Spirituelle Idyllen und Kinderblicke


BEASTS OF THE SOUTHERN WILD

Es ist eine seltsame Idylle, in der die kleine Hushpuppy (Quvenzhané Wallis) mit ihrem meist alkoholisierten und an einer gefährlichen Blutkrankheit leidenden Vater Wink (Dwight Henry) lebt: Eine halbverfallene Hütte, schon so zugewachsen, dass man kaum erkennen kann, wo das natürliche Gestrüpp endet und die Wohnstätte der Menschen beginnt. Im wuchernden Garten, der nahtlos in die titelgebende Wildnis des amerikanischen Südens übergeht, liegt ein schwarzes Wildschwein inmitten alter Autoreifen. Eine der ersten Einstellungen zeigt, wie Hushpuppy ein undefinierbares, halb organisch und halb künstlich wirkendes Etwas modelliert, das sich dann als provisorisches Nest entpuppt, in das Hushpuppy ein Küken setzen will.

Kurz gesagt: Die Grenzen zwischen Kultur und Natur zerfließen in der „Bathtub“, wie ihre Bewohner diese kleine (und übrigens fiktive) Enklave südlich von Louisiana nennen, genauso wie die Grenzen zwischen Mensch und Tier. Hushpuppy (der Name sagt schon alles) muss sich bei der Fütterung ihr Essen mit den Tieren teilen oder macht sich wie selbstverständlich eine Dose Katzenfutter auf.

Das Katzenfutter zum Mittagessen ist auch ein Zeichen für die bittere Armut, die in der Bathtub herrscht. Dennoch scheinen die Bewohner glücklich zu sein, jedenfalls wird viel gefeiert und getrunken in der Community, ein Arbeitsalltag wird nicht gezeigt, die Einwohner leben wohl wie alle echten Idyllenbewohner von ihrer Viehhaltung.

©MFA Filmdistribution

Hushpuppy liefert in ihrem Off-Kommentar die passende Naturphilosophie zu den grenzüberschreitenden Bildern: Alles im Universum hängt zusammen und auch sie als kleines, unter gesellschaftlichen Außenseitern lebendes Mädchen, ist ein Teil davon.
Das vom Film entworfene Naturbild ist aber – anders als man es durch den Off-Kommentar befürchten könnte – alles andere als romantisch oder harmonisierend verklärt, das Universum erscheint hier vielmehr als großes Fressen-und-Gefressen- werden. Für den Menschen gilt es, sich einen Platz in dieser Nahrungskette zu sichern: Eine Lehrerin, soweit man in den anarchischen Bathtub von einem solchen Beruf sprechen kann, impft Hushpuppy und den anderen Kindern ein, dass Tiere primär aus Fleisch bestehen, und für den Menschen dasselbe gilt. In unsentimentalen Bildern zeigt der Film dann auch wie Wink seine Tochter in die Fischerei einführt.

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BEASTS OF THE SOUTHERN WILD von Langfilmdebütant Benh Zeitlin spielt an einem fiktiven Ort zu einer unbestimmten Zeit, in der das, vor dem wir klimabewegte Zeitgenossen jetzt schon Angst haben, tatsächlich eintritt: Die Polkappen schmelzen und lassen vom Meer her das Mississippi-Delta überschwemmen.

Es gehört zu dem Wesen jeder Idylle, dass sie durch eine materielle Grenze von der feindlichen oder auch nur gewöhnlichen Außenwelt abgeschottet ist. Im Falle der Bathtub ist dies ein Damm, der die Kommune von der nächsten Stadt abgrenzt, die nur von weitem als hässlicher Industriekomplex zu sehen ist. Um das alle Vegetation bedrohende Salzwasser zu vertreiben, sprengt Wink mit ein paar anderen Bewohner und der Hilfe seiner Tochter den Damm und lässt damit das Wasser aus der Badewanne ab. Und schon dringt prompt die Außenwelt bedrohlich in die Idylle ein, in der Gestalt von Beamten, die das Gelände der Bathtube evakuieren wollen, dort aber nicht erwünscht sind.

Hier zeigt sich nicht nur die uramerikanische Skepsis gegenüber Autoritäten und Behörden, sondern der Film lässt sich auch als Reflex auf die den Süden immer wieder heimsuchenden Hurrikans deuten – vor allem „Katrina“ von 2005 hat sich tief ins medial vermittelte kollektive Unterbewusstsein eingegraben mitsamt der Kritik an der Politik, die im Bewusstsein der „Katrina“-Opfer ja zu spät regiert hat.

