Vor dem deutschen Spiel gegen die Niederlande: Die Gomez-Frage
Auf heute Abend kann man sich eigentlich nur freuen: Angenommen die Deutschen gewinnen gegen die Niederlande, ist die Mannschaft im Viertelfinale. Angenommen die Holländer gewinnen, haben beide gute Chancen auf ein Weiterkommen, selbst wenn Dänemark gegen Portugal siegen sollte. Mit einem Unentschieden ist zumindest nichts verloren.
Ich selbst hoffe inständig auf einen holländischen Sieg. Zum einen, weil ich Oranje-Fan bin und möchte, dass der Vizeweltmeister weiter im Turnier ist. Gegen Dänemark hatten sie Pech, also wünsche ich ihnen heute ein bisschen Glück. Der zweite Grund ist allerdings, dass die deutsche Mannschaft, wenn es noch etwas werden soll mit germanischem Zauberfußball 2012, dringend einen Weckruf braucht. Auch 2008 und 2010 verloren sie das zweite Spiel – also bitteschön!
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| Mario Gomez, Copyright: Steindy |
Denn seien wir ehrlich: Gegen Portugal hatten die Deutschen ganz schön viel Glück! Im Grunde haben sehr viele Spieler, nicht nur der vielgeschmähte Mario Gomez, unter ihrem Niveau gespielt. Lahm war richtig schlecht. Podolski auch, Schweinsteiger hat nur eine bessere Entschuldigung, Müller und Özil waren nicht gut.
Man hat sich das ganze Spiel nach dem Sieg schöngeredet. Intern wahrscheinlich nicht, aber reicht das zum Wachrütteln?
Man kann nicht davon ausgehen, dass Löw irgendetwas ändert, wenn er nicht dazu gezwungen wird. Aber dem Löw-Team täte eine saftige Lektion gut, am besten 0-3 oder 0-4. Die Veränderungen erzwingt, die keine Lebenslügen mehr zulässt. Und das durch ein Team, das mit antideutschen Tugenden überzeugend spielt, wie das die Niederlande zu ihren besten Zeiten immer konnten.
Das wird alles sehr wahrscheinlich nicht passieren, schon klar. Revolutionen sind selten. Aber man wird mal ein wenig tagträumen dürfen, oder?
“Wie heißen die ausländischen Spieler in der deutschen Mannschaft?” wurde ich neulich gefragt. Tja. Gomez vielleicht?
Die deutsche Stürmerdebatte, die die letzten Tage in den Medien tobte, verstehe ich nicht ganz. Denn eigentlich ist dazu bereits alles klar gesagt worden: Vom Bundestrainer Löw, der Gomez eigentlich gern bereits vor seinem Tor ausgewechselt hätte. Von ARD-Experte Mehmet Scholl “…Die Abwehrspieler wollten in die Spitze spielen, aber da war keiner. Und das ist immer die Frage: Wie lang hält eine Mannschaft so was aus. Es geht ja nur so lange, bis Gomez drei-, vier-, fünfmal nicht trifft. Dann geht auch die Diskussion los. Das könnte der ganz einfach vermeiden, indem er einfach mehr tut fürs Spiel. Mehr in die Mannschaft integriert. Man braucht heutzutage Stürmer, die auch nach hinten laufen. Das gibt es einfach im modernen Fußball nicht mehr: Dass ein Spieler einfach nur zentral bleibt, keinen Ball kurz haben will sondern nur irgendwo auf Flanken hofft oder auf einen Laufweg, der sich auftut. Das ist dann doch insgesamt zu wenig.”
Besser kann man es nicht auf den Punkt bringen. Albern wird es, wenn man dann aufzählt, Gomez sei in der Championsleague der erfolgreichste Stürmer nach Messi. Jeder weiß, wie Messi spielt, dass er gar kein Stürmer ist, sondern ein Motor und Zentrum des Barca-Spiels. Nicht mal andeutungsweise kann Gomez da mithalten. Er spielt statisch und pomadig. Er tut nichts fürs deutsche Spiel, er versiebt zu viele Chancen, er bringt die deutsche Nationalmannschaft nicht weiter, sondern hält deren Spiel auf. Für Gomez spricht eigentlich nur, dass Klose auch nicht absolut überzeugt. Er hat nur einfach in der Nationalmannschaft viel besser gespielt, als Gomez.
Aber natürlich könnte man diese ganze Debatte auch anders erledigen: Reus statt Podolski und Götze statt Gomez oder Klose. Also eine defensivere Variante des 4-3-3-Systems
Sehr sehr nervtötend, aber erwartbar, weil typisch deutsch im schlechtesten Sinn ist an dieser Debatte, wie sie jetzt umspringt in eine moralisierend geführte Scholl-Debatte. Nicht mehr um die Kritik geht es, sondern um den Kritiker, darum, ob er das Recht hat, zu sagen, was er gesagt hat, ob er geheime Hintergründe für seine Kritik hat, und darum, was die wahre Aufgabe eines Experten ist.
Wer sich da alles empört! Am Dienstag konnte man sich am Fernsehschirm gar nicht retten vor Gomez-Verteidigern. Fredi Bobic, selbst nur eine Sternschnuppe am deutschen Stürmerhimmel, ereiferte sich da bei Waldi, und dann Thomas Strunz in der wirklich überraschend sehenswerten Talk-Sendung bei Markus Lanz.
Insgesamt von Strunz ein ziemlich scheinheiliges Gesabbel, bei dem man sich fragt, ob er jetzt neidisch ist auf Scholl, oder was ihn sonst reitet.



