Sodom und Godzilla | Cannes 2012


Menschen, Monster und Maschinen: Öffentliche Filme, private Filme und weiter mit Carax; Cannes-Blog, Folge 7.

Ein Sendbote der Unterwelt also, oder ein gefallener Engel ist “Monsieur Oscar” die von Leos Carax‘ Lieblingsschauspieler Denis Lavant gespielte, in immer neue Identitäten schlüpfende, in einer Luxuslimousine durch Paris flanierende Hauptfigur von Carax‘ neuem Film, der auch einen Tag nach seiner Premiere viele Zuschauer ratlos, aber auch fasziniert zurücklässt.

Wie soll man sich dies bloß erklären, was will Carax uns sagen oder zeigen oder vermitteln? Einmal ist dieser Oscar ein “Monsieur Merde” der unglaublich hässlich ist, mit wildem, roten Bart und langen kralligen Fingernägeln. Wie ein Satyr. Oder auch wie das Monster aus La Belle et la Bete. Ein fleischlicher Ausdruck unseres Unterbewussten, von Angst und Phobie. Er steigt auf einen großen Friedhof heraus aus einem Grab, er kommuniziert nicht, es sei denn durch Sabbern und Gurgeln, sondern tut schreckliche hässliche Dinge, die alle entsetzen. Er verschreckt die Menschen, denen er über den Weg läuft, frisst Blumen, die Haare der Menschen, beißt ihnen Finger ab, und hält erst inne, als er eine Frau sieht, ein Model bei einem Fotoshooting – und wenn man so will als Ausdruck absoluter Schönheit das vollkommene Gegenstück zu ihm, dem Symbol absoluter Hässlichkeit. Eva Mendes spielt sie, mit leisen Anklängen an die junge Brigitte Bardot.

Oscar ist auch ein Banker, ein Killer, eine bettelnde Zigeunerin, ein sterbender Mann, ein Vater. Am Schluss kommt Oscar über Nacht zu einer anderen Familie. Ehefrau und Kinder werden von Schimpansen gespielt – nein, das kann Carax doch nicht machen? Doch, er kann.

Ganz am Schluß reden in einer großen Garage dann auch die Luxusautos selber miteinander: “Men don’t want visible maschines any more… no more technics”

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Zumindest dieses letzte Bild erklärt der sich sonst eher maulfaul gebende Carax später bei der Pressekonferenz: Er fände diese Autos “tres beau, tres attachant”, sie seien “Bestien”, “tres bling bling”, aber auch zwischen Bestien gebe es Solidarität. “Ich mag Maschinen und Motoren. In digitalen Kameras aber gibt es keine Motoren mehr.”

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Die wohl allerbeste, zumindest allerschönste Szene des Films, in der dieser auch endgültig seine Richtung findet, ist jene Episode, in der Oscar auf eine Frau mit kurzen blonden Haaren und Trenchcoat trifft, die von Kylie Minogue gespielt wird. Die beiden gehen in das traditionsreiche Jugendstil-Kaufhaus “Samaritaine”, das direkt an der Seine liegt, neben der Pont Neuf. Heute steht das vollständig denkmalgeschützte Kaufhaus leer, wird in ein Luxushotel umgewandelt. In den leeren Hallen dieses Relikts der alten Moderne, zwischen den alten Stahlträgern, Treppen und Jugenstilgeländern singt Minogue ein melancholisches Lied: “Who are we? Who are we? Where were we, when we were who we are? I was a child”. Auch die Dialoge kreisen um Vergänglichkeit und die zweite Chance, die es nicht gibt.

Immer wieder gibt es wunderschöne, im guten Sinne kitschige Szenen, wie diese, die in ihrem unverhohlen romantischen Charakter am ehesten an Wenders Der Himmel über Berlin erinnern. Dann aber ist es wieder pure Geschmacklosigkeit.

