Sherlock – Der Reichenbach Fall


von Kathrin Zeitz

Das oberste Gesetz beim Berichten über ein Staffelende: Nicht spoilern! Doch in der Tat ist es schwer, nicht allzu viel zu verraten, wenn gleich der allererste Satz von John Watson lautet: „My best friend Sherlock Holmes … is dead!“ Nach nur zwei Staffeln und insgesamt sechs Episoden soll alles schon vorbei sein? Kann nicht sein. Oder vielleicht doch?

Ein wenig ließen sich Gatiss und Moffat ja bereits in die Kartens schauen, als sie sich entschieden, eine Geschichte von Doyle zu verfilmen, die im Original den Titel The final problem trägt. Im Deutschen heißt sie Der Reichenbach Fall und ist als die Story bekannt, die den berühmten Detektiv aus dieser Welt befördert. Daher wissen eingefleischte Fans natürlich, was in der Verfilmung einer solchen Episode zwangsläufig passieren muss. Doch drehen wir erst einmal die Zeit zurück, ein paar Monate vor der erschütternden Aussage von John bei seiner Psychiaterin.

Alles beginnt mit einem berühmten Gemälde, welches Sherlock wiederbeschafft. Es sind die Reichenbach Fälle von J.M.W. Turner, dem berühmten englischen Maler der Romantik, die der Episode ihren Titel verleihen. Von tiefer Dankbarkeit erfüllt, gibt das Museum eine Pressekonferenz, auf der sie Sherlock als Helden öffentlich feiern. Und der Mythos des detektivischen Supermanns entwickelt sich weiter, ganz zum Leidwesen von Sherlock selbst, der doch einfach nur Fälle lösen will und dem der ganze Rummel um ihn gar nicht gefällt. Immer mehr steht der zurückgezogene menschenfeindliche Egozentriker in den Schlagzeilen der Zeitungen, ist ein medialer Superstar geworden, gefeiert von den Massen, bekannt wie ein bunter Hund. Spätestens, als er von Lestrade den Deerstalker-Hut aus der ersten Episode geschenkt bekommt und die Presse so ein Foto von ihm schießt, ist klar: Aus dem Menschen ist ein Bild in der Öffentlichkeit geworden. Sherlock selbst kapiert dies zunächst gar nicht, vielmehr muss John es ihm (wie so manches) erst erklären: „You’re not a PRIVATE detective anymore.“ Ab sofort wird der Detektiv von den Zeitungen verfolgt, schön in Szene gesetzt durch Zeitungsseiten, die den Bildkader ausfüllen und uns mit Schlagzeilen geradezu „bombardieren“.

Was John befürchtet, tut Sherlock als Mumpitz ab: Mit Berühmtheit geht auch Aufmerksamkeit einher. Von allen, wohlgemerkt, auch von denen, die Sherlock immer schon gehasst haben. Auftritt Jim Moriarty, die Verkörperung des genial Bösen, das „Mastermind“, welches erst jetzt zu seinem langerwarteten und im wahrsten Sinne des Wortes „bombastischen“ Auftritt kommt. Getarnt als London-Tourist betritt er den Tower, läuft seelenruhig in den Kronjuwelensaal und beginnt dann mit seinem Rundumschlag: Nach und nach setzt er per Knopfdruck auf sein Smartphone die Sicherheitssysteme des Towers, der Bank of England sowie des Pentinonville Gefängnisses außer Kraft. Unterlegt wird diese Sequenz eines „evil masterplan“ mit klassischer Musik, zu der dieser Wahnsinnige ein flottes Tänzchen aufs Parkett legt. Die Ouvertüre aus Rossinis Die diebische Elster ist zu hören, an deren Ende eine überforderte Polizei, ein verunsicherter Staat und ein zufrieden grinsender Krimineller steht, der mit Krone und Zepter bewaffnet auf seine Verhaftung wartet. Im Grunde wollte er nur einen Wunsch äußern: „Get Sherlock!“ Alles dient nur dazu, sich und Sherlock zusammen in den Gerichtssaal zu bringen. Dort soll der „consultant detective“ über den „consultant criminal“ aussagen. Was Moriarty damit eigentlich bezwecken will, ist zu diesem Zeitpunkt noch unklar, doch sorgt später für eine kräftige Überraschung. Und Sherlock tut dies, mit diebischer Freude an seiner eigenen geistigen Überlegenheit, was leider (man konnte es fast erwarten) damit endet, dass der Richter ihn wegen Respektlosigkeit gegenüber dem hohen Gericht einsperren lässt. Wand an Wand (so zumindest wird es inszeniert) stehen sich nun Sherlock und Moriarty gegenüber. Sie sind wie zwei Seiten einer Medaille, Gut und Böse, Weiß und Schwarz.

