Screwball auf dem Grünen Rasen


Spanien und Italien vor dem heutigen Finale

EM-Blog, Folge 28.

“Es ist dunkel im Zimmer, aber als das Tor fällt, stürzen Biergläser um, panisch kreischende, sich umschlingende, gegen die Decke hin wachsende, kreiselnde, torkelnde, schlingernde Paare.”

Schriftsteller Bernward Vesper, über das “Jahrhundertspiel” 1970 gegen Italien, und den Moment, als Schnellinger, “ausgerechnet Schnellinger” in der 90. Minute das 1-1 Ausgleichstor erzielte.

“Wir alle sind Verteidiger des Fußballs. Nicht nur unseres spanischen Fußballs, sondern des Fußballs allgemein.”

Vincente Del Bosque, Spaniens Nationaltrainer
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Es hat noch nie eine Mannschaft geschafft, drei Turniere hintereinander zu gewinnen. Spanien kann es heute schaffen. Diese Motivation, Fußball-Geschichte zu schreiben, sollte den Spaniern eigentlich heute Abend genügen.

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Die “Selección” gegen die “Squadra Azzura”, wie wird es ausgehen? Meine Einschätzung: 1-0 für Spanien. Das sagt der Kopf. Der Bauch sagt: 50:50. Italien hat eine große Chance. Aber Spanien auch. Natürlich sind die Italiener sehr stark. Aber die Spanier wissen, dass sie eine einmalige Gelegenheit haben, dass ihnen etwas gelingen kann, und sie sind im Zweifelsfall stärker.

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Die Italiener sind Typen. Aber es muss auch nicht sein, dass sie immer dann einen Titel holen, wenn ihre Liga gerade in einen Skandal verwickelt ist. Trotzdem sind die Italiener die interessanteste Mannschaft dieses Turniers. Weil sie uns gezeigt haben, was pure Willenskraft erreichen kann. Weil sie uns überrascht haben. An das Wort Willenskraft würde man bei Spanien nie denken, obwohl es gar keine Frage ist, das zu der Leistung der letzten vier Jahre eine enorme Willenskraft dazugehört.

Aber die Italiener: chronisch tiefstapelnd, mit Balotelli, der extravagant, extrovertiert und extrem ist, trotzdem integriert wurde, mit vor allem Pirlo, dem Taktgeber, der alle Augenblicke immer das komplette Spiel verändern kann, der Rhythmen wechselt, der trickst und antäuscht, mit Montolivo, der sich und seine Fähigkeiten in diesem Turnier erst wirklich entdeckt, mit Buffon, der wie einst Kahn den Bayern der italienischen Mannschaft von hinten ein Gerüst gibt – dieses Italien hat sich gerade fußballerisch komplett neu erfunden.

Was man an ihnen bewundern muss, ist das krasse Gegenteil der Spanier: Ihre extreme Anpassungsfähigkeit. Und ihr Anarchismus. Die Italiener beweisen, wie erfolgreich Anarchismus sein kann – wenn man ein bisschen Ordnung dazu gibt, ihm einen Rahmen gibt. Was natürlich einerseits dann wieder das Gegenteil von Anarchismus ist, andererseits gerade ein anarchistischer Umgang mit Anarchismus.

Man könnte jetzt auch noch sagen: Sacco und Vanzetti. “Here’s to you Nicola and Bart…”

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Trotzdem: Spaniens unverkrampft-leichtes Offensivspiel ist oft kopiert, aber nie erreicht worden. Schon gar nicht von den Italienern. Die haben ein bisschen über ihre Verhältnisse gespielt. Das wird nicht immer so weitergehen.

Die Konstellation heißt Kalkül gegen Leidenschaft, Rationalität gegen Kraft, Torero gegen Bulle.

Das spanische Spiel ist geprägt von Intelligenz und Geduld. “Sosiego”, “Seelenruhe” war angeblich das Lieblingswort von Philipp II., dem Stoiker auf Spaniens Königsthron, der im 16. Jahrhundert den Escorial bauen ließ, Schönheit, Klugheit, taktische Finesse kommt hier zusammen.

Das Spanische Spiel ist wie Screwball auf den Rasen: Schön, geistreich, schnell, elegant, überraschend und begeisternd in seiner Künstlichkeit. Eine ausgeklügelte Choreographie, die Leichtigkeit und Disziplin kombiniert.

Sie sind nicht ausrechenbar.

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Bestätigt zu werden, kann enttäuschend sein. Mein Gefühl in der ersten Halbzeit Italiens gegen Deutschland, als sich alles bestätigte, was ich mir vorher so gedacht hatte, war Erschöpfung, Ermattung, war nicht Freude über die Rechthaberei, sondern eher ein: Schade, dass ihr es nicht schafft, mich zu überraschen. Das war es genau, was mir an den Italienern zuvor gefallen hatte: Sie hatten mich überrascht, sie waren viel besser gewesen, als ich je vermutet hätte. Und sie drehten alle Klischees um, die ich über italienischen Nationalmannschafts-Fußball im Kopf gehabt hatte.

Hier alle Texte des EM Blogs 2012.

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