No body is perfect | Cannes 2012


Fressen und gefressen werden und Ken Loach auf Whiskey-Trip; Cannes-Blog, Folge 5.

Die ersten Minuten führen ziemlich in die Irre: Ein älterer Mann unter einem Computertomographen. Schnitt: Dschungel, Nacht, Lärm, offensichtlich eine Verfolgungsjagd. “Kill the European!” ist zu hören, Schüsse fallen, der Mann, der sich im Unterholz versteckt hat, überlebt als einziger. Wir sehen seine Angst, wir sehen ihn am nächsten Morgen und dann leicht verwundet im Krankenhaus. Ein brutaler Auftakt, der auch aus einem amerikanischen Vietnam-Film stammen könnte, und unser aller Angst vorm wilden Lateinamerika in Bilder fasst. Dann sieht man ein Boot durch den Dschungel tuckern, die peruanische Flagge signalisiert den Ort, Ricardo Darin, der den anderen Mann vom Anfang spielt, fährt hin, holt den Verwundeten aus dem Krankenhaus, nach Buenos Aires. Musik baut sich dabei auf, von Michael Nyman, diese Dschungelfahrt und Stadtankunft ist eine lange, sehr gute, schöne Szene; man glaubt noch eine Weile an einen Traumabewältigungsfilm, aber das ist dies ganz und gar nicht. Wie sich herausstellen wird, hat Julian, den Darin spielt, den anderen, Nicholas, gespielt von Dardenne-Schauspieler Jeremie Renier, nur von einem Dschungel in den anderen gebracht, den bei uns.

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Dann die Titel-Credits zu einem schönen Rap: “las cosas que no se tocan” heißt der Song, und darin heißt es: “Me gusta la calle, me gusta Madonna, me gusta los perros, me gusta el trafic, me gusta arroz, me gusta ombra…”

Der Argentinier Pablo Trapero bietet in Elefante Blanco ein facettenreiches, emotional intensives Szenario rund um den titelgebenden “Weißen Elefanten”. So heißt im Volksmund ein riesiger Wohnblock am Rand der Slums von Buenos Aires, der der zentrale Schauplatz von Traperos Film ist. Vom seinerzeitigen Minister Alfredo Lorenzo Palacios (1880-1965) im Jahr 1937 als ein sozialdemokratisches Vorzeigeprojekt errichtet, mehrfach gestoppt, und wieder begonnen, nie fertiggestellt, inzwischen verfallen und vermüllt, aber zugleich großartig: Eine Welt für sich, faszinierend wie ekelerregend, wo auf dem Dach schwer drogensüchtige Jugendliche vor sich hin vegetieren, im Erdgeschoss ein Krankenhaus betrieben wird und diverse Hilfsorganisationen daran arbeiten die Lage der Menschen in den Slums zu verbessern. Das Leben dort ist geprägt von Armut, Drogen, dem Desinteresse des Staates und von gnadenlosen Bandenkriegen. Wenn man sich für Buenos Aires interessiert: Gedreht wurde zum einen in den harten Slums der “Villa 31″, ansonsten in der “Villa Lugano” oder auch “Villa 15″, wo auch der Weiße Elefant steht. Trapero dokumentiert hautnah, voller Neugier und mit menschlicher Anteilnahme diese mittelalterlichen Verhältnisse.

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Im Zentrum seines Films stehen zwei katholische Priester: Julian, der Ältere, ist seit Jahren vor Ort. Nicholas ist neu, mit seinen Augen lernen wir den Weißen Elefanten kennen. Er soll in die Rolle von Julians Nachfolger hineinwachsen, denn dieser ist, was nur wir Zuschauer wissen, todkrank. So ist dies zunächst einmal ein Film über selbstloses Engagement, über das, was die Priester motiviert hierherzukommen. “So you both can afford to be poor.” sagt Luciana, die Sozialarbeiterin, die von Martina Gusman, Traperos Ehefrau gespielt wird. Das hier bourgoise Leute Armen helfen, wird zum Thema gemacht, zugleich ist der Film selbst im besten Sinne old school: Wie Ken Loach nimmt er unverhohlen Partei.

