Heute tanzen wir Sirtaki


Lasst die siechen Griechen kriechen: Hybris, Nemesis und andere griechische Schicksalsmächte

EM-Blog, Folge 18.

“The agony is your triumph…”
Daliah Lavi (nach Joan Baez): “Here’s to you Nicola ‘n Bart”

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Es war klar, es musste so kommen. Das Schicksal, das wir für den Fußballgott halten, hat es so gewollt und gefügt, was rechnerisch möglich war: Griechenland gegen Deutschland spielt heute bei der EM um den Einzug ins Halbfinale. Und schon dreht sie rotglühend, die Metaphern- und Deutungsmaschine, und wir drehen mit: Schuldenland gegen Merkelland, Süden gegen Norden, Rache für den Euro, die Schlacht um die Ehre der Griechen.

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Lange war unser Bild des modernen Griechenland ziemlich gemütlich: Udo Jürgens sang die Gastarbeitereinsamkeitsballade Griechischer Wein; die Deutschen machten billigen Urlaub auf einer der griechischen Inseln, übersahen die halbfertigen Bauruinen, fanden die Hippiehöhlen auf Kreta romantisch, tankten im Schatten der Akropolis ein wenig Bildung und schauten sich im Winter einen der bleiern symbolistischen Filme von Theos Angelopoulos an, der in den letzten Jahrzehnten quasi den Alleinvertretungsanspruch fürs griechische Kino innehatte.

Überhaupt das Kino: Anfang der Sechziger tanzte Hollywoodstar Anthony Quinn als Alexis Sorbas zur Musik von Mikis Theodorakis über die Leinwände, Irene Papas sah gut aus, Melina Mercouri (die auch später mal Kulturministerin einer sozialistischen Regierung war) sang ein Ein Schiff wird kommen und spielte in der Komödie Sonntags, nie! ein Straßenmädchen aus Piräus, das für Medea und andere griechische Tragödien schwärmt, und bei Sarikakis’ an der Ecke – ersatzweise jeder anderen griechischen Stammkneipe unseres Vertrauens – gab’s danach Demestika.

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Aber, wenn man ehrlich ist, war es in Wahrheit schon immer ein wenig anders. Die schöne Helena war ja eigentlich eine Türkin, auch wenn man das höflicherweise nicht laut sagt. Griechische Frauen sind in der Regel klein, und haben eine Hakennase. Wenn jetzt, wie es derzeit täglich geschieht, ein paar deutsche Mädchen bemerken, die Männer aber sähen ja nun deutlich besser aus, als die Frauen, und auf den einen oder anderen Eurokicker verweisen, der mit langem wallenden Haar, Dreitagebart und sensiblem Blick an einen orthodoxen Mönch aus dem Kino erinnert, dann muss man ihnen empfehlen, die schöne Helena nicht zu vergessen, die ihren Menelaos bei der ersten Gelegenheit verließ. Oder an den Wirt beim Griechen um die Ecke zu denken: Dem fallen schon mit Mitte 30 die Haare aus, und er hat eine Wampe.

Nach Schliemann, und den deutschen Oberstudienräten in kurzen Hosen und Sandalen mit ihren Abitursklassen kamen die SS-Offiziere in schwarzen Stiefeln. Die hatten auch ihren Homer dabei und konnten auswendig zitieren, trugen aber bekanntlich noch vieles andere im Gepäck.

Irgendwann vor über 20 Jahren erschien auf English das Buch The Tyranny of Greece over Germany, in dem die Autorin viele gute Argumente aufführt, um zu erklären, dass unser deutsches Griechenlandbild – den Geist der Griechen mit der Seele suchend – immer schon eine naive und gefährliche Selbsttäuschung war, die seit Hölderlin die deutschen Hirne verhext hat. Sie erklärt recht schlüssig den Nationalsozialismus genau daher, dass die Deutschen nicht – wie Franzosen und Briten – das antike Rom zum Vorbild erkoren, sondern ein idealisiertes Griechenland.

Wir täuschen uns jedenfalls über die Griechen. Sie sind anders, was wir es wahrhaben wollen, und unser Verhältnis zu ihnen und ihres zu uns ist anders, als wir es wahrhaben möchten.

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Dann kam auch noch die Staatschuldenkrise, und alles wurde anders: Plötzlich stand das Land für Misswirtschaft und Korruption, waren die Griechen nicht mehr gemütlich, sondern Schuldenmacher und levantinische Faulenzer, die “unser Geld” verprassten. Oder Millionäre, “griechische Reeder”, die es auf Auslandkonten bunkern und mit Präsidentenwitwen verpulverten. Oder Arbeitslose und Studenten, die sich auf den Straßen mit Polizisten prügelten. Oder, neuerdings: Die schlimmsten Neonazis des Kontinents. Und natürlich seit 2004 die Bleierne Generation der Euro-Kicker, die zunächst unter Rehakles die schönspielenden Goldenen Generationen der Tschechen und dann der Portugiesen mit ihrem Destructivo-Fußball in den Wahnsinn trieben, und in diesem Jahr den postsowjetschen Panzerkreuzer des Nägelkauers Dick Advocaat versenkten.

Nun schicken sie sich an, an Jogis Buben Rache für drei Jahre Merkel-Austeritäts-Diktate zu nehmen. Die Schlagzeile der griechischen Tageszeitung Ethnos lautete: Der Santos-Plan für Deutschlands Euro-Austritt.

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Die Nemesis bezeichnete im antiken Griechenland den gerechten göttlichen Zorn. Auf welcher Seite die Götter stehen, wird das Gottesurteil Fußball uns heute Abend zeigen. “Hybris” stammt aus Griechenland. Das Wort bezeichnet die Selbstüberschätzung. Sie ist Auslöser für den Fall der Helden. Diese ignorieren aus Überheblichkeit die Zeichen der Götter. Vor Hybris jedenfalls seien die Deutschen heute Abend gewarnt.

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Die Griechen sind die wahren Rumpelfußballer. Gegen Polen zeigten sie auch ihre Qualitäten im Kampf und in der Fähigkeit ihres portugiesischen Trainers Fernando Santos zur Einstellung auf einen stärkeren Gegner. Sie spielen wie man so sagt unorthodox. Nicht attraktiv, aber effektiv. Tief stehen, Räume engmachen. Griechenland mauerte sich ins Viertelfinale. Und, wie man auch gern sagt: Der Erfolg gibt ihnen recht. Kompaktheit und Zweikampfstärke.

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Eigentlich ist es ein Lokalderby: Weiß-Hellblau sind die Farben der griechischen Nationalflagge und ihrer Fußballtrickots, weil eben der Wittelsbacher Otto einst als erster EU-Kommissar auf den griechischen Königsthron gesetzt worden war.

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Wer sich noch ein wenig vorbereiten möchte, dem empfehlen wir die Lekture von Nietzsche. In der Geburt der Tragödie schreibt er, und es muss nach einem Spiel der Griechen gewesen sein:  

“Wir sollen erkennen, wie alles, was entsteht, zum leidvollen Untergange bereit sein muss, wir werden gezwungen, in die Schrecken der Individualexistenz hineinzublicken – und sollen doch nicht erstarren: ein metaphysischer Trost reißt uns momentan aus dem Getriebe der Wandelgestalten heraus. Wir sind wirklich in kurzen Augenblicken das Urwesen selbst und fühlen dessen unbändige Daseinsgier und Daseinslust; der Kampf, die Qual, die Vernichtung der Erscheinungen dünkt uns jetzt wie notwendig…”

Hier alle Texte des Blogs zur EM 2012.

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