11 Bubis gegen 11 Männer: Pizzalieferanten, Renaissancemenschen und weichgespülte Redner – vor dem Halbfinale gegen Italien
“Alles, was ich über Moral weiß, weiß ich vom Fußball. Hier war meine eigentliche Universität.”
Albert Camus
Neulich träumte ich, dass Steve Martin tot ist. Das hatte ich schon wieder vergessen, dann sah ich ihn im Fernsehen und dachte: Ist der nicht tot?
Im Sommer 1982 ist nicht nur Fassbinder gestorben und Romy Schneider innerhalb von drei Wochen und auch noch Curd Jürgens, was für mich damals als Kind das Schlimmste war. Im Sommer 1982 war auch WM in Spanien. Seitdem, glaube ich, mag ich spätestens Spanien und die Spanier. Spanien kannte ich vorher nur aus Asterix. Ich mochte damals besonders einen Spieler, der Lopez Ufarte hieß, was mir damals unglaublich spanisch vorkam.
Spanien kam trotzdem nicht weit, sie schieden, glaube ich, gegen Deutschland aus, es gab damals Gruppenspiele einer sogenannten Zwischenrunde. Eigentlich eine ganz gute Lösung, weil man noch zwei Spiele der Briten und der Griechen angucken könnte, überhaupt mehr Spiele, mehr Chancen, und nicht eine Niederlage das Schicksal entscheidet. Aber dieses Entweder-Oder, der Sozialdarwinismus des Survival of the Fittest entspricht natürlich unserer Zeit.
Das Halbfinale, das es damals auch gab, hieß dann Deutschland gegen Frankreich.
Wer es gesehen hat, wird es nie wieder vergessen! Ein atemberaubendes Spiel, das mindestens so sehr die Bezeichnung “Jahrhundertspiel” verdient wie das legendäre 3-4 bei der 1970er-WM in Mexiko.
Wer die Nerven dazu hat, kann es in nicht gerade überragender Qualität, dafür komplett auf You-Tube angucken.
Woran man zuerst denkt: Das Foul von Toni Schumacher im deutschen Tor an Patrick Battiston. Ein Skandal. Der Gipfel einer Mannschaft der hässlichen Deutschen, für die man sich latent schämte, weil sie blöd spielten, klassischen Rumpelfußball, ohne Esprit, und trotzdem durchkamen, noch mehr, weil sie korrupt waren. Erinnern wir uns an die “Schande von Gijon“.
Dank des Fouls von Schuhmacher wurde die französische Mannschaft plötzlich stark. Sie wurde wütend. Auch weil der Schiedsrichter nichts gesehen hatte. Zuvor plätscherte das Spiel bei 1-1 dahin. Dann führten die Franzosen plötzlich mit 3-1. Und dann ging wieder ein Ruck durch das deutsche Team: 3-3!
Im Elfmeterschießen versagten die Franzosen. Und waren so endgültig moralische Sieger. Man kann das alles sehen, auf YouTube. So ein Halbfinale wünsche ich mir nachher.
Das Habfinale Spanien-Portugal sah ich am Mittwoch zusammen mit Michael, einem der interessantesten deutschen Regisseure, überdies einem, der viel Ahnung von Fußball hat. Michael trinkt im Gegensatz zu mir alkoholfreies Bier, weil er noch fahren muss, bleibt also nüchtern. Ich drücke Spanien die Daumen, er den Portugiesen, aber nicht aus germanischem Patriotismus, sondern weil es ihm gefällt, wie sie den Spaniern ihren Stil aufzwingen. Portugal meint er, fehlen vielleicht nur zwei oder drei wirklich gute Spieler, dann könnten sie schon mithalten. Was mich nicht überzeugt.
Zwischendurch stellt er Fragen, die nicht unbedingt etwas mit dem Spiel zu tun haben, oder eben doch, wie man’s sehen will. Er fragt zum Beispiel, “ob die Lebensintelligenz mitentscheidend ist für den Erfolg der Mannschaft?” Ist sie, und deshalb ist Italien heute Abend Favorit.
Er sagt auch: “Man sieht nur, was man weiß.”, was für das Filmegucken genauso wichtig ist, wie fürs Fußballgucken. Wir beide wissen, dass wir nicht viel von Fußball verstehen – bisschen schon, hehe – aber gerade das macht das Reden über Fußball so schön. Jeder hat zuhause oder in der Kneipe seinen EM-Club.
Fußball ist ein Spiel der Erinnerung. Neben dem Spiel selbst gibt es eine zweite, parallele Geschichte. Die Menschen laufen mit den Erinnerungen an das Spiel, an sie während des Spiels durch die Gegend. Dies ist der Zauber des Fußballs.
Das Spiel in den Köpfen und Erzählungen dauert länger als 90 Minuten. Es gibt keine Zeitbegrenzung, keine Uhr. Es dauert ein Leben lang. Es ist sehr intim, fast geheimnisvoll. Denn Eingeweihte verständigen sich in Geheimsprache miteinander.
