Neu im Kino – Kinotipps vom 30.05.2012


Die letzte Kinowoche hat die Messlatte sehr hoch gesetzt. Die neue kann zwar trotz vierzehn neuer Releases nicht ganz anknüpfen, das bedeutet jedoch nicht, dass sie keine empfehlenswerten Filme zu bieten hätte. Ganz im Gegenteil:

Benoît Jacquots Historiendrama Leb wohl, meine Königin ist unsere erste ausdrückliche Empfehlung der Woche. Hier lässt man die Unruhen der französischen Revolution im Juli 1789 wieder aufleben und zeigt den Abgesang auf die französische Monarchie aus einer neuen Perspektive. Im Schloss Versailles lebt die königliche Vorleserin Sidonie Laborde (Léa Seydoux) zusammen mit König Ludwig XVI. (Xavier Beauvois) und dessen Gemahlin Marie Antoinette (Diane Kruger), für die sie angestellt ist. Während man sich dort zuerst in Sicherheit wähnt, tragen die immer stärker werdenden Proteste die Aufregung bis ins Königshaus. Laborde will die wirkliche Gefahr jedoch nicht erkennen und verschließt sich so gegenüber den geschmiedeten Fluchtplänen und der Panik. Doch schon bald kommt es zum unabwendbaren Abschied von ihrer Herrin und engen Vertrauten, als Marie Antoinette zum Umzug in die Höhle des Löwen, nach Paris gezwungen wird. Leb wohl, meine Königin legt den Fokus nicht auf die Darstellung des Prunks von Versailles oder des Leids der armen Bevölkerung, sondern auf die Handlung und die Figuren innerhalb des Hofstaats, deren ambivalente Persönlichkeiten in diesem von der Gesellschaft abgeriegelten Raum sehr interessant zu beobachten sind. Elisabeth Maurer sah Leb wohl, meine Königin auf der diesjährigen Berlinale und schrieb:

“Die Konzentration auf diese erstaunlich vielschichte Figur, die mitunter extravaganten Aufnahmen, die eingesetzt werden, um die Sicht dieser Figur zu unterstreichen, kombiniert mit den ungewöhnlichen Disharmonien in der Filmmusik, erschaffen einen sehr stimmungsvollen und originellen Blick auf eine historische Zeit.”

Nach Marley in der vorletzten Woche schafft es auch dieses Mal wieder eine Dokumentation in unsere Empfehlungen. Cindy Meehls Regiedebüt Buck portraitiert den “wahren Pferdeflüsterer” und reale Vorlage zum gleichnahmigen Roman von Nicholas Evans, Buck Brennaman, und dokumentiert nicht nur seine Arbeit, die ihn um den ganzen Globus führt, sondern auch seine schwierige, von Gewalt geprägte Kindheit. Brennaman, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, auf seine unorthodoxe Art und Weise Pferden ihre Ängste und Blockaden zu nehmen, prägt mit seiner Arbeit auch die Besitzer seiner Patienten und gewährt ihnen einen Einblick in ihre eigene Psyche und ihr Verhalten. Gerade dieser Aspekt macht Buck zu mehr als einem Pferdefilm. So wird zwar auch die beinahe surreale Verbindung zwischen Mensch und Tier stark thematisiert, schlussendlich geht es in Buck jedoch um zwischenmenschliche Beziehungen und die Introspektion. Cindy Meehl schafft es, diese beiden Aspekte zusammen mit Brennamans eigener Geschichte zu einem beeindruckenden Film zu verschmelzen, der jedem, nicht nur Pferde- und Reitfans, zu empfehlen ist.

Auch das Mittelfeld der neuen Kinowoche wird von Dokumentarfilmen dominiert.

Bulb Fiction nennt sich die österreichische Dokumentation von Christoph Mayr. Wie der Name bereits verrät, dreht sich hier alles um die Glühbirne, oder vielmehr ihr Ende. Denn die herkömmliche Glühbirne soll laut EU-Beschluß aus ökologischen Gründen vollständig vom Markt verschwinden und durch Energiesparlampen ersetzt werden. Bulb Fiction blickt hinter die Kulissen und entdeckt Lobbyarbeit und zerfahrene EU-Bürokratie. Mayr macht auch auf Risiken der neuen Lampen aufmerksam und liefert Fakten und Denkanstöße, die das, in den letzten Jahren wiederbelebte, Wutbürgertum dazu veranlassen sollen, sich auch mit dem bisher weitgehend kritiklos durchgewunkenen Beschluss zu beschäftigen und gegebenenfalls zu rebellieren. Bulb Fiction fordert allerdings nicht dazu auf, sondern versteht sich als aufklärerisches Werk, das dem Zuschauer das Wissen und den nötigen Überblick vermittelt. Was dieser schließlich damit anfängt, bleibt ihm überlassen. Und so ist Bulb Fiction sicherlich ein interessanter Film, auch für all diejenigen, die einen Blick hinter die verschlossenen Türen der Lobbyarbeit und der EU werfen wollen. Und natürlich für Glühbirnenfans.