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Das Problem ist ja nicht, das Carax keine gute Ideen hätte, oder keine Phantasie. Das Problem ist, dass er keinen Geschmack hat. Und darum immer wieder Hässlichkeit, Ekel und Kitsch abfeiert. Und auf der Tonebene trifft sich Symphoniemusik mit dem Soundtrack von Godzilla.

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Wie schon erwähnt: Es ist gar nicht so leicht, über diesen Film zu schreiben, wenn man ihm gerecht werden will. Vielleicht muss man auch noch erzählen, wie es war ihn zu sehen. Denn nach der sehr schönen rätselhaften Auftaktsequenz (die ich im vorigen Blog beschrieben hatte) ist man erstmal sehr irritiert. Holy Motors ist offenkundig unglaublich prätentiös, auch wenn er kaum weniger offenkundig viel Humor hat, auch Selbstironie und Charme. Man kann ihm das gar nicht vorwerfen, denn Carax weiß es und will es. Und man darf ja alles im Kino, auch prätentiös sein.

Das hat vorletztes Jahr auch Godard bewiesen, an den Carax Film öfters erinnert. Auch bei Godard paart sich ganz schöner Quatsch mit genialen Einfällen. Und auch Carax spielt mit Zitaten aus der Kinogeschichte, und wer sucht, wird auch sonst zahlreiche weitere Verweise auf anderes finden: Auf Hoffman’s Erzählungen, Kafka, Borges. Wie Borges Texte funktioniert auch dieser Film über Koinzidenzen und Korrespondenzen. Im Presseheft steht ein längeres Zitat aus Jorge Luis Borges‘ Buch Everthing or Nothing über Shakespeare.

Carax selbst markierte seine Position als kompromissloser Autorenfilmer so eindeutig wie möglich: “Ich weiß nicht, wer mein Publikum ist. Ein Haufen Leute, die tot sind (“bunch of people, who are dead”). Ich mache keine öffentlichen Filme, ich mache private Filme, aber jeder ist eingeladen, sie zu sehen.” (“I dont make public films, i make private ones. I invite people to see it.”).

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Dabei sollte man sich nicht täuschen lassen: Carax ist kapriziös, aber kein Idiot. Er weiß, was er tut. Er pflatscht dieses Ding so hin, und wir können damit machen, was wir wollen. Schon dieser Gestus ist großartig. Jetzt rattert die Interpretationsmaschine. Darum hier mal unsererseits ein erstes kleines Angebot zum Verständnis: Man muss diesen Film nehmen, wie ein Gedicht, wie einen Traum, bzw. einen Traumfilm a la Lynch. Man sollte an die Romantik denken, an Novalis und Schlegel, an Hoffmann, an Baudelaire und Poe. An romantische Ironie. Man sollte auch surrealistische Kunst im Hinterkopf behalten, Filme von Bunuel und Cocteau, Bilder von Ernst und Dali, Texte von Queneau und vor allem Bataille. Kafka und Borges hatte ich bereits genannt, die kann man auch als Surrealisten eigener Art verstehen. An Celine musste ich auch denken.

Carax ist weltanschaulich ein Anarchist und konservativer Revolutionär, ein Pessimist und Menschenhasser – vielleicht kein sympathischer Mensch. Vielleicht doch. Aber das ist auch egal. Viele Künstler waren bekanntermaßen unsympathische Menschen, und viele sympathische Künstler machen leider schlechte Kunst.

Thematisch geht es offenkundig um das Verhältnis zwischen Menschen, Monstern und Maschinen. Das bedeutet aber, dass es hier natürlich grundsätzlicher auch um die Beziehung zwischen Realität und Phantasie geht. Orcar ist nicht nur eine Figur der Phantastik, sondern auch ein Bote der Phantasie. In dieser Beziehung zwischen beiden Ebenen dient die Phantasie in der Regel dazu, uns von der Realität zu erlösen. Bei Carax ist das Verhältnis ausgeglichener. Realität und Phantasie stehen gleichberechtigt nebeneinander.

