Spieglein, Spieglein – und so weiter. Wieder einmal hört man eine großartige Hollywood-Schauspielerin in der Rolle der bösen Königin jene berühmte Beschwörungsformel in einen Zauberspiegel flüstern. Die Antwort ist die immergleiche: Ja, Frau Königin, Ihr seid die schönste, aber. Die Konkurrenz schläft nicht. Gefahr wächst heran in Gestalt der aufblühenden Stieftochter Schneewittchen. Pardon. Sagte ich Schneewittchen? Ich meinte Snow White. In einer amerikanischen Action-Blockbuster-Adaption des Grimm‘schen Hausmärchens ist für das hübsche Prinzesschen Schneewittchen kein Platz. Eine starke Heldin wie Snow White muss her. Immerhin hat sie an der Speerspitze des Guten einen großen Kampf gegen die Mächte des Bösen zu führen. Snow White and the Huntsman von Regie-Neuling Rupert Sanders ist High Fantasy pur. Episch und bildgewaltig, humorlos und öde.
Snow White and the Huntsman transponiert die mythischen Archetypen der Märchen-Vorlage in eine archaisch-düstere Mittelalter-Welt. Gut und Böse sind klar verteilt: Snow White (Kristen Stewart) ist unschuldig, rein und schön. Sie verfügt über eine natürliche, weiße Magie, ihre Anwesehenheit verströmt Frohmut und Heilung. Sie symbolisiert das Leben selbst und steht der vernichtenden Kraft ihrer Stiefmutter Ravenna (Charlize Theron) gegenüber. Diese steht für den Tod, Unheil und Verderben schenken ihr Schönheit und Kraft. Unzählige Königreiche sind ihrer schwarzen Magie bereits zum Opfer gefallen. Verspeist sie das Herz ihrer jungen Rivalin, wird sie die ersehnte Unsterblichkeit erlangen. Der Rest der Figuren positioniert sich zwischen diesen beiden Polen – als Helfer, Mentoren oder Hindernisse. So auch der mit der Flasche um seine tote Frau trauernde Huntsman (Chris Hemsworth). Von der dunklen Königin damit beauftragt, Snow White aus dem verwunschenen Zauberwald zurück zu holen, schlägt er sich auf die Seite des Guten und ist dabei behiflich, das Land von Ravennas Herrschaft zu befreien.
Einführung in Angewandte Erzähltechnik. Die Geschichte von Schneewittchen wird also als abenteuerliche Queste der Heldin Snow White und ihrem Gefährten Huntsman durchgespielt. Jeder, der einmal einen Blick über Christopher Voglers Konzept der Heldenreise aus seinem Drehbuch-Einmaleins Odyssee des Drehbuschschreibers geworfen hat, wird den Rest der Handlung vorbuchstabieren können: Snow White hat auf ihrem langen Weg so einige Prüfungen zu bestehen; Schwellenwächter werden überwunden, Feinde besiegt, Freunde gefunden, weiser Rat eingeholt, Prophezeiungen erfüllt und schließlich das nötige Opfer gebracht, um den Sieg über das Böse davontragen zu können. Nach seiner Auferstehung geht der Held als gereifte Persönlichkeit aus dem Abenteuer hervor. Ende. Voglers Heldenreise basiert auf der Campbell‘schen Idee des Monomythos, einer Urerzählung, die sämtlichen Sagen und Mythen unserer Welt zugrundeliegt. Doch bedeuten wiederkehrende Erzählmuster nicht, dass man eine Geschichte auf ewig gleiche Art und Weise durchkauen muss.
Snow White and the Huntsman erzählt das bereits Bekannte und zeigt das längst Gesehene. Für sich genommen recht imposant, halten die Bilder des Films dem Vergleich mit Peter Jacksons Der Herr der Ringe, dem unumgänglichen Vater des neueren High Fantasy-Films, doch nicht stand. Schlachtszenen rufen ein ständiges Déjà vu-Erlebnis hervor. Computertrickeffekte, die ausgewachsene Star-Schauspieler aus Großbritannien im Film als halb so große Zwerge herumlaufen oder riesige Trolle erschreckend echt durch die Gegend wüten lassen, mögen über die Jahre vielleicht perfektioniert worden sein, doch stellen sie nichts Neues dar. Visuelle Gimmicks wie die seiden-metallene Textur des personifizierten Zauberspiegels lassen vereinzelt Spuren von Originalität durchblitzen, doch werden sie unter Sequenzen unsäglicher Klischeehaftigkeit begraben. So stolpert Snow White bei ihrer Reise in ein prächtiges Feenreich, in dem kleine, putzige Elfen umherschwirren. Spätestens jetzt hört man Tolkien aus seinem Grab aufstöhnen – Zeit seines Lebens hatte er sich über diese verniedlichte Elfen-Darstellung geärgert und versucht, sie mit seinen Elben aus Mittelerde aus den Köpfen der Menschen zu vertreiben.
