Einmal Pizza Endstazione!


Die Squadra Azzurra zeigt der deutschen Mannschaft ihre Grenzen auf und Montolivo kam aus der Tiefe des Raumes

EM-Blog, Folge 26.

“Entweder wir machen was falsch, oder die machen was richtig.”

Wolfgang Niersbach, DFB-Präsident, nach der Niederlage gegen Italien

“Vom Kopf her wollten wir schon ins Finale kommen.”

Miroslav Klose, nach der Niederlage gegen Italien

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Vielleicht hätten sie sich besser ein paar Folgen vom Jack-Bauer Stress-Epos 24 angucken sollen am Vortag, anstatt The Amazing Spiderman. Denn der ist nicht nur ein Remake – schlechtes Omen, wenn man das Gesetz der Serie brechen will -, die Geschichte des Peter Parker handelt auch von einem pubertären Nerd, einem in seinem Körper unheimisch gewordenen, letztlich schwachen und von der Umwelt gering geschätzten Normalmenschen, einer mit Pickeln, Hornbrille und Angst vor Mädchen. Ein Film für Bubis eben…

Da wäre Kiefer Sutherland besser gewesen – heldenhaften Standhalten in der modernen Überforderungsgesellschaft.

So waren sie nicht gewappnet für das Spiel und das Spinnennetz der deutschen Abwehr riss früh.

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Man kann sich das alles jetzt schönreden. Man kann es auf Löws Aufstellung schieben, auf Tagesform, auf das Pech in den ersten acht Minuten, als den Deutschen zwei Tore hätten gelingen können. Und es stimmt ja: Sie hatten ihre Chancen. Und es stimmt auch: Die Tagesform und Löws Aufstellung hatte ihren Anteil. Übrigens auch Löws Auswechslungen, über die jetzt keiner redet.

Andererseits geht es hier schon wieder los mit der deutschen Selbstüberschätzung und vor allem der Schönrednerei, die das ganze EM-Turnier dominiert hat, die schon im Vorfeld grassierte. Schon klar: Boten kommen auf den Scheiterhaufen, Besserwisser und Rechthaber hassen alle. Trotzdem muss es hier einmal hingeschrieben werden: Ich hab’s schon immer gesagt. In der zweiten und vor allem dritten, aber auch der Folge 23 steht alles drin: Deutschland wird nicht Europameister werden, weil die Generation der Titellosen dominiert; die wahre Turniermannschaft sind nicht die Deutschen, sondern die Italiener.

So, jetzt Schluß mit der Rechthaberei.

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Man konnte es vor dem Spiel schon sehen: Die Italiener locker, offen, lachend. Die freuten sich aufs Spiel. Das Vergnügen, im Halbfinale zu stehen. Demgegenüber die geschlossenen Gesichter der Deutschen, eingegraben in Tonmauern über ihre großen Kopfhörer. Ihr Schweigen, ihr ausdrucksloses Gesicht. Kein Lächeln, viel Anspannung. Der Rasen sei zu hoch, sagt Flick in die TV-Kameras, dann “keine Entschuldigungen”. Bierhoff wird später, nach dem Ende sagen, der Rasen sei zu hoch gewesen. Die Italiener hatten aber den gleichen Rasen, oder?

Die Italiener haben wenn überhaupt im Zweifelsfall einen Film geguckt wie Gib dem Affen Zucker mit Adriano Celentano und Ornella Muti. Oder sie haben sich gleich über Kopfhörer Celentanos “Azurro” reingezogen.

Das Gesicht von Buffon, seine Heiterkeit, sein Grinsen, das Blähen der Nüstern wie bei einem Rennpferd vor dem Start, das Muskelzittern vor dem Spiel, die spürbare Vorfreude auf den Kampf. Man sieht in diesen Augen die Paraden, die er liefern wird, das Wissen um die Bälle, die er halten wird. Man sieht, wie abgezockt er ist.

Irrationaler Schwachsinn, oder? Trotzdem gibt es dieses Fußball-Karma. Stimmt nicht immer, aber ziemlich oft.

Fußball ist 70% Psychologie. Mindestens. Der Rest Taktik und Können.

Buffon bei der Italien-Hymne mit geschlossenen Augen. Reine Operette, wie dieses ganze viel zu lange Lied der “Fratelli d’Italia”. Dazu Pirlo, “Il architecto”, ganz weich, sensibel sieht er aus. Wirkt völlig ruhig, in sich gekehrt, das Gegenteil der “bestia” Buffon. Der italienische Mittelfeldmichelangelo wußte schon vorher: “Die Deutschen haben Angst…”

In der Halbzeit wird Ingo Zamperoni zum Zorn aller DoofDeutschen Dante zitieren: “Das Gesicht verrät die Stimmung des Herzens.”

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Die deutsche Aufstellung macht keinen Mut: Kein Reus, kein Götze oder irgendeine Überraschung. Dafür Gomez und Podolski. Kroos finde ich einen Versuch wert.

Aber Gomez!!! Der Stenz. “Sie kennen Klose und sie fürchten Gomez” versucht Scholl das Unfassbare zu begründen. Vielleicht, weil sie ihn nicht kennen?

Was soll das? Zurück zum schlechten Vorrundenfußball? Als ob Löw an seine eigenen Pressesprüche glaubt. Aber die Nationalmannschaft ist kein pädagogisches Camp – es geht nicht darum, Spieler außer Form wieder an ihre Form heranzuführen.

Auch Schweinsteigers Nominierung ist in diesem Zusammenhang fragwürdig.

