Once


Er (Glen Hansard), ein talentierter Straßenmusiker, der vom großen Durchbruch träumt, traut sich nur Nachts, wenn ihm ohnehin keiner mehr so wirklich zuhört, die eigenen Songs zu spielen. Er ist der selbsternannte “Hoover Fixer Sucker Guy”, der im Geschäft seines Vaters Staubsauger repariert und von seiner großen Liebe verraten wurde. Sie (Markéta Irglová), eigentlich Pianistin, schlägt sich mit Gelegenheitsjobs als Straßenverkäuferin und Putzfrau durch und kann sich ein eigenes Piano nicht einmal leisten. Sie ist die tschechische Immigrantin, die sich von ihrem Ehemann in Tschechien getrennt hat und mit Mutter und Tochter alleine nach Dublin ausgewandert ist. Sie ist es auch, die bei ihrer ersten Begegnung in der Fußgängerzone die Initiative ergreift und ihn auf seine Songs anspricht. Er ist der zunächst noch Skeptische und Verschlossene mit dem melancholischen Blick, der nur zaghaft auftaut. Sie die Direkte, Unkomplizierte, die mit ihrer sympathisch aufdringlichen Art und ihrem charmanten Akzent schließlich doch noch seine harte Schale erweicht, diese aber erst mit ihrem Klavierspiel und der Offenbarung ihrer Leidenschaft für die Musik ganz durchbricht. Sie beide bleiben den Film hindurch namenlos, was die Identifikation mit einer der beiden Figuren erleichtert und ihre Geschichte universeller macht.

Es stellt sich schnell heraus, dass die beiden nicht nur ihre musikalische Ader, sondern außerdem der jeweils individuelle Kampf mit einem unabgeschlossenen Abschnitt ihrer Vergangenheit verbindet. So entwickelt sich zwischen ihnen bereits in kürzester Zeit eine innige Freundschaft sowie eine musikalische Partnerschaft, aus der mehr werden könnte. Doch es bleibt beim Konjunktiv. Denn Once ist, obwohl er als konventionelle Liebesgeschichte anklingt, weit von einer solchen entfernt. In einem intimen Moment der Zweisamkeit entspinnt sich lediglich die gedankliche Vorstellung einer gemeinsamen Zukunft, die sie beide gleich wieder scherzend, gleichzeitig aber auch mit wehmütigem Blick, verwerfen. Dies ist nicht ernsthaft enttäuschend, denn obwohl die Möglichkeit einer Liebesbeziehung zwischen ihnen bis zum Schluss im Raum steht, wird der Zuschauer diesbezüglich von Beginn an desillusioniert, indem die emotionale Bindung der Protagonisten zu ihren Expartnern immer wieder in den Vordergrund gerückt wird. Eine Liebesbeziehung zwischen ihnen wäre, wie es das Mädchen kurz vor Ende selbst beschreibt, sinnlos, denn es wäre nicht mehr als ein Techtelmechtel.

