Orange und Schwarz wie Blut und Kohle


Der Klasse-Film The Other Chelsea verrät uns mehr über Fußball in der Ukraine, als die ganze UEFA

EM-Blog, Folge 10.

Wenn einer, der das Spiel kennt, einer Schachpartie zusieht, so hat er bei einem Zug des Spiels im allgemeinen ein anderes Erlebnis als der, welcher zusieht, ohne das Spiel zu verstehen. … Aber dieses Erlebnis ist nicht die Kenntnis der Regeln.
(Ludwig Wittgenstein, Philosophische Grammatik)

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Pünktlich zum entscheidenden Spiel der Ukraine um den Einzug ins Viertelfinale wiederholt zdf.kultur heute Nacht (also in der Nacht von Sonntag auf Montag, den 18.6., um 00.15 Uhr und um 4.50 Uhr !!!) einen Film, der uns mehr über Fußball in der Ukraine verrät, als die ganze UEFA. Für alle, die diesen Text erst später lesen, schon mal gleich der Hinweis, dass der Film auch nochmal am kommenden Samstag, 23.6., gesendet wird, auf Phoenix um 22.30 Uhr. Und auf DVD kaufen kann man ihn auch schon.

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The Other Chelsea. Eine Geschichte aus Donezksah ich neulich Abend eher durch Zufall. Zuerst dachte ich, dass es sich einfach um eine Fortsetzung der EM-Berichterstattung handelte, dann begriff ich: Dies ist jener Film, den ich vor zwei Jahren in Saarbrücken gesehen hatte (seine Fernsehpremiere hatte er inzwischen auch schon gehabt; vor einem knappen Jahr, wo er im ZDF eher sang- und klanglos untergegangen war), wo er den Preis für den besten Dokumentarfilm gewonnen hatte – der seltene Fall eines Fußballdokumentarfilms, der sich auch für wenig fußballaffine Zuschauer lohnt, ohne die Fans zu langweilen, weil dies einerseits eine vielschichtige Gesellschaftsanalyse ist, andererseits ein Film über Verflechtungen des Fußballspiels, über Fußball als Spiegel des Lebens und darüber, dass die Wahrheit eben nicht immer nur auf dem Platz liegt.

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Es geht um das Donezk und den Aufstieg des örtlichen Fußballvereins “Schachtjor Donezk”, der von dem Donezker Milliardär Rinat Achmetow zum fußballerischen Global Player aufgebaut wird, und der es vor drei Jahren schaffte, zur Überraschung der Fußballwelt den UEFA-Cup (der damals noch so hieß) zu gewinnen. Ein neugieriger Blick auf einen Mikrokosmos und ebenfalls ein Wirtschaftsthriller der anderen Art.

Der Film des Kölners Jakob Preuss erzählt ein wenig von dem Club, ohne dass man allerdings wirklich viel über Spieler, den Trainer oder gar den Stil erfährt, die Taktik, die Ergebnisse und ob sie verdient waren. Wahrscheinlich gab es keine bezahlbaren Bildrechte. Das Wesentliche über die Spiele erfährt man so über eine originelle Mixtur aus Fotos und Animationssequenzen.

Worüber man dafür aber sehr viel erfährt, dass ist sozusagen der Geschmack und Geruch des Fußballs in der Ukraine. Er schmeckt nämlich nach echter Fußballleidenschaft, aber zugleich nach sehr viel und sehr schmutzigem Geld. Und nach Politik – was in der Ukraine auch nicht besser ist

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Das Kohlegebiet Donezk, Schauplatz des Films, ist die schwerindustrielle Südost-Region der Ukraine, eine Minenarbeiterstadt. “Schachtjor Donezk” ist der einzige Stolz der Region. Die Klubfarben sind seit jeher Orange und Schwarz, wie, so sagen die Leute, “wie Blut und Kohle”. Nun ist neuerdings aber in der Ukraine Orange auch eine hochpolitische Farbe. Und der Oligarch Achmetow, der vor ein paar Jahren den Verein übernahm, nachdem sein Vorgänger, auch ein Milliardär, mitsamt der Ehrentribüne in die Luft gesprengt wurde, hält es mit den “Blauen”, den Parteigängern des ukrainischen Diktators Janukowitsch. Und natürlich benutzt er den Verein für seine Privat-Politik. Und dafür, das große Rad zu drehen. So kauft Achmetow dutzendweise brasilianische Fußballer, und zur Eröffnung des von ihm bezahlten Stadions, in dem derzeit die EM-Spiele stattfinden, lässt er für sieben Millionen Euro Beyoncé einfliegen. Achmetow ist unnahbar und undurchschaubar – gerade dadurch wirkt er wie der Mafiaboss, der er im Prinzip ist.

Das wird vor allem anhand der hochinteressanten Figur des Kolja Lewtschenko deutlich, der ein aufstrebender Jungpolitiker der “Partei der Regionen” ist, also der putinesken “blauen” Janukowitsch-Partei – die derzeit in der Ukraine regiert, sich während der Dreharbeiten aber noch in der Opposition befand. Kolja ist nett, aber karrieristisch, eingebildet und dreist, spricht viel von Ethik, ist aber durch und durch korrupt, ein Opportunist mit Prinzipien, ein dummer Dampfplauderer, der nicht ungebildet ist – und wenn man ihn zuhause beim autoritären Vater besucht und ihm dabei zu sieht, wie er mit Frau, Geschwistern, Eltern der liebe Sohn ist, dann ist es auch, als säße man vor drei Jahren mit Familie Assad am Mittagstisch: Nette Leute, eigentlich.
Später gibt Kolja mal zu, dass er sich gar nicht für Fußball und “Schachtjor Donezk” interessiert – lustig naiv ist sein Umgang mit den Medien.

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Jakob Preuss gelingt es, mit leichter Hand die komplexe, aber dann auch wieder ganz einfache Welt aus Mafia und Macht, Korruption und echter Fußballleidenschaft zu entfalten und begreiflich zu machen. Dabei bleibt The Other Chelsea erfreulich differenziert. Er klagt nicht an, sondern zeigt.

Hier alle Texte des Blogs zur EM 2012.

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