Fußball ist aber auch ein Spiel der Erwartung. Des Vorlaufs. Zur parallelen Geschichte gehört die Vorstellung, wie es wäre wenn, was man hofft, wünscht, fürchtet, glaubt.
Hängen wir uns also aus dem Fenster: Ich kann nicht glauben, dass diese deutsche Mannschaft diese italienische Mannschaft besiegen kann. Ich wünsche es mir, weil ich mir ein Finale Spanien-Deutschland wünsche. Und ich wünsche es mir nicht, weil man dieser immer noch zu gesichtslosen Truppe ihre Grenzen aufzeigen muss. Und der deutschen Hybris, die weit über Fußball hinausgeht.
Es kann ja sogar sein, dass heute Abend Deutschland die Italiener erstmals in einem offiziellen WM oder EM-Turnier besiegen wird. Kann auch sei, dass die schwarze Serie der Deutschen gegen die Italiener auch diesmal wieder ein neues Kapitel bekommt. Zumindest eines spricht dafür: Hochmut kommt vor dem Fall.
Und es war schon eine merkwürdige Koinzidenz: “Dieses Mal werden wir als Sieger vom Platz gehen.” sagte Jogi Löw, entschlossen wie selten, gestern auf der Pressekonferenz. Ein klares und erstaunlich emotionales Signal an die Konkurrenz. Italien werde die deutsche Mannschaft “unseren Rhythmus aufdrängen. … Es stimmt, wir haben uns immer schwer getan gegen die Italiener, aber diesmal wird es anders sein.”
Diese Entschlossenheit korrespondiert mit der der Bundeskanzlerin auf dem heuten EU-Gipfel, wo, Zufall oder Schicksal, ihre Hauptkontrahenten Mario Monti und Manuel Rajoy sind, die Ministerpräsidenten von Italien und Spanien. So lange sie lebe, werde es keine Schuldengemeinschaft geben – diese Kampfansage an Europa formulierte eine spürbar entnervte Angela Merkel gestern im Bundestag. Während Italiener, Spanier und auch Portugiesen ein Zeichen des Entgegenkommens erhoffen, verschärft die Kanzlerin ihre Haltung. Deutschland gegen den Rest Europas.
Dabei ist vor allem die Begegnung mit den Italienern hart: Die Verachtung, die der Deutsche seit jeher für den Italiener hegt – “Ihr seid ja nur Pizzalieferanten” – wird beim Fußball schnell in blanken Hass verwandelt. Man muss da nicht die Fußballgeschichte bemühen – das 3-4 beim “Jahrhundertspiel” 1970, das 1-3 beim WM-Finale 1982, das Ende des “Sommermärchens” 2006 durch ein 0-2 – wie hier und heute über Italien geredet wird und über die Mannschaft – Spielsüchtige, Rechtsradikale, Schwulenfeindliche – das mag sogar alles stimmen, das dient trotzdem nur dem Aufplustern des eigenen deutschen unsicheren Egos.
Vielleicht ist all dies den Spielern der “Squadra Azzura” viel mehr präsent, als die Erinnerung. Dass es darum geht, gegen Austerity-Merkel und deutsche Arroganz ein Zeichen zu setzen.
Und man kann ja sagen, was man will, aber wenn man diese italienischen Spieler sieht, die 11 Männer, die heute Abend gegen 11 Bubis antreten, Pirlo, der schon aussieht wie eine Michelangeloskulptur, der mit Eiseskälte seinen Elfmeter lupfte und die Engländer schockfrostete, oder “La Bestia” Buffon, das Tier im Tor, oder Balotelli und Cassano, die tumben Brecher im Sturm, dann kann man sich vorstellen, wie die Renaissance wohl wirklich gewesen ist, mit welcher Verachtung die Condottiere der Stadtstaaten und des Papstes seinerzeit auf die rasenden Mönche aus Deutschland blickten, die die Bibel ernst nahmen, anstatt sich um das Wesentliche zu kümmern, die ihren Gottesstaat errichten wollten ohne Rücksicht auf die Menschen. Merkel und Löw, das ist Luther, Bismarck, und die anderen, deren Namen wir hier jetzt nicht nennen wollen. Pirlo und Buffon, das ist der Süden!
Das Land der Sonne und des Rettungsschirms, des besseren Lebens und des besseren Essens, der Kunst und des Laissez-faire. Der Süden, also Spanien und Italien stehen für Gelassenheit statt Hysterie, für Leben heute, statt Leben morgen, für Diesseits statt Jenseits, für ausgeben statt sparen, für Konsum statt “Geiz ist geil!”, für “passt scho” statt “Das muss aber seine Ordnung haben”, für Ferien statt Nachhilfe, Männermacht statt Frauenpower.
