
Skyler steigt das blaue Meth zu Kopf.
Waiting for the cancer to come back- Skyler
Im letzten Sommer steckten die Produzenten von Breaking Bad in langen Verhandlungen mit dem produzierenden Sender AMC. Obwohl es eher unwahrscheinlich war, dass AMC sein Prestigeprojekt nach der vierten Staffel enden lassen würde, war das Ende dieser Staffel trotzdem vorsichtshalber so geschrieben, dass es halbwegs als Ende der ganzen Serie taugen würde: Walt hat Gus besiegt, Jesse und er sind wieder ein Team und seine Familie ist nicht mehr direkt bedroht. Doch die Serie ist noch nicht vorbei, Walts Geschichte geht weiter. In der Gesamtlogik der Serie ist das, was wir gerade sehen nur das letzte retardierende Moment, die Ruhe vor dem unausweichlichen Sturm, der alle Charaktere mitreißen wird. In Walts Vorstellung ist das Ende allerdings schon erreicht, er lebt das Happy End, das ihm kein Zuschauer mehr gönnen will.
In “Fifty-One”, der Episode, die das erste Lebensjahr Walts als Heisenberg abschließt, zieht er vor Hank, Marie und Skyler ein nostalgisches Resümee, eine kaum anzusehende Schmierenkomödie:
Has been quite a year, huh? […] But you guys, you got me through it somehow. There were times, when I was sure, I was done for. But then someone or something would come through for me.
Walt wünscht sich für das, was er erreicht hat, Anerkennung und Applaus. Er wünscht sich eine große Überraschungsparty, ordert sie praktisch an und ist enttäuscht wie ein kleines Kind, als er nicht das bekommt, was er sich gewünscht und auch verdient hat. Während seines langen selbstgefälligen Monologs geht Skyler immer weiter auf den Pool zu, der so blau leuchtet wie Walts Meth, und stürzt sich schlussendlich hinein. Sie kann die Schmierenkomödie ihres Mannes nicht mehr ertragen.
Wie ich schon in meinem Text zu “Live Free or Die” geschrieben habe, ändert sich die Haltung des Zuschauers gegenüber Walt immer weiter. Statt Mitleid für ihn zu empfinden, ist es bald nur noch die Faszination des Bösen, die weiterschauen lässt, so unerträglich ist er in seiner Familie geworden. Die Anerkennung, die ihm seine Familie verweigert – Skyler, weil sie das wahre Gesicht Walts kennt und Hank & Marie, weil sie viel zu sehr mit dem Ehebruch Skylers beschäftigt sind – verschafft Walt sich selbst. Im Cold Open der Episode schenkt er sich selbst eine nicht gerade unscheinbare Limousine und spendiert Walt Jr. den gleichen Dodge Charger, der ihm schon einmal gehören sollte. Auch die Uhr (eine TAG Heuer Monaco), die ihm von Jesse geschenkt wird, trägt er wie eine Trophäe am Handgelenk. Aber dazu später.
I thought you were the danger
“Fifty-One” konzentriert sich fast vollständig auf die familiären Konflikte der Whites, so wie es schon viele Folgen schon nicht mehr der Fall war – zuletzt vielleicht in “Bullet Points“. Die Struktur der Episode erinnert an die erste Staffel der Serie, in der das Zentrum das White’sche Wohnzimmer war, mitsamt Maries “talking pillow”. Diese Familienidylle, die schon damals keine war, wird nun wie durch einen Zerrspiegel noch einmal beleuchtet und zeigt den zerstörerischen Einfluss Walts auf das gesamte Familienleben. Diese Verzerrung wird hier aber nicht nur durch die Figuren deutlich, sondern auch durch die Kinematographie. In der ersten Staffel regierten noch warme Farben und Herbsttöne, die Poolpartys der Whites fanden immer in hellem Sonnenschein statt. In Staffel 5 kommt das bestimmende Licht vom methblauen Pool, der die ganze Szene ausleuchtet. Die Nacht legt sich wie ein dunkler Schleier über alle Charaktere. Marie trägt ihr typisches Lila, Walt ein dunkelblaues Hemd, Skyler eine weiße Bluse und einen hellblauen Rock, ein weiteres Symbol für ihre Komplizenschaft im Meth-Business ihres Mannes. Nur Hank hat sich scheinbar nicht verändert, bleibt er doch seinen Erdfarben (They are minerals, Marie!) treu.
Hank war ohnehin in den letzten Folgen nicht sonderlich präsent, kehrt aber in “Fifty-One” wieder auf die Bildfläche zurück. Gemeinsam mit Gomez und zwei lokalen Polizisten durchsucht er die Lagerhäuser von Madrigal Electromotive und kommen so der Komplizin Lydia bedrohlich nahe, was ihr ohnehin schwaches Nervengerüst noch mehr zerrüttet. Als ihr Vorarbeiter verhaftet wird, springt Jesse für die Abholung des Methylamins ein – nur um festzustellen, dass jemand einen GPS-Empfänger an das Fass geheftet hat. Für Mike ist die Sachlage klar: Lydia versucht ihn und seine Crew davon abzuhalten, weiterhin mit ihr zusammenzuarbeiten. Für diesen Verrat soll sie nun sterben. Jesse versucht Mike davon zu überzeugen, dass er nicht genau wisse, dass das DEA nicht wirklich den Sender am Fass angebracht hat. An dieser Stelle zeigt sich eine weitere Veränderung an Jesse: Seit er Walt in “End Times” die Kanone an die Stirn hielt und fast abgedrückt hätte, ist er mit seinen Entscheidungen sehr umsichtig geworden und weniger impulsiv als früher. Wie sehr ihm dieser Beinahe-Mord noch heute nahegeht, wurde schon in “Madrigal” deutlich, als Jesse vor Walt in Tränen ausbrach. In der heutigen Episode findet sich die rationale Variante dieses anhaltenden Schuldgefühls.