Ebenfalls um eine Dokumentation handelt es sich bei Nicole Belluccis Im Garten der Klänge. Hier wird die Geschichte des blinden Klangforschers und Musiktherapeuten Wolfgang Fasser erzählt. Fasser, der im Alter von 22 Jahren sein Augenlicht verlor, lernte schon früh, sich eine klangorientierte Parallelwelt zu schaffen, die auch ohne visuelle Eindrücke funktionieren kann und ihm Aspekte und Klangwelten offenbart, die Sehende oft überhaupt nicht wahrnehmen. Geprägt durch seine eigenen Erfahrungen, eröffnete Fasser später eine Klinik in der Toskana, wo er in einer Musiktherapie mit schwerbehinderten Kindern arbeitet. Bellucci zeigt mit Im Garten der Klänge ein eindrucksvolles Porträt, besonders auffallend und positiv hervorzuheben ist jedoch die Vertonung des Filmes, auf die besonders viel Wert gelegt wurde, um die klangliche Parallelwelt Fassers greifbarer zu machen.

Alexander Marcus, der selbsternannte König der Electrolore, macht auch vor dem Filmgeschäft nicht halt und präsentiert mit Glanz &a Gloria seinen ersten, zu großen Teilen durch Crowdfunding finanzierten Kinofilm. Unter der Regie seines angestammten Musikvideo-Regisseurs Andreas Coupon spielt er den Starsänger Alexander Marcus, der von seiner Managerin (Ines Aniol) gezielt unter Drogen gesetzt wird. Als Alexander schließlich ins Krankenhaus eingeliefert werden muss, will sie ihn mit Gewalt zum Schweigen bringen und durch einen neuen Sänger ersetzen. Um an die Spitze zurückzukehren, muss Alexander vor ihr flüchten und die Liebe zu sich selbst und zur Musik neu finden. Wer einen ernstgemeinten Film erwartet, wird hier enttäuscht werden. Wer allerdings weiß, worauf er sich einlässt, wenn er in einen Film mit Alexander Marcus geht, könnte an Glanz & Gloria seine Freude haben. Selbstironisch, geschmacklos und gezielt schlecht. Aus dieser für das Schaffen von Alexander Marcus typischen Mischung bezieht der Film seine Komik und wird damit bei seinen Fans sicherlich bald Kultstatus erreichen.

Mareike Wegeners Dokumentation Mark Lombardi – Kunst und Konspiration wirft einen genaueren Blick auf das künstlerische Schaffen des New Yorker Künstlers und sein Vermächtnis. Bekannt wurde Lombardi für seine Soziogramme, die politische, soziale und wirtschaftliche Strukturen künstlerisch umsetzten. Auch Terrorismus spielte eine Rolle in seinen Werken, bis Lombardi, der lange das Gefühl hatte, beschattet zu werden, sich 2000 das Leben nahm. Erst nach den Anschlägen vom 11.September 2001 rücken Lombardis Soziogramme wieder in den Fokus. Das FBI hofft, bei seinen Ermittlungen von den Recherchen und Arbeiten des Künstlers profitieren zu können. Trotz der oft verwirrenden Kunst Lombardis, schafft es Mareike Wegener, mit Mark Lombardi – Kunst und Konspiration ein sehr geordenetes und gut strukturiertes filmisches Porträt zu erschaffen, das sich jedoch hauptsächlich mit der Geschichte des vorrausdenkenden Künstlers und weniger mit seinen Thesen und Werken beschäftigt.

