Window Pane Nostalgia / Eine Frau, ein Jahrhundert | goEast 2012 – Beyond Belonging Double Feature


Wie bereits im Artikel zu Bleierwähnt spielt die Bewältigung der jüngeren Vergangenheit eine große Rolle im osteuropäischen Film. Dem wurde auf dem goEast2012 eine ganze Sektion des Festivals gewidmet. Unter dem Titel Beyond Belonging wurden Filme gezeigt, deren Inhalt sich mit der Frage nach dem “Wohin” nach dem Fall des Eisernen Vorhangs auseinandersetzt.
Schwer verdaulich präsentiert sich hier der 24-minütige Kurzfilm Window Pane Nostalgia von Valeriy Balayan. Im von den Ausrichtern intelligent zum Festivalzentrum mit Kinosaal umgestalteten Gebäude der Wiesbadener Casino-Gesellschaft prasselt hier ein tiefschürfendes Radiointerview von verschiedenen russischen Intellektuellen auf den Zuschauer ein, dem die These des georgischen Philosophen Merab Mamardashvili zugrunde liegt, dass ein sowjetisches System, das nie gelebt hat auch nicht untergehen kann. Untermalt wird das Ganze von Bildern von verschiedensten Protesten aus Sowjetzeiten, aber auch teilweise rechtsextremen Ausschreitungen im „Neuen Russland“. Manchmal nimmt man den Unterschied gar nicht war und zusammen mit den stellenweise komplexen und holprig konstruierten Untertiteln tendiert Window Pane Nostalgia dazu zu überfordern. Natürlich mag das ein Muttersprachler eventuell anders beurteilen, aber eine Konzentration auf Bild, Ton(fall) und Untertitel fällt schwer.

Dennoch macht Window Pane Nostalgia seinen Standpunkt klar. Ein freies Russland hat es bis dato nicht gegeben, genau so wenig wie einen wirklichen Umbruch in der Gesellschaft. Im Museum der deutschen Geschichte in Bonn wird eine FDJ-Trommel ausgestellt, unter deren abblätternden Lack der alte Hitlerjugend-Anstrich zu erkennen ist. Ein ähnliches Bild liefert diese knappe halbe Stunde von der neueren russischen Geschichte: Der Lärm ist der gleiche, nur der Lack ist anders.





Nach einer kurzen Verschnaufpause geht es mit Eine Frau, ein Jahrhundert weiter.
Želimir Žilnikinterviewt die 99-jährige Dragica Srzentić aus der Region Illirien, damals Teil Serbiens und Österreich-Ungarns, zwischendurch einmal Jugoslawien, heute Kroatien. So bewegt die Geschichte ihrer Heimat, umso bewegter die eigene Geschichte und so erzählt Dragica von ihrer Zeit als Mitarbeiterin eines der ersten Frauenmagazine Serbiens, ihrem Weg in den Partisanenkampf gegen die Deutschen unter Hitler und ihre Gefangenschaft unter Tito. Wie man es von den eigenen (Ur-)Großeltern gewohnt ist, geschieht dies in einer Façon, der nicht immer leicht zu folgen ist. Denn dieser war ja mit dem verwandt und hat unter dem dieses dort getan und überhaupt… und so schweift die Erzählerin immer wieder im Verlaufe des Gespräches ab, verfängt sich in Details und kommt über Umwege dann doch wieder am Anfang der eigentlich zu erzählenden Geschichte heraus. Leider schadet das dem Lerneffekt des Filmes ungemein, trotz allem – wie kann man besser etwas über die Geschichte lernen als von einem/einer Zeitzeugen/Zeitzeugin. Das ist lebendige Geschichte und überhaupt, Dragica ist ja nicht nur ungemein bedacht darauf, jeden Namen, der ihr noch einfällt, aufzuzählen, sie ist gleichsam unterhaltsam und schafft es einen trotz allem irgendwie zu fesseln. Das mag vielleicht an der Ungeheuerlichkeit dessen, was sie da erzählt liegen, denn wer von uns wird denn seinen Urenkeln schon so eine Fülle an Augenzeugenberichten historischer Ereignisse bieten können? Kurze Animationen untermalen die Ereignisse im Leben Dragica Srzentićs visuell, dazu runden kleine Einschübe eines Besuches in Moskau zusammen mit der Tochter um die Feierlichkeiten zum 1. Mai zu beobachten den Film ab.

Und so gelingt es Žilnik anhand der Biografie Dragica Srzentićs eben ein sehr lebendiges Bild der Geschichte des nördlichen Balkans zu zeichnen, mit all seinen Lach- und Sorgenfalten. Wer sich von seinen Großeltern an den Tisch fesseln lässt, wenn diese aus dem Nähkästchen plaudern, dem sei Eine Frau, ein Jahrhundert wärmstens ans Herz gelegt, wer jedoch auf stringente und effektive historische Berichterstattung aus ist, der wird hier wohl schnell enttäuscht werden.

Das beschriebene Double-Feature zeigt zwei Filme, die nicht nur in Dauer, Form und geographischer Lage, sondern auch im geschichtlichen Kontext recht verschieden positioniert sind. Doch macht es durchaus Sinn diese beiden Filme hintereinander zu zeigen, denn sie handeln beide vom Wandel. Den vermeintlichen Wandel der Sowjetunion vom Stalinismus bis zur Perestroika und zum Jelzin-Russland. Gleichfalls den vermeintlichen Wandel von einer zur nächsten Balkankrise. Schließlich zeigt sich ein verblüffendes Ergebnis: Nichts hat sich geändert, doch trotzdem ist alles anders und am Ende ist man immer schlauer und hat so einiges zu erzählen.


Hier unsere gesamte Berichterstattung vom goEast 2012.