In populärwissenschaftlichen Werken über Film stehen öfters Listen kurioser Filmtitel und in diesen Listen findet sich nicht selten ein obskures Horrorprodukt mit dem klangvollen Namen REDNECK ZOMBIES und einer noch klangvolleren Tagline, die sich übersetzen lässt mit: „Eingeweide zerhackende, Tabak kauende Kannibalen-Hinterwäldler-Verwandschaft aus der Hölle“. Wenn Alex Chandon diese Zeile kennt, was seine äußerst blutrünstige Vorstellung von einem ländlichen Scheunentanz nahelegt, muss sie tief inspirierend auf den Regisseur und Drehbuchautor gewirkt haben. Das rabiate Resultat solch geistiger Anregung des berüchtigten B-Movie-Machers zeigt das diesjährige Fantasy Filmfest mit INBRED.
Der Name verdient selbst einen Eintrag in die Listen jener bizarr betitelten Billigfilme, denen das hemmungslose Splatter-Spektakel Tribut zollt. Die Hommage an den Hillbilly-Horror führt die straffälligen Jugendlichen Tim (James Burrows), Zeb (Terry Haywood), Dwight (Chris Waller) und Sam (Nadine Rose Mulkerrin) im Schlepptau ihrer selbstgefälligen Sozialarbeiter Kate (Jo Hartley) und Jeff (James Doherty) in das ländliche Mortlake. Der Ort in der hintersten Ecke des aus der Sicht der vier jungen Londoner bereits entlegenen Yorkshire und seine Anwohner wecken die volle Bandbreite städtischer Arroganz und sozialisierter Überheblichkeit bei ihren Gästen. Die sind selbstverständlich ungebeten, da die misstrauischen Einheimischen allem und jedem Fremden von Grund auf feindlich gesinnt sind. Zurückgeblieben ist Chandons Landvolk nicht nur technologisch, sondern vor allem intellektuell – falls man von einem Intellekt bei der gemeinen Gemeinde dümmlicher Dörfler überhaupt sprechen kann.
Die Sozialkompetenzen der Jugendlichen wiederum sind noch verrotteter als die Unterkunft, die sie zur Einübung von Teamarbeit herrichten sollen. Gemeinschaftsverhalten trainiert die Clique lieber bei einem Besuch der lokalen Kneipe. Die Spelunke mit dem treffenden Namen THE DIRTY HOLE ist als kollektiver Treffpunkt und Unterhaltungsstätte eine nur ihnen selbst vorbehaltene Institution für die Bürger Mortlakes. Dessen Oberhaupt Jim (Seamus O’Neill) ist auch Betreiber des Pubs, wo das Londoner Quartett erstmals das eigenwillige Verständnis der Ortsansässigen von Gastlichkeit kennenlernt. Der ungemütliche Empfang ist nichts im Vergleich zu der Unhöflichkeit, mit der Jim den bei einer Auseinandersetzung mit der Dorfsippe verwundeten Jeff den Kopf verlieren lässt. Ehrensache, dass Letzteres in „Inbred“ buchstäblich geschieht. Mit der Enthauptung eröffnet Chandon das Splatter-Büfett: eine eiskalt servierte Schlachtplatte, die vorrangig aus Hackfleisch besteht. Die Städter, die bisher den Landaufenthalt überlebten, werden von den Einwohnern in einen unterirdischen Verschlag gesteckt.
Der dient als Vorratskammer, in der die unfreiwilligen Kandidaten für die allseits beliebten Dorfgaudi verwahrt werden. Der ist eine Mischung aus Bauerntheater und Groteske, in der mal mehr, mal weniger originelle Mordmethoden erprobt werden. Wem ländlicher Ringelpiez von jeher suspekt war, der sieht seine Bedenken in INBRED bestätigt. Der ätzende Spott, mit dem Chandon seine Figuren überschüttet, lässt an keiner der gefestigten Fronten ein gutes Haar. Gerade dieses zügellose Überspitzen ins Absurde nimmt dem blutigen Bauerntheater sein satirisches Potential. Die Waffen, mit denen die Dorfdeppen und Stadtsnobs einander malträtieren, sind schlagkräftig und geschliffen; die Pointen und Schockmomente sind es nicht. Chandon hält nichts von Gruselspannung und erst recht nichts von Gesellschaftskritik, er schätzt nur Gore. Was das Verteilen von Körpergliedern und -organen angeht, bringt er es dafür zu bemerkenswerter Meisterschaft. Die Spezialeffekte sind in Einklang mit dem Setting rustikal und größtenteils Handarbeit, was ansehnlicher ist als zweitklassige CGI-Tricks und sogar einen Hauch Retro-Charme versprüht.
Dass Chandon vage bewusst ist, dass filmisches Grauen auch anders erzeugt werden kann, beweist eine frühe Szene, in der eine beängstigend menschliche Vogelscheuche von Dorfkindern gemartert wird. Solche perfiden Terrormomente sind jedoch selten, denn INBRED ist letztendlich selbst ein cineastisches Inzucht-Opfer, das gleich seinen Schurken zurückgeblieben ist: hinter der Originalität seiner radikaleren Vorbilder.


