von Kathrin Zeitz
Gleich zu Beginn ein Horrorszenario: Ein kleiner Junge rennt verängstigt durch einen Wald. Lautes Atmen, schnelle Schnitte, die Farbe Rot überall. Der Junge wird von etwas verfolgt, immer wieder hört man eine wilde Bestie und die hilflosen Schreie eines Mannes. Das Kind flüchtet, blickt zurück, die Schreie werden lauter, verzweifelter, dann plötzlich Stille. Das Kind läuft weiter, bis es auf eine alte Frau trifft, die besorgt fragt, ob alles in Ordnung ist. Harter Schnitt: Ein junger Mann steht inmitten einer Felsgrotte und blickt sich ängstlich um. Er ist allein. War das alles ein Traum? Oder eine Erinnerung?
Mit diesem gruseligen Prolog, der an Mystery-Serien wie Akte X oder Fringe erinnert, beginnt die zweite Sherlock-Episode Die Hunde von Baskerville, wohl eine der bekanntesten Geschichten von Arthur Conan Doyle, von der es mittlerweile über 20 Verfilmungen gibt. Klar, dass Mark Gatiss und Steven Moffat auch diese Erzählung in ihren modernen Sherlock-Kanon aufnehmen wollten. Und so schicken sie ihren großstädtischen „consulting detective“ ins englische Landleben.
Doch bevor sich Sherlock in die „Provinz“ begibt, muss er zunächst mit einem Problem kämpfen. Im Grunde nichts großartiges, doch für Sherlock existentiell und daher Anlass für einen manischen Anfall: Er ist nikotinabhängig und John hat seine Zigaretten versteckt. Zudem bleiben interessante Klienten aus. Genug, um ein stets auf geistige Anregung fixiertes Genie außer Kraft zu setzen. Das Spannendste momentan – aber lange nicht spannend genug – scheint ein verschwundenes Kaninchens namens Bluebell zu sein. Gesellschaftsspiele wie Cluedo fallen als Zeitvertreib aus, denn John weigert sich, mit jemandem zu spielen, der die Regeln des Spiels nicht akzeptiert. „It’s not possible for the victim to have done it!“ Eine schöne Anspielung auf die Traditionen von Doyle oder auch Edgar Allan Poe, die ihre Mördergeschichten oft auf abstruse Art und Weise auflösten, indem zum Beispiel aus heiterem Himmel ein Orang-Utan als Täter deklariert wurde (in Poes erster Kriminalgeschichte Murders in the Rue Morgue).
Gut, dass hier Henry Knight eintrifft, der arme hilflose junge Mann aus dem Prolog. Vor Jahren kam sein Vater unter rätselhaften Umständen ums Leben. Er war in einer militärischen Forschungseinrichtung namens Baskerville in Dartmoor stationiert, in der mit chemischen und biologischen Kriegswaffen experimentiert wurde. Schon immer zog dieser Stützpunkt die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich, denn keiner wusste genau, was da vor sich ging und immer noch geht. Zusammen mit Henry schauen sich Sherlock und John einen Fernsehbericht über Dartmoor und Baskerville an. Ein Geheimnis scheint hinter den abgeschotteten Mauern zu lauern. Und schon befinden wir uns mitten in einer guten alten englischen Gothic-Horror-Geschichte. Einsame Landschaften, verschrobene Bewohner, Geheimnisse, die vor der Welt verborgen werden, weil sie böse sind. Und weil sie Monster hervorbringen. Monster wie den riesigen „Hund von Baskerville“, der, laut Henry, seinen Vater umgebracht hat. Mark Gatiss, der Autor dieser Episode, zeigt mit dem Aufgreifen alter Schemata, dass sie auch heute noch funktionieren, dass auch heute noch „mad scientists“ existieren, genau wie „damsels in distress“, doch sind die Forschungen keine Zukunftsmusik mehr, und die Jungfrau in Nöten ist jetzt eben ein Mann mit einem ungelösten Kindheitstrauma.
Sobald Henry von Dingen wie dem Teufel redet und von unglaublichen Horrormonstern, kann Sherlock nur die Augenbrauen hochziehen, er als Skeptiker und „man of reason“ glaubt nicht an spiritistischen Humbug. Trotzdem zeigt er sich interessiert an dem Fall, fühlt sich endlich geistig herausgefordert. Für ihn liegt gerade darin der Spaß. Da wartet ein Rätsel, das scheinbar nicht „von dieser Welt“ ist und somit seine streng wissenschaftliche Weltsicht anzweifelt. Für Sherlock Grund genug, sich dieser Provokation zu stellen.
