Videospieljournalismus: Interview mit Volker Bonacker



Vorbei sind die Zeiten, in denen Videospiele ein Nischendasein gefristet haben. Heute gehören sie als akzeptiertes Kulturgut zum festen Bestandteil unserer Gesellschaft und können sowohl jung als auch alt gleichermaßen unterhalten. Sie brechen ökonomische Rekorde und können mittlerweile selbst gestandene Hollywood-Produktionen an den Kassen übertrumpfen. Ja, Videospiele sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Doch wo Lob ist, kann die Kritik nicht weit sein. Vor gut einem Jahr brach der ehemalige Chefredakteur der GameStar, Christian Schmidt, mit einem kritischen und oft diskutierten Beitrag auf Spiegel Online den Positivtrend und appellierte an die Branche, mehr Professionalität walten zu lassen. Dabei richtete sich seine Stimme nicht speziell an das interaktive Medium, sondern vielmehr an die Publikationen, die es kontrollieren sollten. Dem Videospiel-Journalismus.

Tatsächlich kann sich durch sinkende Auflagezahlen der Fachmedien oder jüngst aufkeimende Skandale wie Dorito-Gate, durchaus ein Negativtrend in diesem Segment verzeichnen. Ist die Kritik also berechtigt? Ich hatte kürzlich die Gelegenheit mit Volker Bonacker einen langjährigen Teil der Fachpresse in Darmstadt zu interviewen. Er erklärte, warum er seine Stelle als freier Autor aufgab, wie er zur Branche gefunden hat und was sich seiner Meinung nach in der Fachpresse verändern muss.

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Nach 6 ½ Jahren hast du deine Stelle als freier Videospiel-Journalist aufgegeben. Wieso?

Ich fand, dass es einfach der richtige Zeitpunkt war. Ich hatte eine super spannende Zeit, die ich auf keinen Fall missen möchte. Nach 6 ½ Jahren bekam ich aber dann so langsam das Bedürfnis, beruflich auch mal etwas anderes zu machen – und da ich noch jung bin und die Möglichkeit dazu gehabt habe, konnte ich das auch durchziehen.

Ich habe neulich ein Interview mit einer Rockband gelesen, in dem diese erzählte, dass sie mit 45 Jahren nicht mehr den Leuten vormachen wolle die großen Punker zu sein, während sie abends mit ihren dicken Schlitten Heim fahren. In der gleichen Situation habe ich mich auch gefühlt. Ich wollte nicht mit 35, 40 Jahren den Leuten erzählen, dass ich Journalist in der Videospielbranche bin – nicht weil das kindlich klingt, sondern weil ich finde, dass man ab einem gewissen Alter den Weg nach unten frei machen sollte. Einfach weil junge, frische Menschen etwas ganz anderes und neues einbringen.

Wie hast du den Weg in die Branche gefunden?

Den Weg in die Branche habe ich mir ganz klassisch mit einem Praktikum während des Studiums geebnet. Dort hat es mir so gut gefallen, dass ich dann entsprechend geblieben bin. Dazu muss man sagen, dass die Garantie der Übernahme nach einem Praktikum heute längst nicht mehr so ausgeprägt ist wie es noch im Jahr 2006 der Fall war – und wenn wir mal ehrlich sind, war es das selbst damals schon nicht mehr. Ist der Wille dafür aber da, sollte man sich davon aber nicht entmutigen lassen. Junge Autoren sollten einfach die zuständigen Leute kontaktieren, denen sagen dass sie volljährig sind und Bock darauf haben über Videospiele zu schreiben. Dann wird man ihnen auch vielfach die Gelegenheit dazu geben.

Mal ganz ehrlich: Als Mensch, der privat auch gerne Zeit mir Videospielen verbringt, konntest du damit noch genauso viel Spaß haben wie in der Zeit bevor du damit Geld verdient hast?

Ganz im Ernst? Nein. Erst jetzt habe ich wieder richtig viel Spaß damit, wo ich weiß, dass ich nicht mehr für Geld darüber schreiben muss. Wenn ich heute noch einen Text verfasse, dann ist es unentgeltlich für titel-magazin.de, welches generell kein Geld abwirft. So lange es in diesem Rahmen bleibt, finde ich es so wie es ist ideal. Kein Termindruck mehr oder ein Embargo, das eingehalten werden muss. Es ist auch nicht mehr notwendig 24 Stunden mit einem Spiel in einem miefigen Hotelzimmer zu verbringen und so weit wie möglich zu kommen, um anschließend einen ausführlichen Test darüber schreiben zu können. Probier das mal bei einem Skyrim.

