Polens größtes Filmfestival „New Horizons“ in Wrocław (Breslau) präsentierte vom 19. bis 29. Juli in seiner 12. Ausgabe knapp 500 Filme, die, wie der Titel des Events erahnen lässt, in künstlerischer, aber auch zwischenmenschlicher Hinsicht neue Horizonte eröffnen sollten – und dies auch taten. Nicht nur die Filme sind sorgfältig ausgewählt, sondern auch Kommunikation wird bei dem Festival in der niederschlesischen Metropole großgeschrieben. Wenn jemand bei New Horizons einen polnischen oder internationalen Filmschaffenden, Journalisten oder Cineasten kennen lernen will, kann er das am Festivaltreffpunkt „Arsenal“, einem Gotikbau aus dem 15. Jahrhundert, problemlos und hierarchiefrei tun. Die Besucherzahl dieses exzellent organisierten Publikumsfestivals lag auch in diesem Jahr bei knapp 110.000.
Jeden Morgen pünktlich um 8:30 geht das große Klicken los. Dann bucht man auf dem Festival „Nowe Horyzonty“ (New Horizons) per Computer seine Tickets – und Trödelei wird bestraft. Jeder Film hat auf dem Bildschirm in einer Art Stundenplan sein mit Platzanzahl versehenes Kästchen, und ab der Stichzeit beginnt ein rasanter Countdown. Nun muss der zur frühmorgendlichen Uhrzeit nicht hundertprozentig fitte Festivalbesucher alle seine Reflexe mobilisieren, um den gewünschten Film so schnell wie möglich anzuklicken. Den Rekord hat dieses Jahr nach meiner Erfahrung Hanekes LIEBE aufgestellt: Er war in ca. 10 Sekunden weg. Bei Leos Carax’ HOLY MOTORS hieß es immerhin nach 20 Sekunden „rien ne va plus“, die Filme der Dusan-Makavejev-Retrospektive waren auch immer in unter einer Minute weggeklickt, während der neue Cristian Mungiu, BEYOND THE HILLS für die letzte Vorstellung am Freitag erstaunlich lange zwei Minuten bis zur Ausbuchung brauchte.
Jeder akkreditierte Festivalbesucher verfügt über ein Konto von maximal 55 Punkten, pro gebuchten Film wird ein Punkt abgezogen und bis 15 Minuten vor Beginn der Vorstellung kann man die Buchung stornieren, womit auf dem Bildschirm die Platzanzahl wieder nach oben korrigiert wird – und Pechvögel doch noch auf ihre Kosten kommen können. Wer nicht zur Vorführung erscheint und die Reservierung nicht annulliert, wird mit fünf Minuspunkten abgemahnt. Am Saaleingang scannen die (wirklich!) freundlichen Festivalmitarbeiter die Akkreditierung des Besuchers, und man darf rein. Papiertickets ersteht nur eine Minderheit an Last-Minute-Schaltern.
Dieses Buchungssystem hat für professionelle Besucher zwar auch Nachteile, da es für sie kaum Kontingente gibt. Doch andererseits ist es effektiv, dynamisch und auf dem Stand der Zeit: drei Eigenschaften, die auch auf Polens größtes Festival insgesamt zutreffen. Der internationale Wettbewerb, der Wettbewerb „Films on Art“ und zwei Kurzfilmwettbewerbe sowie diverse zusätzliche Reihen und Retrospektiven bieten dem Cineasten definitiv mehr als er – über die erlaubten 55 Filme hinaus – gucken kann.
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Da das Festival in Polen angesiedelt ist, picke ich zwei polnische Filme zur Betrachtung heraus.
Leszek Dawids neuer Film YOU ARE GOD (JESTES BOGIEM) war zwar nur im Rahmen der Filmindustrie-Veranstaltung „Polish Days“ und der kleinen Reihe „Gdynia in Wroclaw“ zu sehen, dennoch wird er in Polen mit Spannung erwartet, erzählt er doch die wahre Geschichte des polnischen Hip-Hop-Trios „Paktofonika“, das jenseits der Oder Kultstatus genießt. Der Film beginnt mit dem Ende der Band, als ihr Leadsänger und künstlerischer Kopf „Magik“ (Marcin Kowalczyk) bereits nicht mehr lebt. Im Anschluss wird in Rückblenden die Entstehung der Gruppe aufgezeigt. Alle drei Jungs – die anderen beiden nannten sich „Rahim“ (Dawid Ogrodnik) und „Fokus“ (Tomasz Schuchardt) – leben in tristen Plattenbausiedlungen in der Nähe von Katowice. Fokus absolviert ausgesprochen lustlos eine Schlosserlehre, Rahim hilft im Geschäft seines Vaters aus.
Der charismatische Magik wiederum ist bereits eine Szene-Größe. Zur Ruhe kommt er nie. Alle wollen etwas von ihm: ihm ihre Beats vorspielen, seinen Rat einholen oder ihn auch einfach nur sprechen (oder anfassen). Doch trotz seines Status’ als Provinz-Zelebrität durchlebt Magik immer wieder Phasen von Apathie und Depression. Als die drei Jungs schließlich „Paktofonika“ gründen, vereinen sie sich durch ihre komplementären Temperamente und Stile zu etwas Besonderem.
Bemerkenswert an dem Film von Leszek Dawid (dessen Erstling ICH HEISSE KI in Cottbus den FIPRESCI-Preis gewann) ist nun, dass ein Gefühl des Triumphs oder der Befriedigung über den Erfolg nie aufkommt. Zwar erfreute sich das Trio größter Beliebtheit bei der polnischen Jugend und auch seine Platten verkauften sich gut. Doch die Früchte des Erfolgs können die Bandmitglieder im Film nie ernten.