In Meine Freiheit, Deine Freiheit begleitet Regisseurin Diana Naecke die beiden jungen Gefängnisinsassinnen Kübra und Salema auf ihrem Weg in die Freiheit. Kübra sitzt nach mehreren Straftaten im Frauengefängnis in Berlin-Lichtenberg und soll nun nach über vier Jahren entlassen werden. Die Waisin und bürgerkriegsflüchtige Salema kämpft mit Integrationsproblemen und soll nach wiederholten Gefängnisaufenthalten in eine betreute Wohngruppe ziehen. Trotz der mit geringsten privaten Mitteln gemachten Aufnahmen und einigen etwas verwirrenden zeitlichen Sprüngen im Film, stellt Meine Freiheit, Deine Freiheit eine durchaus interessante Dokumentation dar, die eine wilkommne Abwechslung zu Knastdokumentationen voller Gewalt und interner Machtkämpfe bietet. Hier liegt der Fokus auf den Gefühlen und Ängsten der Insassinnen, die sich nun in eine, ihnen sehr fremde Gesellschaft integrieren sollen.

Parabeton – Pier Luigi Nervi und Römischer Beton von Heinz Emigholz reiht sich in dessen Dokumentationsreihe über Architektur ein. In seinem neuesten Film wirft der Regisseur einen Blick auf die weltberühmten Betonbauten des 1979 verstorbenen Architekten Pier Luigi Nervi. Dabei zieht er immer wieder den Vergleich zu römischen Bauten aus den ersten Jahrhunderten nach Christi und studiert deren Stil und ihre architektonischen Errungenschaften. Parabeton – Pier Luigi Nervi und Römischer Beton stellt damit eine interessante Dokumentation und Analyse architektonischer Parallelen dar und würdigt zusätzlich die Arbeit Nervis, der zu den wichtigsten Architekten des 20. Jahrhunderts zählt. Dem Stoff entsprechend wird der Film vermutlich jedoch nur Architekturfans wirklich begeistern können.

Boaz Yakins Safe – Todsicher zeigt Jason Statham, wie sollte es auch anders sein, in einem neuen Actionfilm. In der Rolle des ehemaligen Polizisten Luke Wright macht er es sich zur Aufgabe, das Mathematik-Wunderkind Mei (Catherine Chan) vor der russischen Mafia zu beschützen. Das von den Triaden nach Amerika verschleppte Mädchen kennt den komplizierten Code zu einem Safe, der enorme Reichtümer beherbergt. Grund genug für die Mafia, Jagd auf Mei zu machen. Für Luke, dessen Frau von der russischen Mafia ermordet wurde, wird es zur Herzensangelegenheit, Mei und ihr Wissen zu retten und so entbrennt eine actiongeladene Verfolgungsjagd durch New York, in der den beiden nicht nur die Mafia, sondern auch Meis skrupelloser Adoptivvater und Triadenmitglied Quan Chang (Reggie Lee) auf den Fersen ist. Geboten wird hier kein bahnbrechendes, aber durchaus solides und packendes Actionkino, für das vor allem Statham und Lee die Garanten sind. Safe – Todsicher leidet unter einem sehr schleppenden Anfang und einigen Ungereimtheiten, die Action- und Stathamfans jedoch nicht weiter stören werden.

In Tabu – Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden erzählt Regisseur Christoph Stark die Geschichte des österreichischen Dichters Georg Trakl (Lars Eidinger) und dessen Romanze mit seiner Schwester Grete (Peri Baumeister).  Während Grete, die ihrem Bruder nach Wien folgte, auf eine gemeinsame Zukunft hofft, befindet sich Georg ständig im Kampf zwischen der beflügelnden Liebe zu seiner Schwester, dem gesellschaftlichen Druck und seinen eigenen Schuldgefühlen. Er versucht sich aus dieser Stresssituation zu flüchten, indem er Drogen konsumiert und seine Schwester dazu zwingt, zu heiraten. Grete will die Beziehung jedoch nicht aufgeben. Trotz der interessanten und provokanten Story und der zwischendurch eingelesenen Gedichte Trakls kann Tabu – Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden jedoch nicht völlig überzeugen. Der Film versinkt zu stark im übertriebenen Pathos und den viel zu theatralisch wirkenden Dialogen.

Mit Snow White and the Huntsman gibt Rupert Sanders dem klassischen Schneewittchenmärchen ein neues, actionlastigeres Gesicht. Die neidische Königin (Charlize Theron) trachtet der einzigen Frau im Land, die schöner ist als sie selbst, nach dem Leben. Hierbei handelt es sich ausgerechnet um ihre Stieftochter Snow White (Kristen Stewart). Als diese vor der Königin flüchtet, schickt die böse Monarchin ihr den Huntsman (Chris Hemsworth), einen Jäger, auf die Fersen. Seine Aufgabe ist es, Snow White zu finden und zu töten, doch stattdessen wird er zu ihrer einzigen Lebensversicherung und bringt ihr sogar Kampftechniken bei, mit denen Snow White bald beschließt, den Thron anzugreifen um ihren rechtmäßigen Platz einzunehmen. Auch die zweite Schneewittchen-Adaption dieses Jahres unterhält nur mäßig, weil sie sich auf eine langatmig erzählte Geschichte stützt, die zwar das Märchen anders, aber dabei trotzdem in angestaubter Action-Variante präsentiert.

