Generation der Titellosen


Das System Löw – eine Zwischenbilanz vor dem heutigen Spiel gegen die “Portufiesen”

EM-Blog, Folge 3.



“Was empfindet ein Kannibale, wenn er einen Menschen isst?”
Schlagzeile in BILD, gestern, 8.6.2012

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So muss man ins Turnier als Gastgeber gehen – dachte ich, nachdem Polonia Dortmund erstmals zugeschlagen hatte. Das 1-0 durch Lewandowski schien eine polnische Pracht-EM einzuleiten, man arbeitete schon an einem Poem über “sieche Griechen”, zumal das Team mit zehn Vorstoppern angetreten war, und spielte, als ginge es nur darum, auf der Strafraumwiese ein paar Schafe zu hüten. Und dann wurde Sokrates auch noch ganz unphilosophisch vom Platz gestellt – er, der in jenem legendären Fußballspiel der Philosophen der Monty Pythons das einzige Tor des Spiels erziehlt hatte, konnte also auch nicht mehr helfen.

Doch zehn gegen elf sind eben schlecht fürs Karma, Polen ließ zu viele Chancen ungenutzt, und dann stellten voreilige Euphorie und polnische Hybris der eigenen Mannschaft endgültig ein Bein. Endstand 1-1, gleich im ersten Spiel die erste große Enttäuschung bei dieser EM.

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Gomes, Copyright: Steindy
Ronaldo, Copyright: Bryndolfsson

Heute vor dem Spiel gegen die “Portufiesen” (BILD) geht die Meldung rum, Gomez werde statt Klose in der Stammformation stehen: Eine Waffe gegen Ronaldo? Schönling gegen Schönling? Sollen die beiden gleich auf dem Spielfeld knutschen?

Nun, in jedem Fall ist diese Nachricht nicht geeignet, unsere grundsätzlichen Bedenken bezüglich der Lage der deutschen Mannschaft zu mindern. Klar, entscheidend is aufm Platz. Warten wir es also ab. Aber wie soll das eigentlich werden, nicht nur heute Abend, das wird schon irgendwie, sondern in diesem ganzen Turnier?

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Nehmen wir einmal Philipp Lahm. Erinnern wir uns: 2006 schoss er nach nur 6 Minuten im Eröffnungsspiel das 1-0 und damit das erste WM-Tor. Ein kometenhafter Aufstieg und Verdienst des damaligen Bayern-Trainers Felix Magath, der dem nach Stuttgart ausgeliehenen Dauerverletzten erst 8 Monate vor der WM den ersten Einsatz im Bayern-Trikot ermöglichte, und ihn zur Bestform führte. Seitdem spielt Lahm, der einzige deutsche Nationalspieler, der sämtliche 90 Minuten aller deutschen Partien während des “Sommermärchens” 2006 mitspielte, eine Schlüsselrolle in der Nationalelf: Prototyp des flachen, schnellen, kurzpässigen Offensivspiels aus der Abwehr heraus, das Bundestrainer Löw in der deutschen Nationalmannschaft ständig perfektioniert, und das jetzt, beim vierten Turnier mit Lahm, und beim dritten unter Löw endgültig vor seiner Bewährungsprobe steht.

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Es wird sich jetzt zeigen müssen, wie überzeugend das System Löw wirklich ist. Die positive Lesart seiner bisherigen Amtszeit lautet: Unter Löw spielt die Mannschaft so schön wie selten, sie ist konstant erfolgreich, sie ist aktuell zweitbeste europäische Mannschaft und Dritter der FIFA-Weltrangliste, sie war bei den letzten drei Turnieren jeweils unter den besten vier Mannschaften. Zudem ist sie das jüngste Team des Turniers, wie auch schon bei der WM 2010. Deutsche Spieler sind international attraktiv, wie lange nicht. Die Mannschaft ist ein sehr effektiver Botschafter der Nation, sie zeigt ein positives, neues, junges, multikulturelles, lockeres, kurz: sympathisches Bild Deutschlands. Was will man mehr?

