Vaterlandsloser Geselle


Zittern, bangen, springen, hoffen und andere Emotionen

EM-Blog, Folge 14.
Christian Petzold
Copyright: Hans Fromm

“In einem Hotel ist der Fußball so unendlich weit weg. Es gibt ein Bild, das mir Harun Farocki gezeigt hat, eine Einstellung aus einem Film, an dem er arbeitet. Man sieht das Olympiastadion in Berlin, aus zwei, drei Kilometern Entfernung, aufgenommen mit einer Wärmekamera. Die kalte, dunkle Stadt und das Wärme-Rot um das Stadion, und man meint, dass es sich bei einer Chance oder einer schnellen Kombination über Frings und Schneider ins Tiefrote verfärbt. … Im Stadion sitzen ja alle mit dem Rücken zum Alltag. Und selbst im Halbrund vor irgendeiner Projektion auf irgendeiner Fanmeile kehrt man dem Alltag den Rücken zu. Im Hotelzimmer liegt man mit sich – man ist allein wie Uwe Barschel. Dabei waren wir dem Fußball unglaublich nah. Die Nationalmannschaft von Togo war im Hotel, und als die ausschieden, kamen die Franzosen. Schön war, daß die Betreuer der Togolesen in der Nacht zur Aral-Tankstelle gingen und Bier kauften. Daß es die Frauen des togolesischen Fernsehens sind, die den Sendebetrieb am Laufen halten. Die Männer machten die Interviews, die Frauen richteten die Satellitenschüssel aus.”

***



“Es geht ja um die Effektivität.” hatte Oliver Kahn schon vor dem Spiel gemeint, und überhaupt war den deutschen Kommentatoren wieder sehr daran gelegen, ein Haar in der Tiki-Taka-Suppe zu finden. “L’art pour l’art” meinte Bela Rethy später auf seinem Kommentatorensessel, wo man doch auch hätte sagen können: Immerhin l’art. “In Schönheit sterben” sagen die Deutschen in solchen Fällen auch gern – die sich noch vor zwei Jahren gefreut hatten, dass die Deutschen “auch mal schön” spielten, und nicht “nur erfolgreich”.

Also was jetzt? Fußball ist Vergnügen, und so wie wir lieber schönes Kino sehen wollen, anstatt nur gutes, Überschußkino also, möchten wir auch Überschußfußball sehen, nicht nur Ergebnisse, “die stimmen”. Mir ist das spanische 1-1 gegen Italien jedenfalls lieber gewesen, als das deutsche 1-0 gegen Portugal.

Wobei unsere deutschen Kommentatoren immer vergessen, zu erwähnen, dass der Welt- und Europameister Spanien heißt. In Schönheit gestorben ist da bisher niemand.

Wenn es etwas zu kritisieren gibt am Team von Vincente del Bosque, dann ist es ja eher, dass sie zu effektiv und deutsch spielen, und nicht zu schön.

***

Wie sich die Dinge gleichen: Es ist schon erstaunlich, in welche Schwierigkeiten technisch klar überlegene Teams geraten können, wenn sich mit einer Mischung aus massierter Abwehr, Kampfstärke und Mut der Verzweiflung konfrontiert sind. Den Deutschen ging das so gegen die Dänen, den Spaniern jetzt gegen Kroatien, die so spielten, wie die Dänen. Vom “kroatischen Spinnennetz” sprach treffend Bela Rethy.

Die Spanier waren im letzten Gruppenspiel nicht richtig gut; sie wirkten gelangweilt, müde und träg. Sie hatten auch weniger Chancen und vor allem weniger klare Chancen als Kroatien.

Trotzdem hätten die Kroaten es nicht verdient gehabt, Spanien aus dem Turnier zu werfen, nicht nur wegen ihrer rassistischen Äußerungen und wegen der Dummheit ihrer Fans, die auf den Rängen ein bengalisches Feuer nach dem anderen entzündeten. Sondern auch, weil sie sich am Ende nicht trauten, zu stürmen, nicht aufmachten, nichts riskieren wollten, letztendlich feige blieben. Nur die Eckbälle waren echt gefährlich…

***

Spanien also zitterte sich zum Sieg. Nach ihnen ziehen erwartungsgemäß die Wettbetrüger aus Italien ins Viertelfinale. Und zwischendurch konnte man sich richtig ärgern über die schwachsinnigen, für keinen Normalzuschauer begreiflichen Wertungen der UEFA mit Dreiervergleich, direktem Vergleich ohne den Ausgeschiedenen, Koeffizienten und so fort – der, hätte Spanien nicht noch gewonnen, am Ende bedeutet hätte, dass bei Punktgleichheit Italien mit 3-2 Torverhältnis noch Gruppenerster geworden wäre, vor Spanien (mit 5-1). Das wäre einfach nur ungerecht, denn die Tatsache, dass die Spanier die Iren 4-0 geschlagen haben, wird da überhaupt nicht belohnt.

