Polen, Russen, Franzosen, Briten, Ukrainer und ein Hauch von Cordoba
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| Błaszczykowski nach seinem Tor |
“Viele, die auf dem Spielfeld gut waren, haben es auch in der Politik weit gebracht.”
Lech Walesa
“Ein Hauch von Cordoba weht durch Donezk” sagte ZDF-Kommentator Thomas Wark. Den Satz dürften sowieso nur ältere Fußballgucker verstanden haben, wenn sie außerdem noch in der Lage sind, um die Ecke zu denken. Der Nichtangriffspakt, den Wark nämlich meinte, war allerdings der von Gijon, nur die Mannschaften stimmten im Gedanken: Deutschland und Österreich.
Knapp vorbei ist auch daneben – das gilt nicht nur für Schüsse aufs Tor, sondern auch für Fußballkommentatoren; und Warks Fehlleistung fügte sich in eine allgemeine Formschwäche der deutschen Fernsehberichterstatter, auf die wir später noch zurückkommen müssen.
Bezogen auf das Spiel zwischen Frankreich und England stimmte sie eigentlich nicht: Auch wenn “ZDF-Experte” Oliver Kahn dann in seiner üblichen gequält-rechthaberischen Manier sekundierte: “Letztlich war das nicht das Niveau dieser Europameisterschaft.”
Von einem Nichtangriffspakt konnte nicht die Rede sein, eher schon davon, dass die beiden Gruppenfavoriten am Ende des Spiels beim Stand von 1-1 nichts mehr riskieren wollten.
Gelb und Blau schmückt die Sau hieß es ja mal früher in der Tanzstunde. In diesem Fall führte der Sinnspruch aber nicht weiter, denn das letzte Spiel der ersten Runde war dann das Duell zwischen Ukraine und Schweden. Dessen Ausgang konnte man schon beim Anhören der Nationalhymnen vorausahnen: Während die Hymne der Schweden wie ein protestantisches Kirchenlied klingt, und man trotz Ibrahimovic und seinem Killerblick, spätestens wenn man noch die frischgewaschenen, sauberen, inbrünstig laut mitsingenden Trainer mit ihren Lehrergesichtern sieht, sofort innere Bilder in einem aufsteigen, die an einen nichtexistierenden Bergman-Film erinnern, in dem Frauen, die wie Liv Ullmann aussehen, Spitzenhäubchen aufhaben, und pazifistische Sinnsprüche aufsagen, währenddessen also scheint die ukrainische Hymne geradewegs aus einem sowjetischen Monumentalfilm zu stammen.
Am Ende des ersten Durchgangs der Vorrunde sind die Deutschen also mal wieder die einzigen unter allen Favoriten, die gewonnen haben.
Ist das jetzt ein Indiz für die Stärke, der Deutschen, die Schwäche der anderen, oder keins von beidem?
Am Dienstag ging der zweite Teil der Vorrunde dann los mit dem schon kurz angeteasten Spiel der Polen gegen die Russen. Über die vorherige Begegnung zwischen Tschechen und Griechen muss man nicht viel sagen, außer dass natürlich die ersten zehn Minuten sehr kurzweilig waren, weil die Griechen in der Zeit geistig noch in der Kabine steckten, und die Tschechen nicht nur zwei Treffer schossen, sondern noch zwei weitere hätten schießen können.
Zeitgleich dazu marschierten die russischen Fans mit nationalistischen Parolen und Hammer und Sichel-Flaggen zum Stadion, und es gab jene Randale, bei denen mich eigentlich nur wunderte, dass man sie so nicht erwartet hatte. Wir Fernsehzuschauer erfuhren, dass Hammer und Sichel in Polen verboten sind, und es fiel das schöne Zitat eines Polen: “Das ist, als würdet ihr am 3. Oktober mit Hakenkreuzen durch Paris laufen – das macht ihr doch auch nicht.”
Stimmt! Machen wir nicht.
A propos: Was haben die Deutschen für ein Gewese gemacht, als die drei Nationalkicker Lahm, Podolski und Klose vor zwei Wochen im Rahmen einer DFB-Delegation das ehemalige Vernichtungslager in Auschwitz besuchten. Ja und? Ist doch eine Selbstverständlichkeit. Man fragte sich eher, wo eigentlich der Rest der Mannschaft war?