Doch nicht nur hinsichtlich der Story weist Once unkonventionelle Tendenzen auf. John Carney, Drehbuchautor und Regisseur von Once, bezeichnet sich selbst als großen Verehrer klassischer Tanz- und Musikfilme der 50er Jahre, weicht mit seinem Film jedoch bewusst von dem Konzept dieser Musicals ab. Ein kleines, modernes Arthouse-Musical zu kreieren “bei dem das Publikum nicht genervt auf Musikszenen reagiert” sei sein Ziel gewesen. Spektakuläre, perfekt durchchoreographierte und völlig überladene Gesangs- sowie akrobatische Tanzeinlagen sind daher alles Dinge, die man in Once vergeblich sucht und gerade in dieser zurückhaltenden Bescheidenheit liegt eine der wesentlichen Stärken dieses Musikfilms. Es findet sich eine Szene im Film, in der die Kamera das Mädchen durch das nächtliche Dublin begleitet, während sie ihren Song singt. Es ist die einzige Szene, die wie aus einem Musikvideo wirkt und an ein Musical erinnert. Denn in Once dienen die Gesangseinlagen nicht dem bloßen Amüsement oder dazu, den Plot voranzutreiben. Die Musik ist für diesen Film substanziell. Die Songs liegen in den Seelenzuständen der Protagonisten und dem was sie erlebt und womit sie noch immer nicht abgeschlossen haben, begründet. Ihr Gesang eröffnet dem Zuschauer also einen Einblick in ihre Gefühlswelt, die für diesen Film so zentral ist. Daher kommt es, dass auch ein Großteil der Kommunikation der Figuren untereinander über die Musik erfolgt. So erzählt der arme Staubsauger-Trottel mit gebrochenem Herzen dem tschechischen Mädchen die Geschichte seiner gescheiterten Liebe nicht, sondern singt sie ihr vor. Der Song über den das geschieht, “Hoover Fixer Sucker Guy”, macht dabei aus diesem Moment keinen beklemmenden – wie es angesichts des Themas vielleicht zu erwarten wäre –, sondern einen heiteren und lustigen. Die Stimmung des Films wird maßgeblich von der Musik gelenkt. Der gewöhnliche Dialog wird auf diese Weise zur Nebensache. Man misst diesen hier aber auch zu keinem Zeitpunkt, zu einnehmend ist dafür die Musik. Davon war 2008 auch die Oscar-Jury überzeugt, die Hansard und Irglová für den Song “Falling Slowly” den Oscar für den Besten Filmsong verlieh.

Indem der Film Orte wie ein Musikgeschäft, ein Tonstudio oder eine Privatparty für Musiker als Schauplatz wählt, Orte also, an denen die Musik ohnehin omnipräsent und ein ebenso fester und wesentlicher Bestandteil ist, wie sie es auch in den Leben der Protagonisten ist, werden die Musikeinlagen zudem nicht als Fremdkörper wahrgenommen, sondern gliedern sich stimmig in das Filmgeschehen ein. Once entsagt der Musicals gewöhnlich inhärenten Künstlichkeit und Realitätsferne also ganz und gar und wirkt damit sehr authentisch, beinahe dokumentarisch. Einerseits tut der Film dies durchaus beabsichtigt, eben durch die natürliche Integration der Musik, andererseits mag sich das ein oder andere auch durch die aus Kostengründen beschränkten Produktionsbedingungen als glücklicher Zufall ergeben haben. Umso faszinierender ist es daher aber zu beobachten, wie hier aus einem Defizit ein Kunstgriff gemacht wurde.

Once ist eine Low-Budget-Produktion. Der Film wurde mit gerade Mal 120.000 Euro produziert und in nur 17 Tagen gedreht. Um am Set zu sparen diente unter anderen sogar Hansards private Wohnung als Schauplatz und viele der Requisiten und Kostüme gehörten tatsächlich den beiden Protagonisten selbst, so wie die völlig ramponierte Gitarre, auf welcher Hansard seine Lieder im Film zum Besten gibt. Man verzichtete auf künstliche Beleuchtung und sogar auf ein professionelles Kameraequipment. Bis auf eine Kranaufnahme wurde mit Handkamera gefilmt. Teilweise stammen die Aufnahmen vom Regisseur selbst, der einzelne Szenen auch mit einem einfachen Camcorder aufzeichnete (z.B. die Busszene, in welcher der Protagonist sein “Hoover Fixer Sucker Guy”-Lied spielt) und sogar privates Filmmaterial mischt sich darunter. Die Bilder, die sich schlussendlich präsentieren sind verwackelt und zum Teil grobkörnig, was den authentischen und dokumentarischen Charakter von Once verstärkt.