Der Film spricht diese Kritik aber nicht offen politisch aus – die helfenden Beamten werden nicht, wie es oft in vergleichbaren Szenen in Katastrophen- oder Science-Fiction Filmen geschieht, als gleichgültig oder dämonisch gezeigt – sondern bewertet das Engagement der Behörden als Eingriff in die natürliche Ordnung. Hushpuppy sieht das Behelfslager, in das die Bathubianer schließlich eingeliefert werden, nicht als Gefängnis, sondern als Aquarium, aus dem man das Wasser abgelassen hat.

In einer der berührendsten Szenen des Films sehen wir Hushpuppy, die sonst immer in kurzen Hosen und mit einem wilden Afro-Schopf herumläuft, im Lager in einem langen Kleid und mit gebändigten, nach hinten gebundenen Haaren. Darin erinnert sie an die in puritanische Gewänder gezwungene Pocahontas in Terrence MallicksTHE NEW WORLD, auch eine aus ihrer Idylle verdrängte Figur.

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Überhaupt drängt sich immer wieder der Vergleich mit Terrence Malicks Filmen auf. Stilistisch in der stets bewegten Kamera, in den assoziativen Schnitten und den von natürlichen Elementen wie Ästen gerahmten Bildern.

Inhaltlich lässt BEASTS OF THE SOUTHERN WILD vor allem an THE TREE OF LIFE denken. Hier wie teilweise in THE TREE OF LIFE ist die Erzählung konsequent aus der Perspektive eines Kindes vermittelt, welches ein anderes Gefühl für Zeit, Raum und Logik besitzt als wir erwachsene Zuschauer, was die assoziative Erzählweise beider Filme erklärt.

BEASTS OF THE SOUTHERN WILD lässt sich also nur angemessen verstehen, wenn man ihn als Mindscreen der kindlichen Hauptfigur versteht: Ob die Polkappen tatsächlich schmelzen oder ob „nur“ ein weiterer Hurrikan die südliche Wildnis der USA heimgesucht hat, lässt sich nicht letztgültig entscheiden, da der Film uns in die kindliche Vorstellungswelt von Hushpuppy zieht.

Das Mädchen hatte gerade von den Polkappen und ihrer drohenden Schmelzung, die das Gleichgewicht des Universums durcheinanderbringt gelernt und projiziert diese Ur-Angst nun möglicherweise auf ein normales Naturereignis.

©MFA Filmdistribution

Auch die prähistorischen Auerochsen, die im Polareis konserviert waren und nach der Schmelze wieder die Welt durchstreifen und bei manchen Kritikern für Irritation sorgten, lassen sich unschwer als Projektion der kindlichen Phantasie erkennen. Sie sehen schließlich aus wie gigantische Versionen der Hausschweine, die zu Beginn zu sehen waren und die Lehrerin hatte den Kindern kurz zuvor von ihnen erzählt. Diese titelgebenden Bestien verkörpern am deutlichsten die rohe, aber als selbstverständlich betrachtete Seite der Natur.

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BEASTS OF THE SOUTHERN WILD liefert in starken Bildern – selten sah man so hübsch-hässliche Naturbilder – eine kühne soziale Utopie, die aufs Neue das amerikanische Ideal des Kommunitarismus, einer sich selbst helfenden und unterstützenden Gemeinschaft beschwört. Um diese spirituell überhöhte Utopie goutieren zu können, muss man sich auf die Perspektive eines Kindes einlassen.

Das Naturbild entspricht in nahezu allen Details einem kindlichen, magisch-animistischen Verhältnis zur Außenwelt, etwa wenn Hushpuppy ein Küken wie ein Handy ans Ohr hält, um Kontakt mit dem Universum aufzunehmen oder ein altes Michael Jordan-Trikot als Totem benutzt, über das sie mit ihrer abwesenden Mutter kommuniziert. Das alles ist rührend, niedlich und oft auch sehr komisch, manchmal natürlich auch provozierend altklug.

Damit gehört BEASTS OF THE SOUTHERN WILD zu einer aktuellen Entwicklung des westlichen Kinos, zu der auch die neueren Filme Malicks, Gaspar Noes ENTER THE VOID oder zuletzt CLOUD ATLAS gehören und etwa im asiatischen Kino eines Apichatpong Weerasethakul (UNCLE BOONMEE ERINNERT SICH AN SEINE FRÜHEREN LEBEN) längst Usus ist: Filme, die selbstbewusst und ohne Ironie eine spirituelle Weltsicht vertreten, auch wenn es wie hier „nur“ durch die Augen eines Kindes geschieht.