***

Man darf gespannt sein, was England heute Abend gegen die Ukraine leisten wird.

***

Ich sehe diese ganzen Spiele ja übrigens in Ludwigshafen, wo ich beim Festival des Deutschen Films arbeite. Da läuft die EM auf einem Fernseher, das deutsche Spiel gab’s auf HD und Großleinwand – ein prächtiges Bild. Man glaubte, jeden Grashalm sehen zu können. Ich sah das deutsche Spiel in der ersten Reihe des Kinos, neben Christian Schwochow sitzend, der gerade hier ist, seinen Film Die Unsichtbare zeigt, und mit dem man gut Fußball gucken kann, weil er nicht zuviel redet, aber man trotzdem ab und zu was sagen darf, sogar was nix mit Fußball zu tun hat, und nicht gleich stillgezischt wird.

In der zweiten Halbzeit, als die Deutschen ein paar Mal in den Abgrund blickten, sagte ich zu ihm mehrmals “Ich seh’s kommen”, und wartete mit einer Stimmung aus Angstlust auf ein dänisches Tor. Angstlust, weil ich wusste, dass das grausam werden würde, und weil ich genau das hoffte, weil ich der deutschen Mannschaft ja zutraute, einen Rückstand gegen Dänemark aufzuholen, und das gern gesehen hätte. Und weil ich es zur Not auch gern gesehen hätte, wie es gewesen wäre, wenn die Deutschen plötzlich gegen Dänemark rausgeflogen wären. Unverdient und doch…

Als die Deutschen das 2-1 schossen, sprang Christian Schwochow auf, wie fast alle anderen im Saal, ballte die Faust und freute sich. Ich freute mich auch, aber verhaltener, und blieb also sitzen, denn ich fühlte mich eher erschöpft. Jetzt war das Spiel vorbei.

Christian Schwochow

“Typisch Journalist” sagte Christian Schwochow später, und ich fühlte mich schuldig. Denn man möchte ja nicht als emotionslos gelten, und ich finde mich auch nicht emotionslos, und freute mich schon. Aber es stimmt, ich sehe die Deutschen nicht als “meine Mannschaft”, wie das Christian Petzold ausgedrückt hat, in einem Text für die FAZ Sonntagszeitung von 2006 (Fußball im Hotel). Da schreibt Petzold, dass er beim Dreh während der Fußball-WM 1994 fünf Mark auf einen 2:1-Sieg der Bulgaren gesetzt hatte: “Ich wollte die WM loswerden.” Und weiter: “Es war der widerlichste Pott, den ich je gewonnen habe – bis heute mag ich das nicht, Menschen, die gegen sich, gegen ihre Mannschaft wetten, um im Falle einer Niederlage zumindest pekuniär gewonnen zu haben.”

“Meine Mannschaft”…, so hätte ich das nie gesagt. Meine Mannschaft ist Dortmund, und danach lange nichts und dann noch ein paar Teams. Und Emotionen bezüglich Nationalmannschaften hab ich eher bei Spanien und Holland. Bei den Deutschen nur ab und zu. Ist halt so. Darum würde ich auch nie “die WM loswerden”, selbst wenn Deutschland ausscheidet.

All das habe ich Christian Schwochow nicht erzählt, aber er hat es vermutlich geahnt, gespürt, weil er ja auch ein sensibler Mensch ist, dass ich ein vaterlandsloser Geselle bin.

***

“Warum bist Du immer so defaitistisch?” sagt Freund und Kollege Josef Schnelle, und ich frage mich ob er es blöder findet, dass ich Sätze sage, wie “Das könnte gefährlich werden gegen die Griechen.”, oder dass ich mich überhaupt zum Thema äußere, wovon doch nur einer was versteht. Schnelle ist 1.FC-Köln-Fan, was er nicht zugibt, er behauptet immer, er sei Fan von Mönchengladbach, und Köln interessiere ihn eigentlich nur wegen seinem Sohn. Darum ist er auch Podolski-Fan, und man darf nie Sätze sagen, wie “Podolski sollte man auswechseln” oder “Poldi bringt’s nicht heute” oder so. Er wird jetzt auch Sky abonnieren, um Poldi bei Arsenal London kicken zu sehen.

Hier alle Texte des Blogs zur EM 2012.

Top