamt 40 im vergangenen Jahr entstandene Filme um vier Preise.
Nochmals in fünf Programme untergliedert, wird deutlich, wie schwer es ist, die Filme in eine Ordnung zu bringen, könnten sie doch unterschiedlicher nicht sein. Sei es thematisch, sei es technisch oder stilistisch, die Filmemacher aus der ganzen Welt haben das Medium Animationsfilm dazu verwendet, verschiedenste Visionen und Anliegen zu visualisieren.
Die Möglichkeit, mit einem animierten Kurzfilm auf politische Zustände oder vergangene Geschehnisse hinzuweisen, wurde in mehreren Fällen genutzt. Afarin Eghbals Film Abuelas (GB 2011), was »Großmütter« bedeutet, erzählt in Stop-Motion-Technik von den vielen Großeltern in Argentinien, die immer noch auf der Suche nach ihren Enkelkindern sind. Unter dem Militärregime zwischen 1976 bis 1983 sind auch viele Frauen und Kinder spurlos verschwunden. Die Kinder wurden häufig von Offiziersfamilien adoptiert und wissen nichts von ihrer ursprünglichen Herkunft. Viele Großmütter kämpfen heute immer noch darum, ihre verlorenen Enkelkinder wiederzufinden. Leere Kinderzimmer, in denen Spielzeug sinnlos umherkreist, verdeutlichen in dem Film den Verlust der Familien.
Auch Heldenkanzler (D 2011) von Benjamin Swinczinsky berichtet von einer politischen Begebenheit, die noch heute umstritten ist. In den frühen 1930er Jahren existierte in Österreich für kurze Zeit ein christlicher Austro-Faschismus unter Engelbert Dollfuß, der bereits 1934 ermordet wurde. In dem Film, ganz in schwarz-weiß gehalten und mit roten Akzenten durchzogen, wird er als klein geratene, größenwahnsinnige Figur ins Lächerliche gezogen. Seine Ähnlichkeit zu Hitler in Aussehen wie Verhalten gibt zu denken, denn Dollfuß hatte sich selbst stets vom deutschen Nationalsozialismus distanziert und agierte gegen Arbeiterbewegungen.
Leonids Story (Ukraine 2011) von Rainer Ludwigs wiederum legt den Finger auf die Auswirkungen des Atom-GAUs in Tschernobyl 1986. Auch heute, 26 Jahre nach der Katastrophe, leiden die ehemaligen Bewohner der kontaminierten Zone an den Spätfolgen. Der Film zeichnet das Ereignis aus der Sicht eines Beamten nach, dessen Leben durch den Unfall massiv beeinträchtigt wurde. Er musste auch nach der Evakuierung vor Ort bleiben und ist danach nie wieder richtig gesund geworden. Tatsächlich wurde der Zusammenhang zwischen den Beschwerden vieler Betroffener und der Katastrophe erst 2010 offiziell anerkannt. Fotos zeigen den Mann, an dessen Erfahrungen sich der Film anlehnt, am Schluss mit seiner Familie. Auch die zeitweilige Überblendung in Fotografien der nahe gelegenen, verlassenen Stadt Prypjat schlägt die Brücke zwischen Animationsfilm und Realität.
Der einzige japanische Beitrag stellt den Lebenslauf einer 66-jährigen Zikade dar und bezieht sich zudem konkret auf die Atomkatastrophen in Japan: die Atombombenangriffe vor 66 Jahren und den Tsunami und die dadurch ausgelöste Nuklearkatastrophe in Fukushima 2011. 663114 (Japan, 2011) heißt der Film von Isamu Hirabayashi, was ein Code ist für die Eckdaten des Ereignisses: 66 Jahre waren die Atomangriffe auf Hiroshima und Nagasaki her, am 11. März 2011 (3/11) kam es zu dem Unglück, wobei vier Reaktoren beschädigt wurden. Der Film ist durch eine Optik von traditionellem Papier, Tintenzeichnungen und für Japan typische rote Stempel geprägt. Hier findet ihr eine sehr lesenswerte ausführliche Kritik von Catherine Monroe Hotes.