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Seien wir ehrlich: Spätestens nach 15 Minuten hat Italien Oberwasser, hat die Deutschen in ihre Hälfte gedrängt. Im Mittelfeld zwar immer ein wildes hin und her, aber die deutschen Chancen wirken wie Entlastungsangriffe. Schon in der 8ten Gefahr durch Italien, in der 17ten ein nicht ungefährlicher Angriff von Montolivo, dann durch Cassano. Die Rechnung mit Gomez und Podolski ging nicht auf.

Das 1-0 durch Balotelli macht schon vieles klar, sein 2-0 fast alles. Montolivos Pass kam aus der Tiefe des Raumes – wunderschön! That’s Entertainment.

Und man sieht Löw wie schon vorher Nägel kauen. Ein ungewohntes Bild. Er wirkt ratlos, schlaff, steht nie, ballt nicht die Faust. Gestikuliert nicht. Kein Caesar, der seine Truppen über einen Rubikon führt.

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Hinzu kam, wie auch schon mehrfach erwähnt: Die fehlende Feuerprobe. Wie spielt die Mannschaft, wenn die mal zurückliegen? Nun konnte man es sehen.

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In der Halbzeitpause spricht Beckmann von einer “ziemlichen Ernüchterung”. Scholl hebt hervor, wie “unorthodox” die Italiener spielen, und meint nur altmodisch. “Früher wurde nur so gespielt.” Über Italiens Doppelstürmer und ihre Positionsrochaden: “Völlig wild durcheinander immer anspielbereit. Die machen alles wie auf der Straße. Wir sind das nicht gewohnt.” Da spielen nicht nur Bubis gegen Männer, sondern auch Kleinbürger gegen Proleten. Boateng vergessen wir hier mal kurz. Wünschte es wären wenigstens Bürger (ohne Klein-), dann könnten sie vielleicht katalanisch spielen.

Schweini hat Aussetzer. Sein schwächstes Spiel bei der EM. Özil hat das 1-0 mitverschuldet, spielt aber ganz gut.

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Löws Auswechslung: Soviel kann er gar nicht wechseln, wie er müsste. Gomez und Podolski raus, das kommt einem Eingeständnis der Fehler gleich. Aber er muss zwei Tore aufholen. Dann muss man halt mal riskieren und Götze bringen. Man fragt sich wirklich: Warum nicht Götze gegen Schweinsteiger rein, Reus für Podolski sowieso, aber dann Klose plus Gomez. Für Kroos am ehesten. Warum nicht zwei Stürmer? Wenn man zurückliegt? Entweder schnell zwei Tore schießen, oder untergehen. Beides hätte den Deutschen zumindest mehr Anerkennung gebracht.

Der Punkt ist dagegen: Sie haben überhaupt nicht umstellen können. Sie können kein Tempo verändern, kein Gas geben, dann wieder die Italiener kommen lassen. Kein Rhythmus-Wechsel scheint möglich, kein Taktikwechsel. Immer nur das doofe Einerlei des deutschen 4-2-3-1.

Die Italiener sind einfach besser. Spielen immer wieder steil. Sehr früh machen sie hinten zu, wechseln die guten Offensivkräfte raus. Verstehe ich nicht, funktioniert aber.

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Aus, aus, aus. Azurro aus den Lautsprechern. Das Symbol immerhin ist das Richtige: Dass die Deutschen nicht in allem die besten sind.

Nach dem Spiel heult Müller. Über sich wahrscheinlich. Lahm spricht seine Lahm-Platte, die er schon nach jeder Bayern-Niederlage aufgelegt hat: “Wir haben dumme, vermeidbare Fehler gemacht. Wenn man solche Fehler macht wie wir, dann wird es gegen diesen Gegner sehr sehr schwer.” Keiner motzt, ärgert sich sichtbar. Kroos grinst.

Und dann wieder dieses Gerede: Die Mannschaft ist noch jung, entwicklungsfähig, ist in diesem Turnier ein Stück weit erwachsener geworden, wird ihren Weg machen, 2014 in Brasilien. Worüber reden wir hier? Eine Schülermannschaft?

Matthäus bringt es ganz gut auf den Punkt: “Reifere Spielanlage… weil einfach die Italiener in diesem Spiel besser waren, reifer, abgeklärter, abgezockter… ab der 10, 15ten Minute kontrolliert.”

Niersbach sagt in seiner Fassungslosigkeit lustige Sachen: “Ich will da nicht von ‘nem Fluch sprechen, aber irgendwas hat sich da gegen uns verschworen immer wenns gegen die Italiener geht.

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Möglicherweise hat es doch handfestere Gründe: Realismus braucht Romantik. Deutschland braucht Individualismus, Anarchie, Albernheit. Etwas Balotelli, viel Pirlo, weniger Lahm und nie wieder Gomez.

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Die Squadra Azzurra zeigt der deutschen Mannschaft ihre Grenzen auf: Pizza Endstazione für die deutsche Mannschaft.

Hier alle Texte des EM Blogs 2012.

  • http://twitter.com/EPLMYTHOS Neutral Observer

    Kroos ist kein schlechter Spieler aber er war der entscheidende Fehler von Loew.
    Oezil kann kroos nicht leiden und seine Aufstellung hat Oezils ges.Spielraum und Spielfreude beschnitten und mehr oder weniger das ges. Mittelfeld lahmgelegt.
    Ohne Kroos,nichts gegen Ihn pers, haette Deutschland das Spiel klar gewonnen.
     

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