Die gesamte Folge ist auf die Konfrontation der beiden Kontrahenten ausgelegt. Es gibt zwei zentrale Szenen, in denen sie sich begegnen und sich verbal bekriegen. Wer ist das größere Genie, wer kann das Duell, das „final problem“, von dem Moriarty immer wieder redet, für sich entscheiden? „Every fairytale needs a good old-fashioned villain. You need me or you’re nothing. Because we’re just alike, you and I. Except you’re boring. You’re on the side of the angels.” Diese kurze Rede von Moriarty bringt es auf den Punkt. Denn die Heldengeschichte von Sherlock ist nur ein Märchen, das ohne das Böse nicht existieren kann. In der Inszenierung ersetzen die Revolverblätter die Märchenbücher von einst, von jetzt auf gleich können sie aus Helden Bösewichter machen. Die Presse in ihrer manipulativen Form findet ihre Gestalt in der Reporterin Kitty Riley, die sich an Sherlock heranmacht, um exklusiv über ihn zu berichten. Doch er lässt sie abblitzen und aus Rache wendet sie sich mit ihrer spitzen Feder gegen ihn. Einen Ritter in scheinender Rüstung zu demontieren, ist von nun an ihr Ziel. Und auch das von Moriarty, der Sherlock warnt, er solle sich bereit machen „für den großen tiefen Fall!“

Andrew Scott, der Moriarty verkörpert, kommt hier endlich dazu, sein ganzes Talent als Bösewicht auszuspielen. Sonst nur spärlich bzw. am Ende einer Episode intensiv eingesetzt, ist er jetzt die zentrale Figur, das Auge des Sturms. Die Art und Weise, diesen Superschurken verkörpern, gelingt ihm mit einer ausgeklügelten Mischung aus Wahnsinn und Methode. Mal wirkt er ruhig, konzentriert, fast schon betörend sexy, mal wieder unberechenbar, wie ein Pulverfass, kurz vorm Explodieren. Stellenweise erinnert sein Spiel an Heath Ledgers Joker aus The Dark Knight. Die Szenen zwischen Cumberbatch (der die ewige Kontrolle verkörpert, die ewige Raison) und Scott sind an Spannung und Intensität kaum zu übertreffen. Diese angespannte Stille, das Taktieren, der stetige Blickkontakt, die körperlich spürbare Nähe, all diese Mechanismen verkörpern die beiden glänzend.

Da Sherlock zunehmend ratlos und verunsichert ist, verschließt er sich und seine Gedanken immer mehr. Auch vor John, den er damit verletzt. Nur eine Person scheint hinter die immer kühler wirkende Maskerade zu schauen. Eine Figur, die bisher nur eine amüsante Randerscheinung war und jetzt doch so essentiell wird: Die Pathologin Molly Hooper. Dass sie Sherlock treu ergeben ist, wissen wir seit Beginn der Serie, doch jetzt zeigt sich, dass sie ihn so sieht, wie er eigentlich von niemandem gesehen werden will: Traurig und allein. Später wird er zu ihr kommen und ihr sagen, dass er sie braucht. Wofür, darüber kann nur spekuliert werden. Gatiss und Moffat haben die Figur der Molly dem „klassischen“ Ensemble hinzugefügt, denn sie macht Sherlock menschlicher, angreifbarer. Und zudem ergibt sich der Hauch eines romantischen Plots, so subtil er auch sein mag und so wenig Aussicht auf Erfüllung er auch gibt.