Vielleicht ist das alles nur der Albtraum eines Filmregisseurs – namens Carax – der von seinen Ideen verfolgt wird. Vielleicht auch die Kinogeschichte, die sich selber träumt. Die Realität bleibt dann für die, die nicht stark genug sind, um diese Träume auszuhalten.

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Holy Motors ist ein herausfordernder Film, eine urbane Poetik mit Vision, insgesamt ungeheuerlich und ungeheuer faszinierend. Um mich zu wiederholen: Man weiß nicht genau, was es alles bedeutet, aber es ist großartig.

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“Zu uns sind Leute gekommen, und haben gesagt: Wir hassen diesen Film, hassen Sie den auch.” erzählt später Erika Gregor, die mit ihrem Mann, dem Gründungsdirektor des Berlinale-Forums auch 2012 Dauergast in Cannes ist. Wer Filme liebt, geht nicht in den Ruhestand, das kann man an den Gregors gut beobachten – und offenkundig hält Kino auch jung.

“Aber er wird nichts kriegen, nicht in dieser Jury.” meinte Gregor dann noch.

Und der Direktor eines großen österreichischen Filmfestivals, der gerade bei uns stand, und schon seine ganz eigenen Erfahrungen mit dem Jurypräsidenten Nanni Moretti hat, meinte noch: “Der Moretti ist ein totaler Egomane, der hat in diese Jury sogar zwei Stimmen, und das sind zwei Stimmen zuviel. Und die Diane Kruger, die ist so dumm… das wird nix.” Bei Kruger bin ich mir da gar nicht so sicher. Bei Moretti schon.

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Zeit einmal über die diesjährige Jury zu reden. In allen Gesprächen der letzten Woche war das Urteil unisono: Von denen ist nichts Gutes zu erwarten, mehr oder weniger alles Deppen ohne Geschmack oder die typischen Liebhaber des Gutmenschenkinos. Aber vielleicht täuschen wir alle uns ja in den Regisseuren Andrea Arnold, Alexander Payne und Raoul Peck, in den Schauspielerinnen Hiam Abbass, Emmanuelle Devos und Diane Kruger, ihrem Kollegen Ewan McGregor, sowie dem Modeschöpfer Jean-Paul Gaultier.

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Über Moretti traue ich mir aber ein gewisses Urteil zu. Was allemal klar ist, und keine österreichische Verschwörungstheorie ist, dass Moretti Haneke und Seidl verabscheut. Es gibt dazu zwei schöne böse Anekdoten: Als 1996 Hanekes Funny Games in Cannes lief, war Moretti schon mal in der Jury (aber nicht Präsident) und soll zu den Jury-Kollegen gesagt haben, jeden, der für diesen Film stimme, den schlage er zusammen. Verbürgt ist, dass Moretti in Venedig 2001, als Seidls Hundstage lief, mit dem Austritt aus der Jury gedroht hat, als die Mehrheit den Film mit dem Goldenen Löwen auszeichnen wollte.

Woher das alles kommt? Keine Ahnung. Vielleicht der Hass der Italiener gegen ihre ehemaligen Kolonialherren?

Auch Diego aus Argentinien kalkuliert mit Morettis persönlichem Egotrip: “Haneke und Seidl fallen aus. Auch Garrone, denn er wird keinen Italiener neben sich dulden. Auch keinen Regisseur, der schon eine Goldene Palme hat, denn dann hätte der mehr als er selbst.”

Was bliebe dann? Kiarostami.

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“Ich habe meine Identität als Popstar abgestreift” sagte Kylie Minogue zu ihrem Auftritt auf der Pressekonferenz zu Holy Motors, die weniger voll war, als erwartet, und durch die undisziplinierten Fotographen gestört wurde, die sich partout nicht hinsetzen wollten, “mich an meine Anfangsjahre als Schauspielerin erinnert, und versucht, so basic wie möglich zu sein. Es war ein magisches Erlebnis.”