Die negative Lesart lautet: Schön gespielt hat das deutsche Team vor allem phasenweise bei der letzten WM. Davor und danach war viel Sand im Getriebe und längst nicht alles Gold. Man kann auch Dinge schönreden, zumal wenn man sie mit dem Holperfußball unter Ribbeck und Völler vergleicht, von Berti Vogts einmal ganz zu schweigen. Dass deutsche Spieler international wieder attraktiv sind, ist nicht Löws Verdienst, sondern das von innovativen Vereinstrainern wie Klopp, Labbadia, Tuchel, aber auch von älteren, erfahreneren wie Heynckes und Maggath. Wenn das Team jünger, lockerer und moderner wirkt, dann spiegelt das vor allem die veränderten Zeiten. Und multikulturell, das waren die Franzosen schon 1998 – da ist Deutschland immer noch dabei, etwas nachzuholen, was in anderen Ländern, man könnte auch Holland oder England nennen, längst eine Selbstverständlichkeit ist. Es ist ein schöner Nebeneffekt, wenn eine Nationalelf für ihr Land wirbt, aber nicht ihr eigentlicher Sinn. Und das jüngste Team eines Turniers muss eine deutsche Mannschaft auch nicht sein, sondern das beste. Nachhaltigkeit ist im Fußball eine sekundäre Tugend. Löw muss nicht die WM im Jahr 2030 planen, er sollte jetzt endlich auch einmal einen Titel holen. Das hat sogar Berti Vogts geschafft.

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Denn bei einem EM- oder WM-Turnier unter den besten vier Teams zu sein, das ist für ein deutsches Nationalteam in den letzten 50 Jahren fast schon eine Selbstverständlichkeit. Jedenfalls genau die Minimalerwartung. Alles andere würde als Misserfolg gewertet. Solche Erwartungen mögen überzogen sein, und natürlich kann man viel an ihnen aussetzen. Aber es ändert nichts daran, dass sie existieren. Man muss mehr wollen, als immer nur das Halbfinale.

Lahm, Copyright: Steindy

Und hier sind wir wieder bei Philipp Lahm. Denn die Karriere von Lahm, einem der besten, und nicht nur in ihrer Konstanz beeindruckendsten deutschen Nationalspieler ist vor allem durch eines gekennzeichnet, das frühere deutsche Fußballergenerationen nicht kannten: Es fehlen die internationalen Erfolge.

Lahm, der immer noch jung wirkt, den Charme des bubenhaften Anfängers ausstrahlt, ist seit acht Jahren Nationalspieler. Seit sechs Jahren Stammspieler. Wie Podolski, wie Schweinsteiger, wie Mertesacker. Sie alle gehören, wie der ältere Klose, der etwas jüngere Gomez, wie auch Müller, Khedira, Özil, wie einst Ballack zu jenen Spielern auf Top-Niveau, denen der entscheidende internationale Erfolg versagt geblieben ist. Auch mit ihren jeweiligen Vereinen. Sie standen schon in Finals und Halbfinals. Aber die entscheidenden Spiele haben sie seit Jahren sämtlich verloren. Eine Generation der Titellosen.

Wie sich diese Finaltraumata mental auswirken, darüber darf und wird man spekulieren. Unabhängig von allen anderen, objektiveren Gründen ist auch diese Erfahrung ein Argument dafür, die deutsche Nationalmannschaft weniger Bayern-lastig zu besetzen. Auch die Nationalspieler von Borussia Dortmund haben noch keine internationalen Titel gewonnen. Aber sie haben auch keine verloren. Sie sind auf andere Weise siegesgewohnt.

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Man darf gespannt sein, wie sich der “Lauf” der Dortmunder, die Tatsache, dass deren Spieler nach den Siegesserien in Liga und Pokal, und den dazugehörigen Erfahrungen des schieren Spiel-Glücks, vergessen haben, “wie sich das Verlieren anfühlt”, bei der kommenden EM auf das Spiel der polnischen Nationalmannschaft auswirken wird. Objektiv gesehen ist Polen einer der Außenseiter des kommenden Turniers. Aber manches – auch jenseits des Heimvorteils – spricht dafür, dass die Polen in diesem Jahr die neuen Griechen sind, dass sie sich von der Euphorie des Augenblicks zu beachtlichen, unerwarteten Erfolgen hinreißen lassen.

Bisher bewegt sich die deutsche Nationalmannschaft vor allem im Hochbegabtenmodus: Man erwartet viel von ihnen, aber die Zukunft, in der das glückliche Ereignis endlich eintritt, wird immer wieder vertagt. Man hat noch nichts gewonnen, aber schön gespielt. Zur Zeit tut man noch nicht einmal das.

