Der Moretti-Pakt | Cannes 2012


Stinkender Rum & “Le Monde” liefert offene Geheimnisse zur diesjährigen Juryentscheidung; Cannes-Blog, Folge 17.

Jeder kann es im Katalog des Festivals nachlesen: Vier der sechs Filme, die die Jury unter Präsident Nanni Moretti am vergangenen Sonntag ausgezeichnet hat, sind (Co-)Produktionen oder im Verleih des gleichen Unternehmens: Le Pacte.
Dazu gehören nicht nur der Regiepreis für Carlos Reygadas Post Tenebras Lux – den ich verdient fand – und die zwei Preise für Cristian Mungius Hauptdarstellerinnen (m.E. ebenfalls verdient) und das Drehbuch für Beyond the Hills (m.E. vollkommen unverdient), die das aus Kritikern und Rechtehändlern bestehende professionelle Publikum an der Croisette völlig spalteten, sondern, auch jene zwei Preise, die überhaupt keiner außerhalb der Jury verstanden hat: Der “Große Preis der Jury” für Reality von Matteo Garrone und der “Jurypreis” für Angel’s Share von Ken Loach, beides völlig belanglose, im Fall von Loach unfertig wirkende Filme.

Wie die französische Tageszeitung Le Monde in ihrer Ausgabe vom Mittwoch, 30.5. (Seite 21) enthüllt, will es der Zufall, dass Le Pacte auch den letzten Film von Moretti, Habemus Papam koproduziert und überdies in den französischen Kinos verliehen hat. Darüber hinaus hat Le Pacte-Boss Jean Labadie bis zur Gründung von Le Pacte auch mit seiner Firma Bac Films alle vorherigen Filme Morettis verliehen.
Wie sagt man so schön: “Honi soit qui mal y pense.”

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“Cuba als das perfekte Land” sagt Gaspar Noé, “ich bin glücklich, dass ein Stückchen Utopie auch heute noch existiert.” Sogar die Saaldiener im Salle Debussy klatschen da mit.

Und auch wenn man einwenden könnte, dass dieses Statement in seiner Einfachheit vielleicht etwas naiv ist, klatschen wir auch, denn wie Noé, dem Regisseur des unvergessenen Arty-Shockers Irreversibel, ist uns Cuba trotz allem auch ans Herz gewachsen, und wir haben uns entschieden, dass das Rumglas halbvoll ist, nicht halbleer.

Noé nehmen wir auch seine linke Gesinnung ab, glauben ihm, wenn er sagt: “I am a leftist.” Er riskiert immer etwas mit seinen Filmen, und ist keineswegs einer, der plötzlich aus der Ferne sein Herz für die Revolution entdeckt. Vielmehr ist ihm bewusst, wovon er redet. Wer es nicht weiß: Noé ist kein Franzose, sondern eigentlich Argentinier. In Buenos Aires geboren, kam er erst mit 12 Jahren nach Frankreich. Er ist der Sohn des Malers und Intellektuellen Luis Felipe Noé, der unter der Militärdiktatur verfolgt wurde und ins Exil musste.

Es ist nicht so dahingesagt, sondern bedeutet etwas Substantielles, wenn er im Kommentar zu seinem neuen Film, dem Kurzfilm Ritual, auf den argentinischen Doktor Che Guevara verweist, “den am meisten bewundertsten aller meiner Landsleute”, und auf Mikhail Kalatozows Film Soy Cuba, “dessen Kameraarbeit mich so tief inspirierte.”

Wenn man dann aber diesen Film sieht…

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7 Days in Havana ist eine Kombination aus sieben Kurzfilmen. Sie stammen von so illustren Menschen wie Benicio del Toro, Pablo Trapero, Julio Medem, Elia Suleiman, Laurent Cantet und eben Noé. Sie sind, vorsichtig gesagt, ästhetisch enttäuschend, gehen am ehesten noch als Werbeclip für Kuba durch. Der Blick ist touristisch, die Bilder glatt, die Witze platt – “not de Niro – Dinero!” -, die Frauen zu schön und zu willig, etc.

Am besten ist noch Traperos Beitrag, in dem Emir Kusturica sich selbst spielt, als permanent betrunkenen Gast auf dem Filmfestival von Havana, den die armen Betreuer immer einfangen müssen. Auch die Filme von Noé und Suleiman sind ok, der von Medem dagegen wirklich unter aller Sau.

Man trinkt eine Menge in 7 Days in Havana. Und wenn man das Presseheft genau liest, versteht man auch, warum: 7 Days in Havana ist nämlich tatsächlich von einer Rum-Firma produziert worden, von Havana Club. Das Label ist auch deswegen berühmt, weil die Firma von Fidel Castro verstaatlicht wurde, und dann in Frankreich mit dem Geld des Konzerns Pernod Ricard wiedergegründet. Große Konkurrenz ist Bacardi, betrieben von Exilkubanern mit Sitz in Miami.

Hinter dem Film-Projekt steht eine Werbeagentur, die 2005 gegründete M&C Saatchi GAD, ein Pariser Ableger der berühmten Londoner Saatchi & Saatchi. Ihr allererster Kunde war eben Havana Club. Dann gründete man den Ableger Havana Cultura, der den Film nun coproduzierte, man steuerte immerhin 1 Million des Gesamtbudgets von drei Millionen Euro bei. Im Film erscheint Havana Club immerhin nicht direkt, aber im Abspann: “Full House & Morena Films in collaboration with Havana Club International S.A.” steht auf den Credits.

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Was dazu jetzt wohl Noé und sein Freund Castro sagen?

Hier alle Berichte aus Cannes 2012.