Er zeigt Dreck und Häßlichkeit jeder Art, er zeigt die Realität der Armut, aber er zeigt all das in einem weit besseren Stil, als viele Kollegen: Virtuos, dynamisch, “dicht dran”. Trapero zeigt uns etwas, er zeigt uns alles. Sein Film ist voller Leben. In einer Szene geht Nicholas rein in einen Rückzugsort der Gangster, um dort eine Leiche zu holen, einen Toten von einer anderen Gang. Er weiß, dass er Angst hat, und dass er diese Angst überwinden muss. Dieser Weg ist eine Art Höllenfahrt: Mit verbundenen Augen, geführt von tätowierten Muskelpaketen. Die Gang hat ein eigenes Drogen-Labor, ein eigenes OP. Brutal und böse sind diese Zustände, “wie im Mittelalter”. Trapero zeigt uns alles.

Einziger kleiner Minuspunkt: Wenn hier Figuren etabliert werden, machen sie immer “Sinn”, sprich, sie sind nie für sich da, nie einfach da, sondern Teil der großen Geschichte.

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Es ist dies auch ein Film über Idealismus und Glaubensstärke. Die bleibt im Fall von Julian und Nicholas nicht ohne Anfechtungen, denn diese Priester sind überaus menschlich, sie machen Fehler, sind auch vor Todsünden wie Zorn und Eitelkeit nicht gefeit, und zu allem Überfluss verliebt sich Nicholas auch in die hübsche Sozialarbeiterin Luciana und fängt etwas mit ihr an, und während die Kamera den schönen Busen der Hauptdarstellerin streift sieht man in Nicholas Augen und muss an den herrlichen Moment in Slavoj Zizeks The Perverts Guide to Cinema denken: “What am I doing here?”

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Aaahh die Priester… In letzter Zeit werden sie verstärkt zu Kinofiguren. Oft positiv besetzt, so wie hier. Wer erinnerte sich nicht an Des Hommes et des dieux vor ein paar Jahren. Aber auch als Bösewichter wie im rumänischen Exorzistenfilm von Cristian Mungiu, über den wir noch schreiben müssen. Warum werden sie zu Projektionsfiguren? Weil sie “besser” sind, als wir, “reiner”. Mir scheint, weil an Figuren wie ihnen es noch erlaubt ist, positive Überzeugungstäter und sympathische Fanatiker und Idealisten zu zeigen. Politischer Idealismus hat ausgedient, gilt als bäh bäh.

Natürlich ist die Wiederkehr der Priester reaktionär, auch wenn sie hier eindeutig Linke sind. Man feiert an ihnen Religion ab. Nicholas war auch noch in einem Schweigekloster, oh je. Aber hier spielt die Religion eine vergleichsweise unwichtige Rolle. Und man sollte den Ideenstrang des christlichen Sozialismus nicht unterschätzen, auf den sich dieser Film bezieht. Ein paar Szenen drehen sich um den linken Padre Carlos Mugica (1930-1974), der einst ermordet wurde, weil er für Reformen kämpfte. Sein Satz wird zitiert: “Senor, quiero vivir desde ahora y por adelante como un hombre libre.” Viele Wege führen zur Freiheit, das wissen wir spätestens seit Gauck.

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Weil an diesem Ort Gewalt aber an der Tagesordnung ist, ist dies auch ein Film über noch Existentielleres: Angst, und wie man sie überwindet, den Umgang mit Tod und Gefahr, und über Martyrium: Für was und unter welchen Umständen ist man bereit, sein Leben zu opfern? “Es ist leicht, ein Märtyrer zu sein, ein Held zu sein.” sagt Julian einmal zu Nicholas, und man denkt: Naja, so leicht ja nun auch wieder nicht… So ist dieser Film immer mal wieder für Augenblicke ein Katholo-Schlocker, in dem Menschen Sätze zitieren, wie “Herr ich will sterben für die Armen. Hilf mir für sie zu leben.”