Zum Schluss der Kinowoche stellen wir euch wie immer jene Filme vor, von denen wir guten Gewissens eher abraten wollen.

Der erste Film in dieser Kategorie ist die Komödie Bad Sitter von David Gordon Green. Hier verdingt sich der College Student Noah (Jonah Hill) als Babysitter für die drei Nachbarskinder (Max Records, Landry Bender und Kevin Hernandez). Da Noah Kinder ebenso wenig leiden kann, wie sie ihn, steht der Abend von Anfang an unter einem schlechten Stern und als Noah in die Stadt fährt und dabei notgedrungen die drei Kinder mitnehmen muss, nimmt das Chaos seinen Lauf. Nach einem soliden und auch amüsanten Start, verliert Bad Sitter mit der Zeit immer mehr seine Bissigkeit und in einem völlig überzeichneten, unlogischen und kitschigen Happy End auch den letzten Rest an Glaubwürdigkeit und Komik. So bleibt am Ende nur eine extrem mittelmäßige Story, die auch durch die guten schauspielerischen Leistungen aller Beteiligten nicht mehr zu retten ist.

In Maria Blumencrons Wie zwischen Himmel und Erde beschließt die junge Medizinstudentin Johanna (Hannah Herzsprung) nach Tibet zu reisen und dort einen über 8000 Meter hohen Berg zu besteigen. Auf ihrer Reise stößt sie nicht nur auf die interessante Mythologie sondern auch kulturelle Differenzen des tibetanischen Volkes. Als sie schließlich eine Entdeckung auf einer Tour macht, steht fest, dass die Reise ganz anders werden wird, als Johanna sie sich vorgestellt hatte. Die Story sowie die Gründe, die Johanna zu ihrem Handeln motivieren, werden jedoch zu keiner Zeit wirklich glaubwürdig dargestellt. In Kombination mit den stellenweise klischeehaften Charakteren und der schlechten deutschen Synchronisation, wird aus Wie zwischen Himmel und Erde nicht mehr als ein stark unbefriedigendes Kinoerlebnis, dessen einzige Höhenpunkte einige eindrucksvolle Panoramaaufnahmen darstellen.

In LOL – Laughing Out Loud von Lisa Azuelos findet Mutter Anne (Demi Moore) das Tagebuch ihrer Tochter Lola (Miley Cyrus) und ist schockiert. Ohne ihr Wissen machte ihre Tochter bereits Erfahrungen mit Drogen und spielt mit dem Gedanken ihre Jungfräulichkeit zu verlieren. Zwischen Lola und ihrem besten Freund Kyle (Douglas Booth) bahnt sich nämlich eine Romanze an. Anne fällt aus allen Wolken und muss nun, zusätzlich zu dem eigenen Gefühlschaos nach ihrer Scheidung, auch mit der Pubertät ihrer Tochter umzugehen lernen. Das amerikanische Remake des gleichnamigen Französischen Films von 2008, bei dem ebenfalls Lisa Azuelos für Regie und Drehbuch verantwortlich war, macht es sich sehr einfach. Abgesehen von der Abänderung einiger französischer Namen ist das Drehbuch inklusive Gags und ganzer Dialoge fast unverändert. So wurde einfach derselbe Film noch einmal mit anderen Schauspielern gedreht. Anstatt das Original damit zu toppen, sinkt LOL – Laughing Out Loud jedoch qualitativ ins Bodenlose. Das schwache uninspirierte Schauspiel der überschminkten Teenstars und das völlige Fehlen neuer Ideen und Impulse macht den Film zum Prototyp eines schlechten Remakes. Schon die Vorlage war keine filmische Offenbarung und hielt dem Vergleich mit dem französischen Teenie-Kultfilm La Boum nicht stand, versprühte jedoch noch einen gewissen Charme und Echtheit. Beides fehlt dem amerikanischen Remake komplett und so hätte Lisa Azuelos gut daran getan, es bei ihrem Original zu belassen.

Um nach soviel Kritik noch einmal die positiven Seiten der neuen Kinowoche in Erinnerung zu rufen, zeigen wir euch hier noch einmal die Trailer zu unseren beiden  Empfehlungen:

Leb wohl, meine Königin

Buck

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