Wie das geht, haben jetzt die Engländer vorgemacht: Roy Hodgson beorderte zwischen Trainingseinheiten die ganze Mannschaft zum Auschwitz-Besuch – so geht das: Die ganz Mannschaft; nicht drei Spieler!
“Ich ging zu den Spielen, weil man dort “nieder mit dem Kommunismus” skandierte.”
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| Lech Walesa |
Im Interview mit der “FAZ Sonntagszeitung” hatte der Ex-Solidarnosc-Führer und ehemalige polnische Staatspräsident Lech Walesa kürzlich über den Zusammenhang von Fußball und Politik gesprochen und erzählt, welch’ unerhört wichtige Rolle Fußball beim Widerstand gegen das kommunistische Regime spielte: “Wir suchten damals Kampfmethoden, die der Macht keine Möglichkeit gaben, uns einzusperren. Ein Fußballmatch war eben schwer zu verbieten. So trafen wir uns also zum Spiel und besprachen dann nebenbei auch unsere politischen Angelegenheiten. … Es war ein Mittel der Integration, aber auch ein Markt des Informationsaustauschs. Andere Arten von Versammlungen hätten der Macht die Möglichkeit gegeben, uns festzunehmen. … Und wenn in so einem Stadion dann Tausende unsere Losungen schrien, dann wurde klar, dass nicht die Kommunisten die vielen waren, sondern wir.”
In Danzig unterhielt die Opposition mehrere Untergrund-Fußballmannschaften, in denen praktisch die gesamte polnische Elite spielte: Walesa stand im Tor, Janusz Lewandowski (nicht verwandt mit dem BVB-Stürmer, aber heutiger EU-Kommissar) war Verteidiger, zwei spätere Ministerpräsidenten, nämlich Jan Krzysztof Bielecki und Donald Tusk, spielten Libero und Mittelstürmer.
Auch hier ein kleiner Hymnenvergleich, der auch hier schon fast alles erzählt: Die als Sowjethymne bekannte, jetzt auf Putin-Verhältnisse umgedichtete russische ist natürlich zusammen mit der Marseillaise die schönste Nationalhymne der Welt. Aber natürlich auch die imperialste. Dagegen ist die polnische sofort erkennbar als revolutionäres Freiheitslied. Zwar ein Militärmarsch, aber eben der eines Underdogs. Das erzählt uns auch der Titel, unter der sie im Deutschen bekannt ist: “Noch ist Polen nicht verloren!” Auf Polnisch ist es dagegen die “Mazurka Dabrowskis”, benannt nach dem napoleonischen General Dombrowki und das Lied war der Marsch der polnischen Legion von Frankreichs Italienarmee, mit dem Refrain: “Marsch marsch Dabrowski!”
Als man dann hörte, wie die Polen die Sowjethymne auspfiffen, hätte man gern noch gehört, dass sie danach singen: “Marsch marsch Lewandowski! Marsch marsch Błaszczykowski!” Dass “Kuba” dann tatsächlich das Tor schoss, hätte kein Kinodrehbuchautor besser konzipieren können.
Das 1-1 der Polen war hochverdient, und da Spiel war gut. Trotzdem hielten sich Zufriedenheit und Unzufriedenheit die Waage: Denn seien wir ehrlich. Polen hatte genug Chancen – gleich in den ersten 20 Minuten und dann wieder nach dem Ausgleich. Und man wunderte sich ein bisschen, warum bei den Polen die allerletzte Anstrengung nicht zu erkennen war. Dabei wussten sie doch: Sie können die Helden der Nation werden, und in die Geschichte eingehen, wenn sie die Russen heute schlagen.
Trotzdem agierte der Trainer latent feige. Und selten kamen bei Angriffen mehr als vier, fünf Mann mit nach vorn, während die Russen immer mit acht Mann angriffen. Das galt selbst in jenen Minuten, in denen die Russen richtig schwammen, das polnische Spiel dagegen im fünften Gang lief.
Trotzdem machte es Spaß, die Polen zu sehen, und die Russen, die manche schon wieder zum Turnierfavoriten erklären wollen, sind erstmals entzaubert.