So oder so ist klar: Ohne politisch-soziologisch-kulturelle Deutungen wäre Fußball nur halb so lustig. Wer will schon nur ständig über Taktiktafeln brüten, darüber sinnieren, ob der Tiki-Taka des spanisch-katalanischen Welt- und Europameisters nun ein levantinisch korrupter “Tiki-Takanaccio” ist, ein undeutsches, “Geticker und Getacker” oder doch Screwball auf dem Grünen Rasen.
In jedem Fall ist klar: Was immer auch im Fußball geschieht hat, Brot hin, Spiele her, symbolische Bedeutung über das Stadionrund hinaus. Und das Symbolische, also Ästhetische wird in Deutschland seit jeher chronisch unterschätzt.
Erfolgreicher Fußball ist, das zeigt Spanien, Wille und Geduld. Deutschland – “Ich sag ja immer noch BRD” zitieren wir an dieser Stelle unseren Freund und Filmverleiher Thorsten Frehse -, das BRD-Team also bricht mental oft zu schnell zusammen. Nicht Özil und Khedira, aber der Rest. In der deutschen Mannschaft können keine vier Spieler so dribbeln, wie jeder Spanier.
Immerhin sind die Deutschen gut, wenn es ums Nachrücken der zweiten Reihe im gleichen Tempo geht. Im Blitzfußball.
Erfolgreicher Fußball hat auch was mit Erfahrung zu tun. Spielerfahrung und Lebenserfahrung, mit Härte und Chuzpe.
In Deutschlands Mannschaft geben die weichgespülten Typen den Ton an. Sie reden “politisch” wie ein nerviger Journalist bei Markus Lanz es nannte, womit er nur sagte, was für ein miserables Image hierzulande die Politiker haben. Er wollte eigentlich sagen: Nichtssagende Sätze, vorgestanzte Phrasen, keine Power, nichts Anstößiges, nichts Freches. Wie soll man so gewinnen? Fragt man sich. Das Interessante ist aber: Sie gewinnen ja. Bis jetzt. Jedenfalls gegen Griechen. Wo man auch mal schon und schön offensiv spielen kann. Wie wir hinterher wissen. Sie gewannen mühsam gegen Portugal in ihrem schwächsten Spiel, und gegen Holländer, die verkrampft und von der Rolle waren, und gegen Dänen mit Glück.
Das ausgerechnet einer wie Philipp Lahm Kapitän ist und Vorbild sein soll, begreife ich nicht. Man soll seine Härte nicht unterschätzen. Aber auch nicht sein Null-Charisma.
Wer gefällt mit in der deutschen Mannschaft? Khedira und Hummels, letzterer aber auch öffentlich zu klug, also brav. Özil, noch zu unreif, aber toller Fußballer. Reus, aus dem kann was werden. Schweinsteiger, wenn er fit ist. Aber im Terminator-Körper steckt ein kleiner Junge. Lahm dagegen wirkt wie ein Giftzwerg: Zu ehrgeizig, zu beflissen. Wie Wulff. Badstuberl ein blases Buberl. Müller ein Junge vom Land, der seine beste Zeit schon hinter sich hat. Klose starr und veraltet, nur neben Gomez, dem Stuhl, wirkt er wie ein Tänzer.
Aus Boateng wird was. Die Geschichte mit Gina-Lisa hat ihm auf lange Sicht sehr genutzt. Plötzlich hat er Profil, Reife. Wir wissen, dass er sich der Presse gegenüber dumm verhalten hat; das macht ihn sympathisch.
In diese, selbstgewissen, selbstgefälligen Reden, in diesen öffentlichen Sprüchen – “Wir werden Europameister”, “Wir schlagen die Spanier”, “Wir werden gegen Italien siegen.” liegt dennoch neben der unglaublichen Unbescheidenheit, die danach schreit, auf dem Platz eine Antwort zu bekommen, auch eine große deutsche Selbsttäuschung.
Wenn’s nicht gerade die Italiener wären, die es auch längst verdient haben, einmal gegen Deutschland zu verlieren.
Die Italiener sind großartig und perfekt auf ihre Art. Notfalls im Destruktiven: Wie Aristoteles formulierte: Es gibt auch eine Perfektion des Diebes, eine Perfektion der Krankheit.
Wenn heute Abend auch eine Entscheidung fallen sollte zwischen Nord und Süd, dann muss man für den Süden sein. Denn der Süden soll sich nicht nach dem Norden richten, sondern umgekehrt. Unser Fußball muss unvernünftiger werden, spielerischer, leichter, katholischer. In den letzten Jahren war es so.
Hoffen wir also, dass Italien ein Zeichen setzt. Oder das Deutschland italienischer wird. Denn von Italien lernen, heißt bekanntlich siegen lernen. Nicht nur im Fußball.
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| Still aus Fellinis La dolce vita, Copyright: moviewallpapers.net |