Konfuzius hat mal gesagt: „Suche dir die Beschäftigung, die du liebst und du wirst keinen Tag arbeiten“, kannst du dem zustimmen?

Das stimmt schon. Das größte Glück, das wir mit der Spielebranche haben, ist doch, dass wir letzten Endes mit Spielsachen arbeiten. Wir können quasi beruflich gesehen Kinder bleiben. Einerseits bringt das das Lächeln von anderen Kollegen – wenn ich beispielsweise mit gestandenen Journalisten zusammensitze, die in Wirtschafts- oder Nachrichtenredaktionen tätig sind, dann bin ich meist der kindische Spinner in der Runde. Aber genau das fand ich eigentlich auch immer ganz attraktiv. Du musst dein Geld nicht damit verdienen, indem du berichtest wie viele Tote es gestern nach einem Sturm gab. Du musst dir auch nicht den Arsch in einem Stadion abfrieren, nur um danach Fußballspiele textlich analysieren zu können usw. Du machst dein Geld mit einem Unterhaltungsmedium. Das ist der große Vorteil als Journalist in dieser Branche, du machst dein Hobby zum Beruf.

Kehren wir in die Vergangenheit zurück. Wann hattest du das erste Mal den Entschluss gefasst professionell über Videospiele berichten zu wollen?

Das hat sich tatsächlich einfach so ergeben. Während des Journalistik-Studiums hatte ich ehrlich gesagt noch überhaupt keine Ahnung, wo ich am Ende lande und mir dementsprechend auch nichts vorgenommen. Als wir uns schließlich für das 6. Semester nach einem Praktikum umschauen mussten, hatte ich das große Glück, dass die deutsche Telekom für ihren Web-Auftritt (Ressort Spiele Anm. d. Red.) noch Leute gesucht hat. Diese hat mich dann auch als Praktikant angemessen bezahlt, was man heutzutage bedauerlicherweise ja schon fast dazu sagen muss. Nach dem Praktikum war ich schon mitten drin.

Wenn du den Fachjournalismus zur deiner Anfangszeit und der heutigen vergleichen müsstest, gäbe es irgendwelche Unterschiede?

Als ich angefangen habe in dem Bereich zu arbeiten, war Web 2.0 der heißeste Scheiß. 2005 wurden beispielsweise Blogger von Journalisten als Amateure bezeichnet, die ein wenig im Netz spielen und keine großartige Ahnung davon haben. Heute kommt kein Magazin mehr ohne den redaktionseigenen Blog aus, wo dort auch mal aus dem Nähkästchen geplaudert werden kann. Facebook und Twitter hattest du zu der Zeit in so einer Form auch noch nicht – das heißt, die Redaktionen waren damals ein Stück weit isolierter. Man konnte zwar in Kommentaren oder Foren Kontakt zu ihnen aufnehmen, war in seinen Möglichkeiten aber limitiert. Heute kann ich auf der Facebook-Seite eines Magazins schreiben, dass der Artikel für die Tonne ist – wenn ich Glück habe, fühlt sich der zuständige Redakteur dazu hingerissen mir zu antworten, so dass man mit ihm in einem Dialog treten kann. Die Verbindung zwischen Redaktion und Leser hat sich also deutlich verbessert.

Ein großes Thema ist für Medienhäuser mittlerweile auch die Suchmaschinenoptimierung. Redaktionen müssen sich fragen, ob ihre Texte bei Google gescheit platziert sind oder wie man die Platzierung verbessern kann. Das geht so weit, dass ganze Artikel explizit darauf hingeschrieben werden.

Leidet darunter nicht die Qualität eines Artikels?

Man muss in der Hinsicht einen Mittelweg finden. Was das Thema betrifft, war ich früher auch relativ kritisch – aber mittlerweile kann ich einen Nutzen darin sehen. Du kannst einen noch so schönen Text schreiben, solange ihn kein Mensch findet, bringt es dir nichts. Man muss bedenken, dass Journalisten in der Hinsicht extrem arrogant sind. Sie wollen, dass man ihre Texte liest und lieb hat. Aus dem Grund muss der Autor zusehen, dass dieser auch gefunden wird. Zum einen im Sinne seiner Zahlen und das damit zusammenhängende Fortbestehen, denn ohne eine gewisse Leserschaft gibt es keine Einnahmen. Zum anderen muss aber auch der Spagat geschafft werden, die Qualität dennoch auf einem hohen Niveau zu halten. Da tun sich einige Redaktionen leichter als andere. Was man allerdings auf gar keinen Fall tun sollte, wäre einfach inhaltsleere Beiträge zu Gunsten der Suchmaschinenplatzierung zu produzieren. Das bringt weder dem Autor noch dem Leser etwas.