Die Verschiebung des Handlungsraums von der Stadt aufs Land wirkt von Anfang an befremdlich. Sherlock und John fahren durch verlassene Landschaften, die nicht als beruhigende Impressionen aufgenommen werden, sondern an ihnen richtiggehend vorbeirauschen und so distanzierend wirken. Dies ist nicht die Umgebung, die Sherlock liegt. Zu natürlich, zu ungeordnet ist alles, daher wirkt auch er in seiner distinguierten Aufmachung wie ein Fremdkörper innerhalb des Dorfes. Sherlock ist hier ein „Stranger in a strange land“. Ein schönes Bild findet die Kamera, als er einsam auf einer Felsformierung steht, der Mantel flattert im Wind, der Blick richtet sich auf die Ferne, auf den wolkenverhangenen Horizont. Dieses Bild erinnert an Caspar David Friedrichs Wanderer, das Sinnbild des Suchenden – wobei allerdings der melancholisch romantische Subtext bei Sherlock ein wenig untergeht. Zusätzlich erinnert einen das Bild unweigerlich an die Geschichte des „Engländers, der auf einen Hügel stieg…“. Spätestens, als das Dorf gezeigt wird, ist klar, dass ein Verweis auf die typisch britischen Krimi-Reihen der letzten Jahrzehnte gesetzt wird. Der Fall, die Charaktere, die gruseligen Umstände, der stetige Verdacht des surreal Geisterhaften (welcher sich übrigens immer in einem weltlichen Täter auflöst), dies alles das würden wir auch in einem Barnaby- oder in einem Lynley-Krimi finden. Bei Barnaby vielleicht etwas abstruser, bei Lynley sicherlich mit weniger humorvollem Subtext. Doch der Unterschied zu diesen Formaten ist auch und gerade der Fokus der Erzählung. Wir verlieren bei Sherlock niemals die Ermittelnden aus den Augen. Sie stehen im Zentrum des Falles, bei Barnaby und Lynley dagegen werden in jeder Episode neue Figurenkonstellationen der „side characters“ erarbeitet.
Als Henry Sherlock und John ins Moor führt, wird die Szene mit Schreien und Tiergeräuschen unterlegt. Gruselatmosphäre wird geschaffen – nur um dann gleich wieder gebrochen zu werden. Selbst im Dunkel ist das Moor noch leuchtend grün, als wollten Gatiss und Moffat um jeden Preis die schwarze Farbe der klassischen Gruselfilme negieren. So wie London nicht mehr zwingend neblig ist, so ist auch der nächtliche Wald in Sherlock nun mal nicht schwarz. Die Macher kennen und ehren die Traditionen, greifen sie auf, kehren sie aber auch gerne einmal selbstironisch um.
Neben der englischen Landschaft, die der modernen Zeit (fast märchenhaft) entrückt daherkommt, wird noch ein zweiter wichtiger Handlungsort etabliert: die militärische Forschungsstation Baskerville selbst. Im Gegensatz zu den warmen, fast schon überkolorierten Landschaftsaufnahmen herrschen hier kalte Farben wie etwa ein stählernes Blau, dazu wird fast schon grell überbeleuchtet. Tierversuche werden im Labor durchgeführt, Genmanipulationen stehen an der Tagesordnung, die Kaninchen (erinnern wir uns an den armen verschwundenen Bluebell!) „leuchten“, die Affen sind aggressiv, da stellt sich natürlich die Frage: Warum sollten unter solchen Bedingungen nicht auch modifizierte Riesenhunde ihr Unheil im Wald treiben? Unnatürliche Umstände erfordern unnatürliche Lösungsansätze.
Die Ermittlungen, die Sherlock und John in diesem Labor durchführen, unterscheiden sich von den detektivischen Untersuchungen an anderen Orten. Hier, auf dem Stützpunkt, müssen die beiden auf Zeit spielen. Denn nachdem sich Sherlock per geklautem Ausweis (von Mycroft natürlich!) Zugang zum Labor verschafft hat, beginnt sofort die Überprüfung seiner Identität und das Risiko wächst kontinuierlich, aufzufliegen. Und so wird aus einer fast schon gemächlich dahinplätschernden „Gothic Crime Story“ ein Abenteuer im Stil von Mission Impossible. Das Spiel mit Referenzen und Stilen, es setzt sich fort und spitzt sich zu.
Johns Charakter erfährt in dieser Episode wohl die größte Entwicklung hin zur Eigenständigkeit. Bisher war er Beobachter, Unterstützer, Einflussnehmer auf Denken und Handeln seines Freundes. Nun ermittelt er auf eigene Faust, was ja bereits die Vorlage von Doyle auch so anlegt. Von Sherlock hat er gelernt, auf Details zu achten. Und so findet er Hinweise, für die sein Partner gerade keine Aufmerksamkeit hat. Dass seine Untersuchungen leider später ins Leere laufen werden, unterstützt allerdings die klassische und vielleicht auch unumstößliche These, dass Sherlock nun mal DER dominierende Geist der Serie ist. Ohne sein Genie kann John nicht viel ausrichten, später wird er als „conductor of light“ bezeichnet, einen Katalysator der Gedanken anderer. Er hilft, Dinge zu sehen, ohne sie selbst entdecken zu müssen.