Nach und nach geht Moriartys Plan auf. Ein Fall, den Sherlock einmal wieder mit schwindelerregender Geschwindigkeit und scheinbar mühelos lösen kann – auch dank seiner doch sehr engmaschigen Verbindung an Obdachlosen, die ihn mit Informationen direkt von der Straße versorgen – bringt die skeptische Polizistin Donovan auf den Plan. Von Anfang an warnt sie John, dass es Sherlock irgendwann nicht mehr ausreichen würde, Kriminalfälle zu lösen. „One day he’ll cross the line!“ Genau dieser Verdacht erhärtet sich. Donovan fängt nun an, Lestrade unbequeme Fragen zu stellen, Zweifel in seinem Kopf zu säen. Diese Situation wird per cross-cutting durch ein Märchen erläutert, welches Moriarty Sherlock per Videobotschaft erzählt. Es geht um „Sir Boast-A-Lot“, einem Ritter, der so eingebildet aufgrund seiner guten Taten war, dass irgendwann alle genervt zweifelten, ob diese guten Taten auch wirklich wahr seien. Und obwohl Sherlock Moriarty durchschaut, kann er das Spiel und „den Fall“ ab sofort nicht mehr abwenden. „You can’t kill an idea, can you?“ Noch mehr als in der ersten Staffel durchlaufen Figuren und Handlungen in der zweiten Staffel eine konstante Entwicklung, die in Der Reichenbach Fall konsequent weitergeführt wird. So zieht sich wie ein roter Faden die Demontage Sherlocks durch die einzelnen Episoden. Das Ziel: Ihm die Perfektion aberkennen. Die Mittel: weibliche Sexualität, Verführung und Emotion (Teil 1), Spuk und das irrationale Gefühl der Angst und Unzulänglichkeit (Teil 2) und jetzt der Entzug einer Daseinsberechtigung. Ein perfides Spiel kommt zu seinem Ende und Sherlock, der in Frage gestellt wird, muss sich geschlagen geben oder sich „neu erfinden“.

Am Ende ist er allein im Kampf gegen seinen Erzfeind, sein Gegenstück. Johns Hilfe lehnt er, zu dessen eigenem Schutz, ab: “Alone is what I have. Alone protects me!” “No, friends protect people.” John fühlt sich vor den Kopf gestoßen, doch diese letzte Konfrontation, die den Höhepunkt des Films darstellt, muss Sherlock allein suchen. Und im Grunde wird er genau das tun, was John ihm versucht hat, beizubringen. Er wird seine Freunde beschützen, vor dem Feind, der Sherlock damit erpresst, sie alle zu töten. Ein letztes Treffen auf dem Dach des Krankenhauses, ein letztes Spiel zwischen zwei ebenbürtigen Gegnern, bei dem Sherlock nur noch einen Trumpf ausspielen kann, der sowohl Moriarty als auch den Zuschauer in eine tiefe Ungewissheit entlässt. Vielleicht sei er ja tatsächlich „on the side of the angels“. Aber: “Don’t think for one second that I am one of them.” Nur ein Trick? Oder die Wahrheit, an die wir besser nicht glauben wollen? Dieses Rätsel wird nicht mehr aufgelöst. Denn was folgt ist der „tiefe Fall“. Und die Rückkehr zum Beginn der Episode: „He’s dead!“

Der Reichenbach Fall ist der bisherige Höhepunkt der Serie und von Steve Thompson als unglaublich dichter, schnell erzählter und spannender Thriller geschrieben worden. Von den mittlerweile klassischen Mustern der Deduktion über die spielerische Einflechtung visueller Ideen bis hin zu einer Weiterentwicklung persönlicher Beziehungen der Figuren untereinander (und die letzten 10 Minuten der Episode lassen wohl niemanden kalt) ist hier alles weiter perfektioniert worden. Spätestens hier vermittelt es sich: Dies ist durchkomponierte Fernsehunterhaltung auf extrem hohem Niveau, die trotzdem (oder vielleicht gerade deswegen?) einen unglaublichen Unterhaltungswert bietet.

Arthur Conan Doyle war nach vielen erfolgreich verkauften Geschichten seine ihn stets verfolgende Figur des Meisterdetektivs satt. Er wollte ihn einfach nur loswerden. Also ließ er ihn sterben. Doch nach langwierigen Protesten, Briefen, Wutattacken der Leser (und der gierigen Zeitungsverleger) brachte er ihn wieder ins Leben zurück und stellte den angeblichen Tod als raffinierten Trick von Holmes dar. Gatiss und Moffat haben nicht so viel Geduld. Zum Glück. Denn es wird eine dritte Staffel geben, Drehbeginn 2013. Laut Aussage von Moffat wird sie die Fans „noch frustrierter zurücklassen als bisher“. Warten wir es ab, womit das kongeniale Team uns noch überraschen kann. Spannend wird es sowieso. Ist ja schließlich Sherlock Holmes.

Hier die Besprechung des ersten Falls der zweiten Staffel: Sherlock – Skandal in Belgravia
Hier die Besprechung des zweiten Falls der zweiten Staffel: Sherlock – Die Hunde von Baskerville

  • Lyra

    Ich liebe diese Folge <3 Voller Spannung auf hohem Niveau bis zur Vollendung des "letzten Problems" :) Einfach unübertreffbar <3 Die beste Serie der Welt <333