Auf der gleichen Konferenz liefert die französische Produzentin von Carax gleich noch eine gute Definition von Autorenkino, die man gern mal von einem deutschen Produzenten hören würde: “Filme, die weit weg sind vom Ordinären, vom Massen-Geschmack, die nicht das Fernsehen interessieren, die keine Komödien sind.”

Sie erzählt dann auch, der Film sei bereits fertig finanziert gewesen, dann hätten die Banken plötzlich die Verträge nicht unterzeichnen wollen, und es dauerte weitere zwei Jahre. Da zeigte sich dann das deutsche Fernsehen, genauer: Der deutsche Teil des Kulturkanals ARTE von seiner besten Seite: gleich drei deutsche Redakteure stehen jetzt auf dem Abspann, und können sich womöglich am Sonntag freuen.

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Das neueste Gerücht, dass deshalb glaubwürdig ist, weil es aus sehr gut informierten Kreisen kommt: Der Film sei dann am Ende nur deshalb möglich gemacht worden, weil ein Anruf aus dem Elysee-Palast bei der ARTE-Chefetage die Finanzierung klar gemacht habe. Denn Leos Carax, der mit seiner hellen braunen speckigen Lederjacke und seiner Sonnenbrille ein bisschen so aussieht wie ein Hongkong-Regisseur, war ja auch mal der Lover von Präsidentengattin Carla Bruni.

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Das können sie auch wegen Carlos Reygadas. Zu dessen Film Post tenebras lux schreiben wir im nächsten Blog noch mehr. Nur soviel: Eine faustische Schuld und Sühne-Geschichte im Murnau 5:4-Bildformat mit verzerrten unscharfen Rändern, wie Sukurov. Und der zweite Katholo-Schlocker in wenigen Tagen, aber ganz anders, polymorph-pervers halt, wie immer bei Reygadas: Sodom und Gomorra in Mexiko. Zweifellos ein toller, irrer, stellenweise sehr schöner Film, stellenweise auch wieder einfach unverständlich. Und er tut ein bisschen kunstvoller, als er ist, erzählt eine ganz straighte Story mit Zeitsprüngen vor und zurück, weil’s dann besser aussieht. Ein toller Film und ein Preiskandidat.

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Was denn Katholo-Schlocker bedeutet, werde ich aus Deutschland gefragt. Meine Antwort: Katholo-Schlocker – tja, das war eine persönliche Wortschöpfung: Schlocker ist eine Mischung aus Schocker und Schlock, dem jiddischen Wort für billig, Schund, schäbig, kitschig, trashig und Katholo ist klar, oder? Zum Beispiel der Exorzist wäre auch ein Katholo-Schlocker – interessant, aber irgendwie geht’s so trotzdem nicht… Ok? Dazu noch zwei Links:
http://www.wired.com/underwire/2010/12/syfy-ice-quake/
und:
http://www.youtube.com/watch?v=_eLBQLUyfhg

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Im Presseraum: Ein Kollege wicsht sorgfältig die zuvor von anderen benutzten Tasten ab. Fehlt nur noch, dass er wie die österreichischen Touristinnen in Seidls Afrika mit Desinfizierspray nachsprüht und -wischt “It’s symbolic” meint er auf meine amüsierte Frage.

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Ein paar andere Preisspekulationen und Favoriten gibt es auch schon: Von den Holländern Ronald und Peter etwa. Peter vom NRC sagte: Ich denke, das Jagten von Vinterberg etwas gewinnt, vielleicht den Hauptpreis. Das finde ich sehr überzeugend. Denn der dänische Missbrauchsfilm, den ich Sonntag noch nachholen muss, klingt wie der perfekte Kompromiss für eine Themenjury. Ronalds Favorit ist der Haneke, sein Lieblingsfilm der mexikanische Despues de Lucia, über den ich schon geschrieben hatte. Dana vom Filmkrant sieht es sehr ähnlich, wie ich: Hanekes Amour ist der beste Film, aber Reygadas und Carax sind die interessantesten und sollten am Sonntag gewinnen.

Hier alle Berichte aus Cannes 2012.