Der Sportphilosoph Gunter Gebauer über die Raumstrukturen und Rituale und die Nähe von Fußball und Religion
Eine Veranstaltung in der Berliner Akademie der Künste beschäftigte sich bereits kurz vor der EM mit dem Thema “Choreographie der Massen”, mit Schwerpunkt Sport. Hintergrund ist eine am gleiche Ort stattfindende Ausstellung zum Zusammenhang von Architektur, Sport, Massen und Begeisterung: “Choreographie der Massen – Im Sport. Im Stadion. Im Rausch.” (Akademie der Künste, bis 12. August, Katalog 24 Euro.)
Dabei ging es primär um den Zusammenhang von Architektur und anderen Künsten und Fußball, vor allem aber um Fußball. Kurz und bündig brachte da der Sportsphilosoph Gunter Gebauer den Reiz des Fußballs auf den Punkt: Er sei ein “Spiel, das einerseits ein sehr böses Spiel ist, und ein Spiel, das auch Heilige produziert. … Glücksspiel gepaart mit unendlichem Können. … Fußball ist auch deswegen faszinierend, weil enorm viel Zufälliges passiert.”
Den Zufall brachte auch der Autor Moritz Rinke mit ins Spiel, der als Mitglied der “Autoren-Nationalmannschaft” mitreden durfte: “Alles ist geplant, aber im Fußball kommt dieser Ball dazu. Der Ball wird dem Spiel eine andere Wendung geben. Dann kommt im Fußballstadion plötzlich doch Godot. Fragen Sie mal Chelsea. Vor drei Wochen kam da Godot.”
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| Maradona-Altar in Neapel, Copyright: ALMare |
Unter Bezug auf die nicht neue These, die Fußballstadien seien die Kathedralen des 20. Jahrhunderts, entwickelte Gebauer eine bemerkenswerte Grundsatzüberlegung: “Ich finde diesen Vergleich nicht falsch. Es gibt ganz viele sakrale Rituale im Fußballstadion. Wir haben zwei verschiedene Räume – einmal den Rasen und die Ränge. Auf den Rängen sitzt eine Gemeinde, die sich engagiert für eine Mannschaft, sich für sie mit ihren Wünschen und libidinösen Strukturen einsetzt, Fähnchen schwingt, brüllt, singt, die spontanen Beifall spendet – da merkt man: Da ist eine ungeheure Kraft und Macht in dem, was ich Gemeinde nennen möchte. Und unten der Rasen – es heißt ja nicht umsonst heiliger Rasen – ist der Sakralraum, in dem die Spieler durch die Aktionen ihrer Gemeinde erhoben werden zu Individuen, die deutlich über dem sind, was man von normalen Menschen erwarten kann. Man erwartet von ihnen Wunder, man hält sie für Helden, vielleicht für Heilige. Die ganz großen Fußballer sind alle wie Heilige. Maradona hat inzwischen eine Kirche in Buenos Aires. Die “Hall of Fames” der großen Clubs sehen aus wie Sakralbauten. Man geht in die Sakristei und lässt sich da die Geräte zeigen.”
Diese sehr große Ähnlichkeit ist nicht nur oberflächlich. Man kann das sehr gut mit Durkheims Religionssoziologie beschreiben: Aus Ritualen entsteht so etwas wie die Macht einer Gemeinde. Und die Macht der Gemeinde springt über auf die Individuen, vergrößert sie zu Helden. Das ist der Punkt.
Diese Zweiteilung des Raumes – das ist genau das, was die Kirche auszeichnet. Eine Kirche hat zwei Räume, beide sind ungeheuer wichtig, beide sind in Interaktion. Deswegen ist das eine Choreographie, die in mancher Hinsicht religiöse, rituelle Züge hat.
Es gibt die Organisation einer Menge, die ähnlich strukturiert ist, wie die Interaktion einer Gemeinde. Der erste, der auf diesen Gedanken gekommen ist, war Freud.