Wiederholt werden sie Opfer von Betrügern, die sie mit einmaligen Kleinstgagen abspeisen und sie auch bei den Aufnahmen der Songs übers Ohr hauen. Tantiemen sehen die drei jungen Künstler für ihre aggressiven Rap-Stücke hier nie. Magik muss sich ständig kleine Beträge zusammenbetteln und ist, wie seine beiden Kumpels auch, ständig pleite. Auch seine Ehe ist bald am Ende.
Das realistisch-fatalistische Bio-Pic ist in graustichigen Bildern gehalten. Schlechte Wohnverhältnisse, Beziehungsprobleme und ein eklatantes Missmanagement durch einen wohlmeinenden aber unfähigen Manager tun ein Übriges, um die drei jungen Protagonisten scheitern zu lassen. Doch von White-Trash-Kitsch, den ein nur bedingt vergleichbarer Film wie 8 MILE durchaus anklingen lässt, ist YOU ARE GOD weit entfernt. Die Familien der drei Jungs haben zwar wenig Verständnis für die brotlose Kunst ihrer Söhne, aber meistens pflegen sie ein durchaus liebevolles Verhältnis zu ihnen.
So bleibt auch dem „Paktofonika“-unkundigen Zuschauer am Ende ein Gefühl des Verlustes über unsägliches Pech, vergeudetes Talent und eine Band, die das Unglück hatte, zu einer Zeit aktiv zu sein, als Hip-Hop-Künstler in Polen offensichtlich noch keine Vermarktungschancen hatten.
Ein gänzlich anderes thematisches und stilistisches Feld beackert dagegen Tomasz Wasilewskis IN A BEDROOM (W SYPIALNI). Womöglich sagt es ja auch ein wenig über die verschiedenen Generationen und das Geschlechterverständnis in Polen aus, dass männliche polnische Festivalbesucher über 40, mit denen ich über den Film sprach, ihn komplett ablehnten, während er polnischen Frauen allen Alters gefiel.
Diese filmische Charakterstudie ist vollkommen auf ihre Protagonistin zugeschnitten: Edyta (Katarzyna Herman) ist eine Drifterin. Gleich zu Anfang des Films sieht man sie das Badezimmer eines Hotels inspizieren, das sie anschließend zu einer ausgiebigen Körperpflege nutzt. Doch außer ihrem Auto und einigen Kleidern scheint sie nichts zu besitzen, eine feste Bleibe hat sie offenbar auch nicht. Im Supermarkt isst sie in unbeachteten Momenten aus Joghurtbechern oder lässt andere Lebensmittel mitgehen.
Das Mysterium um die ca. 40-Jährige wird noch dahingehend verstärkt, dass der Zuschauer sie nun dabei beobachtet, wie sie sich mit Männern im Internet verabredet. Sie sucht die mal mehr, mal weniger betuchten Herren in deren Häusern und Wohnungen auf. Aber bevor es zu dem scheinbar verabredeten Sex kommt, flößt sie ihren Gastgebern ein Schlafmittel ein, das diese für die nächsten paar Stunden kampfunfähig macht. Anstatt die ahnungslos vor sich hin schnarchenden Männer nun um ihre Kreditkarten und Wertsachen zu erleichtern, widmet Edyta die gewonnene Zeit wieder der Körperhygiene, Baden und Haarewaschen inklusive. Sie klaut ihren Dates höchstens ein paar Lebensmittel oder Geldscheine, um sich einen weiteren Hotelaufenthalt zu finanzieren.
Natürlich können Edytas Spielchen nicht endlos weitergehen. Als die Schlaftablette bei ihrem nächsten potentiellen Opfer Patryk (Tomasz Tyndyk) versagt, muss sie improvisieren. Und Tomasz erweist sich als eine Gattung Mann, auf dessen Offenheit und Sensibilität weder Edyta noch der Zuschauer gefasst waren. Zwar flüchtet Edyta anfangs, doch dann kehrt sie zu Patryk zurück.
Enigmatisch bleibt zwar auch die Beziehung der beiden Helden zueinander, aber den einen oder anderen Einblick hinter die bizarre Fassade der Frau erhält der Zuschauer nun trotzdem. Doch um die Aufklärung von Edytas Gebaren (worüber der Film dann am Ende vielleicht doch zu viel verrät) geht es weniger, als darum, wie eine verstörte Frau sich wieder auf einen anderen Menschen einlässt. Kaschierte Blessuren, aber auch Vertrauen und Nähe drücken sich hier weniger in Dialogen als in Gesten, Blicken und Berührungen aus.
Beruf, soziales Umfeld oder gesellschaftliche Verpflichtungen blenden Edyta und Tomasz aus und geben sich ganz ihrer flüchtigen, aber intensiven Beziehung hin: Sie ist sowohl kindlich naiv als auch von wachsender sexueller Anziehung geprägt.
IN THE BEDROOM erzählt von einer Emanzipation, aber in einem zeitlosen, fast märchenhaften Raum, in dem beide Helden womöglich zum ersten Mal so etwas wie Sorglosigkeit und Freiheit empfinden. Die beiden Schauspieler machen ihre Sache hervorragend, und es macht großen Spaß, ihnen bei ihrem gegenseitigen Herantasten aneinander zuzusehen. Warum polnischen Männern eines gewissen Alters dieser Film – mit diesem Prachtexemplar von einem Geschlechtsgenossen als Haupthelden – missfällt, stellt ebenfalls ein Mysterium dar.