Die Gabe
In Marcel Mauss‘ berühmter Studie “Die Gabe” (Essai sur le don) untersucht Mauss die Regeln des Schenkens in verschiedenen archaischen Gesellschaften und kommt zu einem Schluss: In einem Geschenk mischen sich Person und Sache, weshalb alle Gesellschaften erfordern, dass man ein Geschenk auch annimmt. Geschenke konstituieren die soziale Ordnung. Auch die Uhr, die Jesse Walt schenkt, ist mehr als nur eine Uhr. Es ist ein Zeichen der Versöhnung und des Respekts und wird von Walt auch nach außen hin so getragen. Ein Insignie der Macht, die den Respekt, der ihm von anderen gezollt wird, zeigen soll. Dabei hat die Uhr natürlich auch eine symbolische Bedeutung. Walt hat die Zeit, die ihm verbleibt, selbst in der Hand. Er ist der nicht hinterfragte “man in charge”. In der zweiten Staffel sagte Walt oft zu Jesse, dass er nicht genug Zeit habe, mit Kleckerbeträgen für seine Familie zu sorgen. Seitdem der Krebs aber in Remission ist, wurde ihm aber Zeit geschenkt – und er will sie auch nutzen. Diese Selbstgestaltung der Zeit ist für ihn der Ausdruck seiner neu gewonnenen Autonomie. Für Mike ist sie das unaufhörliche Ticken einer Zeitbombe. Ein Ticken, das zum Ende dieser Episode zu hören ist. Kurz vor dem Ende zoomt die Kamera an die Armbanduhr heran. Zuerst sind die Minutenzeiger zu sehen, dann die Sekundenzeiger in Großaufnahme. Vier Sekunden bleiben, bevor die Uhr ein Geräusch von sich gibt, das klingt, als lade man eine Waffe. Vier Sekunden könnten für die verbleibenden vier Folgen der ersten Staffelhälfte stehen.
Danger: Entering 51
In “Fifty-One” kommt es endlich zu der großen Aussprache zwischen Walt und Skyler, gleich nachdem sie ihren Nervenzusammenbruch am Pool hatte. Sie hat Marie gebeten, die Kinder für ein paar Nächte zu sich zu nehmen, damit sie und Walt ihre Differenzen beilegen können. Dabei ist an dieser Stelle ein Kompromiss schon ausgeschlossen. Ein “Kompromiss” ist die Zerstörung des anderen, um das eigene Überleben zu sichern. Zu Beginn spielt Walt weiterhin den Mann, der er die vergangenen 50 Jahre wirklich war. Er versucht Skyler durch Argumente wieder auf seine Seite zu ziehen, scheitert allerdings. Wie schon zuvor ist nicht mehr klar, ob er seine eigenen Lügen nun auch wirklich glaubt:
Skyler, you can’t beat yourself up over this thing. Please! You didn’t set out to hurt anybody. You made a mistake and things got out of control. But you did what you had to do to protect your family. I’m sorry, it doesn’t make you a bad person, it makes you a human being.
Es ist die übliche Manipulation, die bei Jesse immer noch anschlägt, bei seiner Ehefrau aber schon lange nicht mehr funktioniert – ganz davon abgesehen, dass sie in dieser Situation schon ins absurd Zynische gesteigert wird. Als Walt spürt, dass sie nicht mit Argumenten zu überzeugen ist, tritt sein Gott-Komplex hervor. Es ist eine direkte Fortführung des “Because I say so” aus der ersten Folge dieser Staffel, die gleich eine Hierarchie dort aufbaut, wo eigentlich keine sein sollte. Walt kann es nicht mehr akzeptieren, dass irgendjemand ihm vorschreibt, was er zu tun und zu lassen hat. Die “Bullet Points”, die die vorsichtige Skyler in der letzten Staffel noch aufgestellt hat, gelten für den Megalomanen schon lange nicht mehr. Gilligan hat die Handlung der vierten Staffel oft mit einem dreizehn Folgen langen Schachspiel zwischen Walt und Gus verglichen. Walt hat in dieser Zeit gelernt, wie man seine Nächsten wie Schachfiguren benutzt und ist auch jetzt Skyler mehrere Züge voraus. Jeder ihrer Vorschläge, wie sie sich aus ihrer Situation befreien könnte, werden von der zwingenden Logik Walts abgewürgt.
Alles, was ihr bleibt, ist zu warten. Zu warten, dass der Krebs in Walts Körper zurückkehrt und ihn dahinrafft. Das Rauchen ist das Einzige, was sie tun kann, um das zu beschleunigen.
Kleinigkeiten:
- Skylers Aschenbecher in der vorletzten Szene könnte das Motto für die nächsten Folgen sein. Auf der Tasse steht vermutlich “Danger: Entering Area 51″, aber alles, was man sieht ist “Danger: Entering 51″.
- Auch in dieser Episode finden sich wieder popkulturelle Referenzen. Ironischerweise ist der Film, den Walt Jr. und Holly sehen RATATOUILLE, ein Film indem es darum geht, dass jeder kochen lernen kann.
- Einmal ganz davon abgesehen, dass Walts neues Auto nicht das unauffälligste ist: Ich werde den Pontiac Aztek vermissen.
- Wer von der nächsten Episode überrascht werden will, sollte sich auf keinen Fall das Promovideo ansehen. Walt scheint nun doch zu Jesse James zu werden.
- Hier noch der Song aus dem Cold Open:

