Mafia, Catenaccio und zu wenig Tiki-Taka zum Auftakt der Gruppe C
“Wenn’s Scheiße läuft, läuft’s Scheiße.”
Oliver Kahn als ZDF-Experte am Sonntag, 10. Juni
Es war ein hochspannendes, äußerst niveauvolles Spiel, die Begegnung zwischen Spanien und Italien zum Auftakt in der Gruppe C. Insgesamt sehr starkes Spiel – das erste Endspiel in dieser Europameisterschaft, in der zwischen vielen Teams nur graduelle Unterschiede entscheiden. Trotzdem, und obwohl seit fünfzig Jahren noch nie ein Welt- oder Europameister seinen Titel verteidigen konnte – damals war es Brasilien, das 1958 und 1962 Weltmeister wurde -, ist Spanien einer der großen Favoriten bei diesem Turnier. Während die Italiener mal wieder in einen mafiosen Skandal verwickelt sind – Razzia im Trainingslager war mal was Neues – und mal wieder daraus genau das emotionale Kapital, jene Wagenburgmentalität entwickeln werden, die auch sie spätestens nach dem gestrigen Spiel zu einem Favoriten macht.
Unterschätzt mir die Italiener nicht! Man muss sie nicht mögen, aber es war beeindruckend, zu sehen, wie Italien genau das machte, was gemacht werden muss, gegen die Spanier, enorm früh störte, klassische harte Manndeckung praktizierte, teilweise regelrecht altmodischen Catenaccio, und daraus in der ersten Halbzeit die besseren Chancen entwickelte.
Nicht weniger beeindruckend, wie Spanien sich selbst neu erfand, und aus der Not der Verletzungen von Villa und Puyol heraus versuchte, den eigenen Spielcharakter neu zu erfinden. Sie spielten ein 4-3-3, was im Prinzip ganz gut funktionierte. Trotzdem glaube ich, dass Ramos in der offensiven Außenverteidigung besser aufgehoben ist, als als Innenverteidiger – er hatte zwar große Szenen, etwa in der 52. Minute, als er gegen Balotelli meisterlich geklärt hat, aber vorausgegangen war ein eigener Fehler, der gut zur italienischen Führung hätte führen können. Die ersatzweisen Außenverteidiger der Spanier waren zwar sehr offensiv, aber weniger effektiv, als Ramos: Arveloa hm hm, Busquets hm.
Und die Abwehr erschien insgesamt viel verwundbarer, unsicherer, war eindeutig gestern der Schwachpunkt der Spanier. Während die Italiener gerade hier ihre Stärke hatten.
Eben diese Ungleichheit, die enormen, mit Händen zu greifenden Unterschiede zwischen beiden Teams und ihrer Spielweise machten den Reiz des Spiels aus.
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| Oliver Kahn, Copyright: Giftraum |
Für meinen Geschmack – im Gegensatz zum ZDF-”Experten” Kahn – spielten die Spanier in diesem Auftaktspiel eher bisschen zu wenig Tiki-Taka, dagegen oft zu schnell direkt vors Tor. Da blieben sie dann auch ebenso oft in irgendwelchen italienischen Stachelbeinen hängen. Während sie immer dann, wenn sie dann wirklich ein bisschen Tiki-Taka spielten, schnell die italienische Geduld, mit der es bekanntlich nicht weit her ist, über Gebühr strapazierten, und Fouls provozierten. Das hätte man noch systematisieren können, um weitere Gelbe Karten, und vielleicht irgendwann eine Rote zu provozieren.
Italien blieb auch ganz dem italienischen Stil treu, und wechselte super ein: Das 1-0 durch Di Natale kam zwar ein bisschen unverdient, weil es gerade in der Drangphase der Spanier fiel, ging aber insgesamt in Ordnung. Ebenso der Ausgleich, dem dann einige unanständige Fouls der Italiener folgten. Insgesamt das beste Spiel der EM bisher, im Ergebnis etwas glücklicher für Italien, aber verdient.
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| Trapattoni, Copyright: Ingo Stöldt |
“Oh Du schönes Heimatland” sangen die Kroaten, und allein wegen des völlig übertriebenen Nationalismus dieses Volkes und der platten, überaus vulgären Art, mit der sie ihn zur Schau tragen, hätte man ihnen eine saftige Niederlage gegen Trapattonis Iren gegönnt. Doch leider beflügelte die weder der “Soldier’s Song” ihrer Nationalhymne, noch das großartige Fan-Gegröle “You’ll never beat the Irish”.
Halt eben doch – Kroatien hämmerte immer wieder Löcher in die irische Wand, die Iren spielten “kick and rush”, der allzuoft irgendwo hängen blieb. So bleibt einem, der ein Weiterkommen der Spanier und der Italiener wünscht, nur die Hoffnung, dass nicht die Kroaten so stark waren, sondern die Iren so schwach.
Das zweite Spiel mit Endspielqualität könnten wir bereits heute Abend erleben: Frankreich gegen England, da sehen wir vor unserem geistigen Auge nicht nur Napoleon und Lord Nelson, Rheinischen Kapitalismus gegen Manchester-Liberalismus, sondern auch ein Frankreich, das sich rehabilitieren muss, und ein England, das wieder mal vor einem Turnier bereits alle Ausreden für ein frühes Ausscheiden parat hat: Allez les Bleus!




