Noch hat Polen nicht verloren


Totale Mobilmachung: Manchmal ist Fußball einfach Krieg

EM-Blog, Folge 6.

Wenige Minuten, bevor das Spiel Polen gegen Russland angepfiffen wird, und die polnischen Zeitungen ein neues “Wunder an der Weichsel” fordern, nach Straßenschlachten in Warschau, bleibt uns gar nichts anderes übrig, als an gewisse Tiefendimensionen des Fußballsports zu erinnern, die allzugern ausgeblendet werden.

***

“Napoleon Bonaparte” – diese Antwort Luis Cesar(!) Menottis auf die Frage nach dem größten Trainer aller Zeiten erklärt, warum Menotti einer der besten seiner Zunft ist. Der Coach, der Argentinien 1978 zum Weltmeistertitel führte, hat verstanden.

Denn natürlich ist Fußball eine Art Krieg. Zumindest dessen Fortsetzung mit anderen Mitteln. Ganz zivilisiert, und dann doch plötzlich barbarisch. Ein fröhlicher Kick kann blitzschnell umschlagen, wie man beim “Fußballkrieg” zwischen Honduras und El Salvador sehen konnte, und einige Feinschmecker des kampfbetonten Spiels freuen sich schon auf Begegnungen wie Serbien gegen Kroatien und bewährte Schlachten wie Polen – Russland oder den europäischen Klassiker Deutschland – Frankreich (rechnerisch frühestens im Halbfinale möglich).

***

Wahrgenommen wird Fußball sehr oft in militärischer Metaphorik. Verräterisch ist etwa, dass der erfolgreichste deutsche Nachkriegsstürmer selbstverständlich “Bomber der Nation” genannt wurde, dass von Angriff und Verteidigung die Rede ist, davon, dass aufs Tor “geschossen” wird, dass jeder Trainer sich “Kämpfer” “mit Biss” wünscht – wahre Fans wissen längst: unter dem dünnen Firnis des durch Spielregeln gebändigten Duells zweier Mannschaften lauert das archaische Modell des Zweikampfs auf Leben und Tod, des Gottesurteils.

Alle Fortsetzungen des Zweikampfs mit anderen Mitteln sind nach Clausewitz’ Formulierung “Krieg”. Also auch Fußball. Im Trikot erkennt man die nur mühsam verdeckte Uniformierung, und von den Spielern werden militärische Tugenden wie Disziplin, Ordnung, taktisches Verständnis, “Leistungsbereitschaft und Aufopferung” (Beckenbauer), aber auch zur Schau getragene Identifikation mit dem Kollektiv (z.B. durch Absingen der Nationalhymne) verlangt. Doch dieser ganze Bereich, der eher auf der Ebene der Wahrnehmung stattfindet, ist nur die eine Seite, und im Prinzip die unwichtigere. Viel interessanter ist die Frage nach dem, was man alles von den großen Kriegsstrategen lernen kann, wenn man einmal die Konsequenz aus dieser Parallelisierung zieht. Das “Niederwerfen des gegnerischen Willens” zum Beispiel, über die der preußische Kriegstheoretiker Clausewitz seitenlang räsonniert, und die jeder kennt, der sich an das 3-2 des Underdogs Österreich gegen Deutschland erinnert, als der reine Ösihass sogar Musterberti Vogts zu seinem einzigen Länderspieleigentor zwang.

Von Clausewitz erfährt man auch etwas über das Verhältnis Angriff und Verteidigung. 3-1 müsse die Übermacht der Angreifer betragen, um sicher zu siegen, schrieb er. Einer seiner Schüler, Riegel-Rudi Gutendorf verließ sich darauf und stellte immer sechs Spieler in die Abwehr, womit er zwar viele Unentschieden ertrotzte, ihm aber die entscheidenden Spieler im Sturm fehlten. Die Engländer haben dies im Spiel gegen Frankreich mit einem 8-1-1-System fortgesetzt. Die Italiener, in Urzeiten noch berühmt für grandiosen Offensivfußball, perfektionierten dieses System zu ihrem gefürchteten 70er Jahre Stil, dem Catenaccio, der schlimmste Torarmut zur Folge hatte. “Betonfußball” war, wie 1916 vor Verdun, angesagt, ein taktisch festgefahrener Stellungskrieg der Zuschauer wie Mitspieler gleichermaßen anödete. “Es gibt kein Durchkommen” hieß daher auch die stalingradeske Standardklage älterer deutscher TV-Kommentatoren.

***

Clausewitz lieferte den napoleonischen Kriegen die Theorie hinterher, doch blieb dem die napoleonische Praxis immer um Entscheidendes voraus: “Activité, activité, vitesse!” – Napoleon steht für die elementare Beschleunigung der Kriegsführung, den Bruch mit starren Linien und Ordnungen, er ist der große Deregulierer des Kriegsgeschehens. Erst in den 1990er Jahren hat sich auch die Fußballstrategie aufs napoleonische Niveau heraufbegeben: Die Flexibilisierung über die Außenpositionen, über schnelle, torgefährliche Verteidiger, das Verschwinden des Dreiersturms und der starren Abwehr zugunsten eines 6-Mann-Mittelfelds und einer Viererkette kommen Bonapartes Lineartaktik, dem Prinzip durch schnellere Bewegung auf dem Spielfeld taktische Überlegenheit im Augenblick zu erzielen, nahe. “Getrennt marschieren, vereint schlagen” hieß das beim Kaiser der Franzosen, und als er 1806 nach dem Sieg über Preußen Europameister geworden war, erklärte der französische Teamchef: “Man muss in erster Linie durch die Beine seiner Soldaten siegen und erst in zweiter durch ihre Bajonette.” Bayernkaiser Franz B. formuliert es erwartungsgemäß prosaischer: “Fußball ist ein Laufspiel”.

***

Um nochmal auf Clausewitz zurückzukommen: Der betont immer die schlachtentscheidende Bedeutung des “subjektiven Faktors”. Damit ist nicht nur die Kopfballschwäche Miroslav Kloses, oder das Minuscharisma eines Mario Gomez gemeint, sondern auch die Bedeutung nationaler Charaktere im Fußball: Die Deutschen spielen so, wie sie Krieg führen (obwohl es in Deutschland mehr Kriegskunst gibt, als Fußballkunst, oder wäre Rommel etwa der Beckenbauer des Krieges?): kampfstark, effektiv, sehr professionell, und meist ohne spielerischen Glanz. Ähnlich die Engländer, oder Giovanni Trapattoni Imperator, der nicht grundlos daheim “Il Tedesco” genannt wird. “Fußball ist kein Schach, er braucht eine gewisse Härte.” formulierte der große Feldherr. So hätte das Napoleon nie gesagt.

Hier alle Texte des Blogs zur EM 2012.

Top