Rein statistisch gesehen


 Wer wird Europameister? Ein Faktencheck zum EM-Auftakt

EM-Blog, Folge 1.

“Fußball ist keine Mathematik.” definierte im letzten Jahrhundert messerscharf der Münchner Wissenschaftstheoretiker Karl-Heinz Rummenigge. Leider vergaß er mitzuteilen, was Fußball stattdessen ist. Physik? Statistik?

***

In jedem Fall auch ein Schuss Geopolitik: Deutschland ist eine Supermacht, jedenfalls im Fußball. Warum, das erklärte detailliert gerade die französische Zeitung “Le Monde”. Auch hier wieder mal ein deutscher Sonderweg: “Im Fußball, wie in anderen Bereichen, unterscheidet sich Deutschland von seinen europäischen Partnern”. Gemeint ist die extrem feinmaschige Vereinsorganisation, als deren Folge Deutschland mit 6,3 Millionen in Vereinen organisierten Fußball-Spielern viel mehr aktive Fußballer hat, als die meisten europäischen Länder zusammen. Die nächstbeste Vereinsstruktur hat überraschenderweise Frankreich, wo 1,78 Millionen Fußballer aktiv sind.

***
Aktive Fußballspieler in einigen EM-Teilnehmerländern

Diese Fakten machen zugleich klar, dass die gern gelobte Nachwuchsarbeit in Deutschland längst nicht so gut ist, wie hierzulande behauptet: Die 6,3 Millionen Vereins-Spieler führten zwar zu drei EM-Titeln (und drei WM-Titeln), Spanien gelangen aber mit nur einem guten Zehntel davon (653.000 Vereinsspieler) immerhin zwei EM-Titel, darunter der letzte, und amtierender Weltmeister sind sie auch noch. Nach diesen Zahlen sind auch die zwei französischen EM-Titel 1984 und 2000 und der WM-Sieg 1998 weniger überraschend, als sie es sein müssten, schaut man nur auf die vergleichsweise schwache Rolle, die französische Vereinsmannschaften in den europäischen Wettbewerben spielen.

Die schwächste Rolle in dieser Statistik, die “Le Monde” aus Angaben der FIFA und der europäischen Union zusammenstellte, kommt ausgerechnet dem “Mutterland des Fußballs” zu. Mit knapp 1,5 Millionen Fußballern (1,486) steht England zwar an vierter Stelle, nach Italien (1,514 Millionen) und vor den Niederlanden (1,139), zudem stellt man mit Manchester United, Arsenal London und dem FC Chelsea London drei der sechs umsatzstärksten Clubs Europas, doch zugleich sind die Engländer die einzige unter den Top-Nationen, die noch nie Europameister wurde, sich noch nicht einmal für ein Finale qualifizierte, was, um nicht immer die ottokratisch beseelten Griechen des Jahres 2004 zu nennen, sogar Belgien, Dänemark, Portugal und den Tschechen gelang, letzteren gleich mehrfach: Als sie noch mit den Slowaken zusammenspielten, wurden sie dank Uli Hoeneß Wolkenelfmeter 1976 sogar Europameister, ohne sie schafften sie es 1996 noch ins Finale und 2004 ins Halbfinale. Und die wahre Turniermannschaft sind nach den nackten Fakten die Italiener: 4 WM- und ein EM-Titel, trotzdem man selten als Favorit ins Turnier ging.

***

Nach diesen Statistiken gab es in der Qualifikationsrunde gar keine Überraschungen; nach ihnen ist auch bereits jetzt klar, wer ins Viertelfinale kommt: Tschechen und Polen in Gruppe A, Deutschland und die Niederlande in Gruppe B, in Gruppe C Spanien und Italien, und in Gruppe D Frankreich und England.

Rein statistisch gesehen, müsste es den Tschechen diesmal wieder gelingen, sich fürs Halbfinale zu qualifizieren. Allerdings droht statistisch gesehen den Briten diesmal wieder ein Vorrundenaus. Ebenso wie den Italienern.

Rein statistisch gesehen, gewinnen die kommende Europameisterschaft jene Teams, deren Spieler die schnellsten Sprints absolvieren. So jedenfalls eine gemeinsame Studie der Universitäten Basel und Saarbrücken. “Wer bei der Euro siegen will, muss über Spieler verfügen, die bei kurzen Sprints die Gegner stehenlassen”, behauptet Oliver Faude vom Basler Institut für Sport und Sportwissenschaften, deren Ergebnisse jetzt im “Journal of Sports Sciences” (Bd. 30) veröffentlicht wurden. “Wer gerade läuft, wählt die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten”, erklärt Faude die simple Strategie. In der Praxis bedeutet dies, dass gemäß der Studie Portugal, Holland und England die besten Chancen haben müssten, da sie über die besten Sprinter verfügen.

***

Selbst der Zufall lässt sich berechnen. Theoretisch jedenfalls. Wer diesmal Europameister wird, haben Wissenschaftler der Deutschen Sporthochschule Köln (DSHS) und der International School of Management (ISM) in Frankfurt/Main ausgerechnet. Eine Neuauflage des Endspiels von 2008 und des WM-Halbfinales werde es geben: Spanien-Deutschland. Und am Ende werde sich Deutschland mit Hilfe des Glücks durchsetzen – aber das Spiel stehe auf Messers Schneide.

In einem zweistufigen Modell, das diverse objektive Messgrößen – Marktwert der Mannschaften, Wettquoten, Gastgeberbonus – ebenso berücksichtigt, wie Zufallseinflüsse, ergeben sich unter den insgesamt 24 Partien der EM-Vorrunde 7 mit klaren Favoriten. Unter den restlichen 17 Partien entscheiden nach Ansicht der Wissenschaftler in immerhin sieben Fällen “Tagesform und Glück” das Spiel für das nicht-favorisierte Team. Die beiden Gruppenersten der jeweiligen Gruppen sind laut der Simulation Polen und Russland, Deutschland und Portugal, Spanien und Italien sowie Frankreich und England.

Zudem können die Zuschauer mit einer Steigerung des Toredurchschnitts auf ca. 2,7 Tore pro Spiel freuen (EM 2008: 2,48). “Die durchschnittliche Trefferanzahl bei Europa- oder Weltmeisterschaftsspielen korrespondiert nämlich auffallend mit dem Toredurchschnitt der vorangegangenen Champions League-Saison. Dort wurden im jüngst abgelaufenen Wettbewerb 347 Tore in 125 Spielen geschossen (ohne Elfmeterschießen), das macht einen Schnitt von knapp 2,8 pro Spiel.”

***

Aber Statistiken sind nicht alles. “Entscheidend is aufm Platz.” (Adi Preissler)

Hier alle veröffentlichte Teile des Blogs zur EM 2012.

Top