Doch das wohl wesentlichste Authentizitätsmerkmal dieses Films sind die Protagonisten selbst, die gar keine professionellen Schauspieler, sondern “bloß” Musiker, genau genommen die Musiker hinter den Songs, sind. Glen Hansard, Gründer, Gitarrist und Bandleader der irischen Rockband The Frames, der einst auch Regisseur Carney als Bassist angehörte, hätte ursprünglich bloß die Musik zum Film schreiben sollen. Als Darsteller hatte Carney eigentlich Cillian Murphy anvisiert, der dann aber überraschend aus dem Projekt ausstieg. Im Nachhinein betrachtet, war dies wohl eine glückliche Schicksalsfügung, denn plötzlich war es für Carney nur allzu naheliegend, dass es keinen Besseren als Hansard für die Hauptrolle in seinem Film geben könnte. Schließlich handelt es sich bei Once um einen Film, der von seinen Songs getragen wird. Doch nicht nur, dass es wohl kaum jemand Geeigneteren geben könnte, um die Gefühle eines Songs zu transportieren, als denjenigen, aus dessen Feder der Song stammt, auch gibt es zwischen der Filmfigur und Hansard so einige Parallelen, die es dem Berufsmusiker ein Leichtes machten sich in seine Filmrolle hineinzuversetzen. Bereits mit 13 Jahren verließ Hansard die Schule, um in den Straßen Dublins Gitarre zu spielen und seinen Traum zu leben. Auf die Darstellerin der namenlosen Pianistin im Film trifft ungefähr das Gleiche zu. Markéta Irglová – für die ganz wie für Hansard auch, Once die erste Schauspielerfahrung war – ist auch im wahren Leben Pianistin und teilt neben dem Migrationshintergrund auch die Leidenschaft für Musik – ganz besonders für die von Hansard – mit der Filmfigur.

Da die Essenz dieses Films die Musik ist, verlangt er seinen Hauptdarstellern im Prinzip aber auch kaum schauspielerisches Können ab. Die zentralen Momente auf die es im Film ankommt, nämlich die, in denen musiziert wird, sind Momente in denen sich die zwei Protagonisten in ihrem Element befinden und sie ganz sie selbst sein können. Hinzu kommt, dass es für Once von Anfang an kein ausgereiftes Skript gab. Genauestens durchdacht waren lediglich die zutiefst nostalgische Grundstimmung sowie die diese unterstützenden Lieder – das Wesen dieses Filmes eben. Es war also Improvisation gefragt. Die fehlende Schauspielerfahrung der Darsteller und die Forderung nach dieser spontanen Improvisation ergab in Kombination ein sehr natürliches Resultat. Ohne übertriebene Theatralik, dafür mit einer umso glaubwürdigeren Reserviertheit von Seiten der Darsteller, für die das alles Neuland war, wurde das realistische Bild, das Once ohnehin zeichnet, perfekt komplementiert.

Das Ende des Films, so unkonventionell wie seine Story und seine Form, spaltet sicherlich die Gemüter. Doch die Liebesgeschichte, die in der fiktionalen Filmwelt nicht über eine romantische Annäherung hinausreicht und unerfüllt bleibt, fand in der wirklichen Welt Realisation. Hansard und die 18 Jahre jüngere Irglová wurden ein Liebespaar, und nachdem sie 2006 ihr erstes gemeinsames Album The Swell Season herausbrachten, feierte 2011 ein gleichnamiger Dokumentarfilm seine Premiere auf dem Tribeca Filmfestival. Der Film The Swell Season begleitet das Musikerpaar auf ihrer zweijährigen Welttorunee und dokumentiert dies Mal tatsächlich nicht nur die musikalische Zusammenarbeit, sondern auch die Liebesgeschichte des irischen Musikers und der tschechischen Pianistin. Mehr über den Film erfahrt ihr auf der offiziellen Homepage. Den Trailer zu The Swell Season gibt es außerdem hier auf NEGATIV zu sehen.

Once (BD)
R: John Carney
B: John Carney
K: Tim Fleming
D: Glen Hansard, Markéta Irglová
Irland 2006, 83 Min.
Studiocanal Home Entertainment
BD-Veröffentlichung: 03.05.2012
Bildformat: 16:9
Sprachen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Extras: Audiokommentar von Regisseur John Carney, Glen Hansard und Markéta Irglová; Behind the Scenes; Die Hintergrundgeschichte; (Video-)Interview mit Glen Hansard; Interview mit Markéta Irglová; Making of; Der Oscar-prämierte Song “Falling Slowly”
FSK: Freigegeben ab 12 Jahren

Bildmaterial: Studiocanal Home Entertainment

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