Als sich herausstellt, dass Sherlock in der Tat bereits einen Fall ganz nebenbei gelöst hat, ohne John darüber zu informieren, reagiert dieser etwas säuerlich. Es gefällt ihm nicht mehr, nur Betrachter zu sein. Sogar die Aufmachung Sherlocks nervt ihn mittlerweile. „You being so mysterious with your cheekbones, and turning your coat collar up so you look cool.“ Vielleicht gefällt es Sherlock nicht, doch John zerstört nach und nach die Fassade der Coolness, mit der sich der Meisterdetektiv so gerne umgibt. Die beiden arbeiten jetzt lange genug zusammen, für eine Fassade ist da kein Platz mehr.
Während des Ausflugs in das „verwunschene“ Moor kommt es zu einem Vorfall, der alles bisher etablierte gehörig durcheinander wirbelt: Sherlock wird in der Tat mit übernatürlichem Horror konfrontiert. Es ist der interessante Kern dieses Falls, die zentrale Konfrontation, der sich die Hauptfigur hier stellen muss. War es im ersten Fall sein eher sperriger und gehemmter Zugang zu Sexualität, Weiblichkeit und Gefühl, die ihn schwächte, so ist es hier die Tatsache, dass er seinem eigenen Verstand nicht mehr trauen kann. Er zweifelt. An sich und an den Tatsachen. Durch diesen Konflikt wird das gesamte Konstrukt einer rationalen und an die Wissenschaft glaubenden Figur wie Sherlock Holmes in Frage gestellt. In der ersten Staffel wurde ein Protagonist kreiert, den man nun zu kennen und zu fassen glaubt. In der zweiten Staffel nun wird eben jener Protagonist Schicht für Schicht dekonstruiert. Eine Weiterentwicklung, die man von guten Serien erwarten sollte und die hier eingelöst wird.
„I use my senses, John, unless other people!“ In die Enge gedrängt durch seine Unzulänglichkeit, den Fall zu lösen, benimmt sich Sherlock wie ein angegriffenes Tier. Er schlägt mit seinem Intellekt wild um sich, denn seine Waffe ist die logische Beobachtung, nicht etwa körperliche Aggression. Er wird John, der versucht, ihn zu beruhigen, vor den Kopf stoßen, schlimmer als vorher. Denn dieser glaubt, die beiden seien Freunde, doch Sherlock besteht auf der Tatsache, keine Freunde zu haben. „I wonder why“, kann John ihm nur noch zynisch entgegensetzen, nachdem er ihn vorher bereits mit Spock gleichgesetzt hat (und der Vergleich liegt in der Tat nicht so fern). Es ist das erste Mal, dass die vertraute Beziehung der beiden einen richtigen Knacks bekommt. Umso wichtiger später die Entschuldigung des Mannes, der keine Gefühle zulassen kann. „I don’t have friends. I’ve just got one.“
Natürlich wäre Sherlock nicht er selbst, würde er sich nicht bald wieder auf seine Fähigkeiten besinnen. Bei weiteren Untersuchungen im Labor setzt er zu seiner letzten, alles erklärenden Analyse ein. Dafür begibt er sich in seinen, wie er es selbst nennt, „mind palace“. Inszenatorisch ein Höhepunkt, denn hier beginnt die Reise in sein Universum der Gedanken, der Rückschlüsse, der Zeichen und der Interpretation. Sherlock spielt mit seinen Ideen, seinem „stream of consciousness“. Er ähnelt einem Dirigenten, einem Zauberer in Trance. Als er dann die Lösung hat, schaut er zufrieden in die Kamera und kehrt mit einem Ruck in die wahre Welt zurück. Diese Verbildlichung der Gedanken als visuelle Strategie und das Cluster der Überlegungen ist ein Phänomen der Serie und kann als „Sherlockology“ bezeichnet werden.
Mark Gatiss hat die Doyle’sche Legende des „Hundes von Baskerville“ glaubhaft und harmonisch in das moderne Universum von Sherlock verfrachtet. Und doch steht dieser Fall, ähnlich wie die zweite Episode der ersten Staffel, etwas außerhalb der Entwicklung der Serie. Die Mystery-Elemente überwiegen, Allgemeinplätze wie ein surreal anmutendes Geheimnis oder merkwürdige Nebenfiguren beherrschen die Szene. Dadurch gerät der zentrale Kampf der Meisterhirne Sherlock und Moriarty ein wenig außerhalb des Fokus. Umso wichtiger daher, dass Gatiss einen spannenden Showdown und einen Epilog erdacht hat, auf den man genau achten sollte. Denn dieser bringt Moriarty wieder ins Spiel und schafft den Ausblick auf den Höhepunkt der Serie: Es naht das „final problem“ und ein wirklich fieser Cliffhanger, welcher den der letzten Staffel noch um Längen übertreffen wird.
Hier findet Ihr die Besprechung der ersten Folge der zweiten Staffel: Sherlock – Skandal in Belgravia.
Hier findet Ihr die Besprechung der dritten Folge der zweiten Staffel: Sherlock – Der Reichenbach Fall





