Anna Karenina


Auf der Bühne beginnt das Schauspiel und auf der Bühne endet es. Dort kommt Joe Wright her und ebenso die Gestalten seiner meisterlichen Melodramen, wenn auch in grundverschiedener Art. Für den Regisseur und Dramatiker ist die Bühne die des Theaters, wo seine Karriere begann und dessen Welt er sich mit der karnevalesken Romanadaption innig verbunden zeigt, für die Figuren des Lebens. Die darauf gegebene Vorführung voll süßer Tragik und bitterer Komik ist zerrissen zwischen der grandiosen Inszenierung in prächtigem Rahmen und dem vulgären Chargieren Keira Knightleys in einer der größten aller Rollen: ANNA KARENINA.

Leo Tolstois ewige Heldin wird für 130 Minuten die von Wrights flüchtigem Bühnenstück. Eine „Operette“ nennt es Graf Vronski (Aaron Taylor-Johnson) und verrät damit seine Gedankenlosigkeit gegenüber dem Geschehen, das für seine Ballgefährtin Kitty (Alicia Vikander) eine Romanze ist, für ihren aufrichtigen Verehrer Levin (Domhnall Gleeson) eine Gesellschaftsstudie, für Levins Kameraden Oblonsky (Matthew Macfadyen) ein Sittengemälde, ein Ehedrama für Oblonskys Gattin Dolly (Kelly Macdonald) und eine Liebestragödie für Dollys Schwägerin Anna (Keira Knightley). Die Ehefrau des zwanzig Jahre älteren Staatsmannes Karenin (Jude Law) lässt sich in der Anfangsszene wie für einen Bühnenauftritt ankleiden, versunken in die Lektüre eines Briefes. Er ruft die Petersburgerin fort von ihrem reservierten Gatten und dem kleinen Sohn Serozha (Oskar McNamara) nach Moskau, um eine „Sünde“ zu versöhnen, der sie selbst erliegen wird: Untreue.

Das schmerzliche Paradox von ANNA KARENINA ist, dass sie als einzige der feinen Gesellschaft treu ist: gegen ihren Bruder, den sie ohne die Doppelmoral begrüßt, mit der sie später öffentlich gerichtet wird, Serhoza, den zurückzulassen sie ablehnt, Vronski, für dessen Zuneigung sie alles zu opfern bereit ist, auf gewisse Weise sogar gegen Karenin, dessen strenges Urteil sie erträgt. Vor allem aber bleibt sie ich selbst treu. Die Authentizität der Emotionen trennt Anna von der scheinheiligen Oberschicht, erst mental, später sozial. Die sittliche Künstlichkeit gestaltet Wright als Opernkulisse, in der sich die Haupthandlung abspielt. In dem sich in aufwendigen Planszenen verwandelten Bühnenbild gibt es kein Sein, nur Scheinen, So-tun-als-ob und Sich-ausgeben-für. Heuchelei wird nicht nur geduldet, sondern eingefordert. So auch von Karenin gegenüber Anna, der er die Untreue verzeihen kann, nicht aber den Skandal. Ihn umschwirren die Protagonisten, deren komplexes Beziehungsgeflecht knappe Berührungen, manchmal nur ein einziger Blicke verraten, als wäre die Liaison selbst eine Nebenhandlung.

Sie dient Wright als Folie für ein sardonisches Panorama einer Zeitmoral, die nicht sehr verschieden von der gegenwärtigen ist. Der Bruch mit den Normen ihrer Gesellschaftsklasse bedeutet für Anna Entsagung statt Befreiung. Wenn letzte überhaupt existiert, dann fern der Stadt auf Levins Grundbesitz. Dem naturverbundenen Gutsherrensohn öffnet sich die Weltbühne auf ein eisiges Winterland. Es ist malerisch, doch dabei von einer Trostlosigkeit, die Anna noch mehr den Atmen abschnürt als Etikette. „Ich bin nicht Teil der Moskauer Gesellschaft.“, sagt sie anfangs in unbewusster Voraussicht ihrer Abteilnachbarin Gräfin Vronskaya (Olivia Williams). Der Zug, in dem die Frauen sitzen, wird Anna am Ende zermalmen wie bei ihrer Ankunft einen Bahnarbeiter. Dessen Unfalltod verursacht ein bloßer Handkuss Vronskis und von da an steigert jedes Begehren das Rattern der Räder, die sich in Fächerwedeln und Hufdonner ankündigen. „Verlassen wir diese Operette“, ersucht Vronski einmal mitten im Tanz seine Partnerin, deren befreiende Schlusstat wie eine späte Reaktion auf die Bitte wirkt.

Knightleys ANNA KARENINA weiß um die Macht des Pathos, genau wie Wrights ANNA KARENINA. Dies ist die einzige Gemeinsamkeit des gezügelten Ensemblestücks und der überzogenen Darbietung im Zentrum einer Adaption, der man sich dennoch hingeben muss. Wie Gräfin Vronskaya sagt: „Besser im Nachhinein bereuen als von vornherein verzichten.“

 

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