Die deutsche Nationalmannschaft, das ist nun der FC Bayern minus Kreativität (Robben und Ribery), plus Real-Madrid-Motor (Özil, Khedira), plus Klose. Die Tatsache, dass mit Klose und Schweinsteiger zwei zentrale Spieler angeschlagen sind, ist ein zusätzliches Problem.

Gerade dadurch, dass Löw offenbar auch in den nächsten Wochen auf den Bayern-Block setzt – sieben Spieler, neben Herzens-Schalker Neuer noch Lahm, Boateng, Badstuber, Schweinsteiger, Müller, Gomez – bringt er sich selbst in die Schusslinie. Er wird, unabhängig von der wie üblich schon vorab verkündeten Job-Garantie – selbst im Fall eines Vorrunden-Ausscheidens werde er DFB-Trainer bleiben – falls er nicht das Halbfinale erreicht, erklären müssen, wieso kein einziger Spieler des sieggewohnten deutschen Meisters im Team steht, wieso er dafür auf Spieler setzt, die mit dem FC Bayern in den letzten vier Wochen alle dreifachen Titelchancen vergeigt haben, die körperlich und psychisch sichtbar angeschlagen und jedenfalls nicht in Bestform sind. Man kann über jeden Einzelfall debattieren. Aber 7-0 ist ein Missverhältnis.

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Kaum ein Team setzt ähnlich derartig auf die Dominanz einer Vereinsmannschaft. Immerhin Spanien tut es. Aber neben den 6-8 Spielern vom FC Barcelona, die Trainer Vincente del Bosque regelmäßig ins Team holt, sind auch mindestens drei Spieler von Real Madrid gesetzt – Casillas, Ramos, Xavi Alonso – manchmal spielen vier oder fünf. Und vergessen wir nicht: Madrid hat ein ähnliches Manko wie der FC Bayern: Einige der wichtigsten Leistungsträger spielen in anderen Nationalteams.

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Copyright: DFB

Die merkwürdige Stille vor dem Turnier lässt auch nichts Gutes für das deutsche Team erwarten. Kein Reizklima, keine Rivalen, keine echten Alternativen, kein produktiver Streit um den besten Weg zum Sieg. eher eine grundsätzliche Müdigkeit: Überstehen ist alles.

Löw baut vor: Das schwierigste Trainingslager seiner Amtszeit sei es gewesen. Zu viel der Problemfälle: Was tun, falls Klose nicht gut spielt, oder ganz ausfällt? Gomez kultiviert zur Zeit seinen Ruf als Chancentod. Müller ist völlig außer Form und wirkt ausgebrannt. Aber immerhin willig. Ein echter “eiserner” Wille ist vor allem bei Lahm zu erkennen, und in Ansätzen noch bei Schweinsteiger. Podolski wirkt unkonzentriert, ist mit seinen Gedanken eher in London, und könnte während des Turniers durch Schürrle ersetzt werden. Bleibt die Frage nach dem Madrider Duo Özil und Khedira.

“Wo ist der Wille zum Tor?” fragte Mehmed Scholl als ARD-Kommentator, und bemängelte, zu viele Angriffe kämen über Außen. Auch für die Abwehr hat Scholl die Probleme großartig zusammengefasst: “Da fehlt die Spannung, der Körperkontakt, das ist mir alles ein bisschen zu schlumpfig.” Die deutsche Abwehrreihe steht nicht gut genug: Durch kluges Gemeinschaftswerk ist sie auszuhebeln. Vor allem rechts. Nur eine Frage der Zeit, wann Mertesacker patzt, wann Boateng der erste grobe Schnitzer unterläuft.

Dessen Eskapaden sind natürlich aufgebauscht, trotzdem wird einem angst und bange, dass sich dieser Depp in eine offenkundige PR-Falle locken lässt – wie soll das erst gegen Ronaldo werden? Zudem ist klar: Wird Boateng aufgestellt, sinkt der Durchschnitts-IQ der Mannschaft locker um zehn Punkte.

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Andererseits ist auch klar: Die Deutschen müssen zum Turnier fit sein, nicht zu den Freundschaftsspielen vorher.

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