Dann wieder eine Razzia, Verrat, Aufstand, alles zur Musik von Nyman – der Film hat viel, übertreibt manchmal, ist auch ästhetisch eindeutig katholisch, was fast immer etwas Gutes ist.

Am Ende hat ein Priester eine Pistole in der Hand und die neutrale, biedere Linie der Institution Kirche verlassen – so stellen wir uns kämpferisches Christentum vor. Im klammheimlichen Wunsch, Märtyrer zu werden, im Gedankenspiel mit dem ewigen Leben in der Erinnerung, ist auch Eitelkeit des Priesters erkennbar. Aber das ist dann doch auch einfach ein Stück Wahrheit.

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Ein weiteres Highlight aus Lateinamerika ist der mexikanische Film Después de Lucia, das Debüt von Michel Franco, ebenfalls in “Un Certain Regard”. Stilistisch handelt es sich um hochästhetisches sehr stilisiertes Arthouse-Kino, in dem mit langen Einstellung gearbeitet wird, mit wenigen Worten, und viel Aussparungen. Manieriert. Die erste Szene ist typisch: Eine Einstellung, ein Mann im Auto, lange Autofahrt von hinten über die Schulter des Fahrers gefilmt. Jedem Zuschauer ist klar: Es kommt jetzt was. Und dann lässt der Fahrer das Auto in der Mitte der Ampel einfach stehen und geht zu Fuß.

Die Story dreht sich um ein junges Mädchen, Alessandra, die mit ihrem Vater in eine andere Stadt zieht, und auf eine neue Schule kommt. Die Mutter ist gerade gestorben.

In dieser angespannten, latent verzweifelten Situation hat der Vater mit eigenen Problemen zu kämpfen, die Tochter bleibt sich selbst überlassen. In der neuen Schule wird sie bald gemobbt, weil sie Sex mit einem Mitschüler hatte, der das ganze filmte und ins Netz stellt: Sie bekommt smse mit “Hola puta!”
Regisseur Franco inszeniert dies geduldig, er scheut sich nicht, auch Unangenehmes und Teenager-Demütigungen zu zeigen, und erinnert daran an den Naturalismus des US-Amerikaners Larry Clark dessen Film Kids vor 15 Jahren einen Kinoskandal provozierte. Nur fragt man sich halt schon, warum sie das alles mit sich machen lässt, und ob es nicht doch irgendwo irgendeinen Lehrer gibt, der mal was mitbekommt.
Zugleich ist Después de Lucia das triftige soziale Panorama einer amoralischen reichen korrupten dekadenten Oberklasse in einem Staat, der manche Zuständigkeiten schon aufgegeben hat: Wer sich gute Anwälte leisten kann, dessen Kinder können auch Verbrechen begehen. Als Alessandra – nur wir Zuschauer wissen, dass sie in Sicherheit ist – rächt sich ihr Vater an einem der Täter im Schüleralter. Er knebelt ihn und schmeißt den Jungen einfach ins Meer. Ohne Worte, wie Müll. Und fährt zurück, ohne sich umzusehen. Eine starke Szene. Moral: Der mexikanische Mann ist halt so. Alle Papas waren auch mal kleine Jungs. Und irgendwie sind sie alle gleich in einer Welt des Fressens gefressen werdens…

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Viel Spaß hatte offenkundig Ken Loach – doch ist The Angels Share relaxte Unterhaltung mit etwas Tiefgang. Angesiedelt im Loach-typischen britischen Proletariermilieu geht es um einen jungen Kleingangster in Glasgow, der eigentlich keine Chance mehr hat, sie aber denn doch nutzt, um ein neues Leben zu beginnen. Fast wie ein Märchen erscheint diese Geschichte, die aus der Gewaltspirale der Vorstädte in eine witzige, leichthändige Räuberstory a la Rififi in den schottischen Highlands mündet, bei der ein wertvoller Whiskey zum Schlüssel ins Glück wird, und Loach offenbar vor allem im Whiskey-Revier drehen wollte. Die “market fucking forces” werden ausgetrickst, die Moral ist bieder und schlicht: “Do something!”

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