Weniger auf eine konkrete politische Situation ausgerichtet, aber durchaus gesellschaftskritisch zeigt sich La Détente (FR 2011) von Pierre Ducos und Bey Bertrand. Ein Soldat erlebt den Krieg als großes Abenteuer in einem Freizeitpark: Die Kanonen schießen Blumen und bunten Rauch, Handgranaten sind bloß Zuckeräpfel, die Invasion in eine Festung kommt einer Fahrt in der Geisterbahn gleich. Doch die animierte, farbenfrohe Phantasiewelt stimmt nicht mit der düsteren Wirklichkeit überein. Die Bedeutung des Titels, der auf den Abzug einer Waffe anspielt, erklärt sich erst am Ende des Beitrags, als der Soldat sich mit einem Gewehrlauf am Kopf wieder im realen Kriegsgeschehen befindet. Hier wird die kriegsgegnerische Position der Filmemacher deutlich: Krieg, häufig verharmlost, ist eben doch der knallharte Kampf um Leben und Tod.
Viele Beiträge des Wettbewerbs konzentrieren sich neben diesen Filmen mit politischer Dimension mehr auf Einzelschicksale, Alltagssituationen und die Aufarbeitung von emotionalen und sozialen Themen. Ein Beispiel hier ist Zeinek gehaigo iraun (engl. Who lasts longer?, Spanien 2011). Der Trickfilm von Gregorio Muro erzählt im Stil von Aquarellmalerei die Folgen einer missglückten Mutprobe, die den Lebenswillen einer Mutter auf die Probe stellt.
Die Rolle, die der Vater im Leben eines Kindes spielt, wird in Father (Bulgarien, Kroatien, D 2012) ausgelotet. Gleich sechs Künstler sind für diesen Film verantwortlich: Ivan Bogdanov, Moritz Mayerhofer, Asparuth Petrov, Veljko Popovic, Rositsa Raleva und Dmitry Yagodin. In schlichtem Schwarz-Weiß mit sparsam eingesetzten Farbakzenten erzählen fünf unterschiedlich gestaltete Kinder von ihrer persönlichen Beziehung zu ihrem Vater. Eines haben sie alle jedoch gemeinsam: Sie wurden von dem Menschen, der ihnen Leitfigur und Halt sein sollte, enttäuscht, ignoriert oder gar verlassen.
In Wild Life (Kanada 2011) von Wendy Tilby und Amanda Forbis ist ebenfalls jemand auf sich allein gestellt. Ein junger Siedler aus England beginnt ein neues Leben als Rancher in der Prärie der Neuen Welt. Seine Familie wiegt er in Briefen in Sicherheit, glücklich und erfolgreich zu sein, doch tatsächlich drängen ihn seine Vergnügungssucht und Unverantwortlichkeit immer mehr ins Verderben. Unterbrochen wird der Film mehrmals von kurzen Interviewantworten der anderen Anwohner auf die Frage, was sie von dem Engländer halten. Verblassende Farben illustrieren Vereinsamung und Niedergang des jungen Mannes. Einsam ist auch die Hauptfigur in einem Film der in einer Art schwarz-weißem Comicstil gehalten ist. Joseph Pierce erzählt in The Pub (GB 2011) von dem anstrengenden Arbeitsalltag einer jungen ausländischen Barkeeperin. Wabernde Gestalten, baumartige Auswüchse, Tierfratzen und ein ständiges Verzerren der Gesichter erzeugen eine bedrohliche Atmosphäre.
Das Leben kann einem allerdings nicht nur von unliebsamen Pubgästen schwer gemacht werden: In El Macho (GB 2011) von Daniel Negrin Ochoa ist es ein Hund, der eine Familie in Aufruhr versetzt und vor allem dem Mann des Hauses gehörig auf die Nerven geht. Grellbunte Farben und quietschende Frauen wirken ebenso aufdringlich und störend wie das neue Haustier.
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| Filmstill aus El Macho – Copyright: 19. Internationales Trickfilm-Festival 2012 Stuttgart |
Viele Filme des Wettbewerbs setzen also einen Schwerpunkt auf private Geschichten, dann stehen einzelne Personen und ihre emotionale Verfassung im Vordergrund. Oder sie wollen auf konkrete politische und historische Umstände aufmerksam machen. Das Medium ist in diesen Fällen oftmals weniger Ausdrucks- als Kommunikationsmittel. Die künstlerische Gestaltung ist zwar nicht nebensächlich, soll aber primär die Botschaft des Films unterstreichen. Daneben sind auch phantastischere und abstraktere Arbeiten unter den Animationsfilmen des Internationalen Wettbewerbs zu finden. Einige der Filme, die eine phantasievolle Geschichte erzählen, ohne erkennbare Handlung ein visuell-auditives Erlebnis bieten oder den Zuschauer in eine phantasievolle, teils groteske Welt entführen, werden in einem Folgeartikel vorgestellt.