Snow White and the Huntsman hat den Anspruch, eine Erwachsenen-Version des Kindermärchens zu sein. In der düster-realistischen Ästhetik des Films mag das vielleicht noch zutreffen; im Bild orientiert sich Snow White and the Huntsman an der Ambivalenz der kritischen Low Fantasy, wie sie etwa die HBO-Serie Game of Thrones vertritt. Doch ist das alles nur Tarnung. Inhaltich bleibt der Film gutgläubige High Fantasy und kommt über die vereinfachte Schwarzweiß-Welt des Märchens nicht hinaus. In dem eklektischem Spiel mit mythischen Archetypen sind die Figuren im Film nicht mehr als eindimensionale Holzschnitte. Dem Konflikt zwischen Snow White und der Ravenna liegen moralische Kategorien zugrunde, statt einer ambivalenten Psychologie bleiben die Charaktere typisiert, sie dienen als Verkörperungen abstrakter Ideen wie Unschuld, Reinheit, Eifersucht, Eitelkeit und Rache. Zwar wird versucht, in kurzen Rückblenden zu erklären, warum die Königin böse ist, doch kann man keine wirkliche Empathie oder Verständnis für die Figur entwickeln, die der Geschichte vornehmlich nur als treibende Gegenkraft dient. Ebenso bleibt man von Snow Whites Schicksal unberührt, dafür ist sie zu gut. So steckt sie mitten in einer eigentlich spannungsbeladenen Dreiecksbeziehung mit dem einfachen Huntsman und dem adligen William (Sam Claflin), einem Freund aus Kindertagen, und scheint doch die Liebe weder des einen noch des anderen erwidern zu können. Sie liebt ihr Volk, ihr Königreich und alle Kreaturen, dies es bevölkern; sie liebt Gott und die Welt, mit der Leidenschaft eines Mannes, geschweige denn ihrer eigenen, weiß sie allerdings nichts anzufangen.
Alles, wofür Der Herr der Ringe vor Jahren kritisert wurde, löst Snow White and the Huntsman fast schon reaktionär wieder ein – simplifizierte Figurenzeichnung, Klares Gut-Böse-Schema, Effekthascherei und einen zweifelhaften Krieger-Pathos. Denn auch wenn Snow White die fleisch gewordene Güte ist, Gewalt bekämpft sie auch nur mit Gewalt. Tod wird mit Tod vergolten und nicht etwa – wie in der Harry Potter-Saga – von der Liebe selbst überwunden. High Fantasy ist zu Zeiten von Dagegen wirkt Der Herr der Ringe wieder modern – Immerhin war Tolkien ebenso ein konservativer Romantiker wie auch ein durch die Erfahrungen im Ersten Weltkrieg geprägter Pessimist. Frodos Quest scheitert; das Böse kann weder vom Guten allein besiegt werden, noch durch das Böse selbst. Am Ende steht die Gnade als göttliches Geschenk, die das Geschehen wieder einrenkt.
Snow White fehlt diese Demut völlig. Was bleibt ist ein naives Fantasy-Spektakel, das sich so sehr ernst nimmt, dass Tarsem Singhs überdrehter live action-Cartoon Spieglein, Spieglein – Die wirklich wahre Geschichte von Schneewittchen tatsächlich als die attraktivere Schneewittchen-Adaption reizt. Der verspielt-ironische Umgang mit den Bestandteilen des Märchens lässt bei Singh immerhin so etwas wie eine Reflexion über den Stoff erkennen – auch wenn es sich um deren bewusste Vermeidung handelt. Immerhin konnte Singhs Schneewittchen im Gegensatz zu Snow White noch einen schlechten Apfel von einem guten unterscheiden. Das war doch mal was Neues.
Snow White and the Huntsman – Pressespiegel auf film-zeit.de
Snow White and the Huntsman
R: Rupert Sanders
B: Evan Daugherty, John Lee Hancock, Hossein Amini
K: Greig Fraser
D: Kristen Stewart, Chris Hemsworth, Charlize Theron, Sam Claflin, Ian McShane, Bob Hoskins, Ray Winstone, Toby Jones, Nick Frost
USA 2012, 127 Min
Universal Pictures
Start: 31.05.2012


