Zweikampf der Biester – Venedig 2012, Folge 7


PASSION ©La Biennale di Venezia – ASAC

De Palma, Balabanov und der einzige deutsche Beitrag

Venedig-Blog, Folge 7

Zwei Frauen blicken in einen apple-Computer, und damit uns an, zusammen mit dem Apple-Logo, das bekanntermaßen angeblich durch jene berühmte Anekdote inspiriert wurde, nach der Isaac Newton das Gravitationsgesetz durch einen fallenden Apfel entdeckt habe. Der angebissene Apfel könnte sich aber doch auch auf die biblische Geschichte vom Baum der Erkenntnis und die Vertreibung aus dem Paradies beziehen, auf den Sündenfall. Im Zusammenhang mit diesem Film, macht diese Interpretation jedenfalls mehr Sinn.

Das übertrieben offenkundige Product Placement auch, erzählt Brian De Palma hier doch eine Geschichte aus der Welt des Marketing.

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PASSION ©La Biennale di Venezia – ASAC

PASSION heißt De Palmas neuer Film. Was natürlich als erstes die Frage nahelegt, wer hier denn für wen oder was passioniert sei? In jedem Fall zwei Frauen, zunächst für, dann auch gegeneinander. Christine ist die Blonde (Rachel McAdams), wie im klassischen Film Noir auch hier kalt wie Eis. Eine Werbechefin. Die Dunkelhaarige (Noomi Rapace) ist ihre Assistentin und unsere Sympathieträgerin. Im Zentrum steht die mit allen Mitteln ausgetragene Konkurrenz zwischen den beiden Frauen, um Männer wie um Karriere. Man sieht vor allem dies: Frauen, die die besseren Männer sind, zugleich Hysterikerinnen, am Rande des Nervenzusammenbuchs. Und die Chronik einer angekündigten Katastrophe.

Seit jeher fühlt sich De Palma der ehrwürdigen Tradition des Thrillers verpflichtet. Sein neuer Film spielt in Berlin, ist gespickt mit deutschen Darstellern, allen voran Karoline Herfurth. De Palmas großes Vorbild ist seit jeher Alfred Hitchcock und auch der drehte einst mit DER ZERRISSENE VORHANG einen Berlin-Film. Die Themen haben seit 1966 allerdings gewechselt, und statt des Ost-West-Konflikts nimmt de Palma daher die Abgründe der PR-Branche aufs Korn, die unsere Welt kaputt macht: PASSION handelt von komplex verstricken Leidenschaften, von Sex and Crime, von Anschein und Wirklichkeit.

Irgendwann wir dann die Blonde Christine brutal ermordet wird, und man verdächtigt gleich auch als Zuschauer die Konkurrentin – und die Wahrheit war eigentlich schon klar, als wir Isabelle nach 10 Minuten beim Fremdgehen erwischten.

Spiele, Überraschungen, Ideenklau, Treppen und Masken sind so die Leitmotive und Fetische des Films, der grob nach Alain Corneaus CRIME D’AMOUR angelegt wurde.

Brian De Palma ©La Biennale di Venezia – ASAC

De Palma inszeniert wie gewohnt sehr relaxed und straight, dabei voller Lust für die eigenen Passionen: Direkte und indirekte Hichtchock-Zitate, und ein paar De Palma-Zitate. PASSION ist auch lustig, und der Regisseur gewinnt dem Schauplatz Berlin viele ungewohnte Seiten ab, ohne dauernd Denkmäler abzufilmen um finanzielle “Berlin-Effekte” zu generieren. PASSION hat großartige Szenen, Alptraumeffekte. Man merkt allerdings auch, dass die Produktion viel zu wenig Geld hatte: De Palma ist ein Regisseur der Schauwerte, er muss visuell klotzen und protzen können, um als Auteur sichtbar zu werden.

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“Parlez vous francais?” – ich dachte, ich werde nach dem Weg gefragt, sage ja, plötzlich zückt die kleine Dame ein Mikrophon und ich gebe dem französischen Fernsehen ein Interview zu De Palma – auf Französisch. Hm. “Citacions de Hitchcock et de soi meme… domage qu’il n’a pas d’argent suffisant…” Wie sich das wohl anhört. “Mais il est un grand auteur!” Genau!

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Manchmal sieht dann alles aus wie ein deutsches Fernsehspiel. Es gibt auch zwei drei Szenen, die sind völlig übertrieben, schlecht gespielt und inszeniert – ein TATORT von De Palma wär allerdings auch mal was.

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I ALSO WANT IT ©La Biennale di Venezia – ASAC

Mit Alexeij Balabanow hat De Palma gemeinsam, dass beide nur tun, was ihnen Spaß macht. I ALSO WANT IT heißt der neue Film dieses besten russischen Regisseurs. Nach 2raumwohnung fragt auch er: “Sind wir glücklich?” Und wenn ich jetzt sage – was stimmt – der Film wirke, als hätte Dostojewski einen Science-Fiction-Roman geschrieben, dann klingt das viel besser, als es ist: Ein manisch-depressiver Film, den man vielleicht noch mal außerhalb eines Festivals in Ruhe angucken muss.

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DU HAST ES VERSPROCHEN ©La Biennale di Venezia – ASAC

Eine Doppelgängergeschichte und vertauschte Identitäten ist auch der einzige deutsche Beitrag: DU HAST ES VERSPROCHEN von Alex Schmidt läuft außer Konkurrenz. Die Regisseurin war bis vor kurzem Studentin in Potsdam, und die Einladung ins Programm von Venedig ist ein toller Erfolg. Am Ende ist ihr Film aber nicht mehr, als solide gemachtes Horrorkino über drei Freundinnen, von denen eine in ihrer Kindheit traumatisiert wurde, und sich an den beiden anderen rächt. Im Gedächtnis bleibt vor allem Mina Tander in einem klugen, ungewöhnlichen Auftritt in der Hauptrolle. Und dass wir das jetzt hinschreiben, liegt wirklich nicht nur daran, dass wir mit der leider unter Wert gehandelten Darstellerin gestern in unserer Stammbar “Maleti” sehr angenehm geplaudert haben.