Der ehemalige Chefredakteur der Gamestar, Christian Schmidt, schrieb damals in einem Essay für SpOn, dass Videospiele auf dem Weg zur Mitte der Gesellschaft sind, der Fachjournalismus aber in die umgekehrte Richtung entgleitet. Wie hast du das empfunden als langjähriger Teil der Branche?

Das hat damals relativ viel aufgewirbelt. Ich erinnere mich beispielsweise an die Reaktionen dazu, speziell der Artikel von Petra Fröhlich (Chefredakteurin PC Games, A. d. R.) den sie ebenfalls bei Spiegel Online veröffentlicht hat. In diesem hatte sie persönliche Zweifel über anspruchsvollen Videospiel-Journalismus kundgetan. Demnach seien journalistische Texte über Videospiele bisher qualitativ nur so schlecht, da das Medium einfach nicht so viel hergibt, um sich damit essayistisch oder in einer völlig anderen Art damit auseinander setzen zu können. Das ist natürlich eine billige Form der Ausrede. Sie sagt damit nur, dass das Medium daran schuld sei, nicht in einem adäquat anspruchsvollen Rahmen behandelt werden zu können. Das halte ich für eine völlig verkehrte Einstellung.

Die Herausforderung sollte es doch eigentlich sein, über jeden Titel in einem anderen Kontext schreiben zu können. Hier sei mal wieder auf titel-magazin.de verwiesen, wo genau diese Philosophie praktiziert wird. Wenn ein Christof Zurschmitten einen ewig langen Text über The Witcher 2 schreibt, in dem er aber eigentlich nur über die Impotenz des Helden quatscht, dauernd abschweift und kulturhistorische Querverweise findet, dann sagt mir das zwei Sachen: Dass es sehr wohl machbar ist anspruchsvoll über Videospiele zu schreiben – aber auch, dass es Leute braucht, die zu solchen Texten überhaupt erst im Stande sind. Ich kann keinen Querverweis zwischen der mittelalterlichen Architektur eines The Witcher 2 ziehen, wenn ich von solcher nicht die geringste Ahnung habe. Wenn ein Autor ein Leben lang nur über Videospiele geschrieben und vielleicht nie etwas anderes studiert hat, dann können solche Texte erst gar nicht entstehen.

Die Redaktionen sind bei solchen Texten aber auch nie wahnsinnig drauf eingestiegen oder haben es schlicht und einfach nie probiert, weil, und das ist die meistgenannte Ausrede, es angeblich in diesem Kontext nicht gefragt ist. Ich war diesbezüglich im letzten Jahr in sehr vielen Facebook-Diskussionen mit Redakteuren und ehemaligen Chefredakteuren beteiligt, die ständig genau dieses Argument gebracht haben. Die Redaktionen der Fachzeitschriften meinen mittlerweile seit 20 Jahren genau zu wissen, was die Leser wollen. Warum sollten sie daran also großartig was ändern? Du hattest also einmal die Fraktion, die behauptet, dass das Medium an sich zu doof sei und die andere Fraktion, die stets beteuert, dass so eine Art von Text nicht gefragt ist.

Man hat so gesehen, wie die Schuld systematisch bei allen anderen gesucht wurde – nur nicht bei sich selbst. Was die Nachfrage solcher Texte betrifft, muss man jedoch ehrlicherweise zugestehen, dass solche Behauptungen gar nicht so wahnsinnig falsch sind. Wenn du dir bei vielen Fachmedien als Beispiel die Kommentare unter einem Review ansiehst, wirst du selten kritische Stimmen lesen, die sich über die mangelnde Qualität des Textes äußern. Sie ärgern sich vielmehr darüber, dass die Wertung am Ende eines Textes nicht ihren Vorstellungen entspricht oder dass der Autor vergessen hat zu erwähnen, dass an der Stelle X noch eine zusätzliche Waffe liegt. Die Bedeutung und die Qualität der Texte sind für den Großteil der Leser im Endeffekt egal. Sie wollen nur ihre Faktenaufzählung und ihre Wertung, fertig. Und hier findet das Totschlagargument seinen Nährboden. Dass die GEE als Printformat gescheitert ist, illustriert das Ganze sehr gut. Es ist durchaus möglich anspruchsvolle Texte profitabel zu publizieren und sei es nur in einer relativ überschaubaren Auflage; hier sei mal die WASD genannt. Solche Blätter werden aber in absehbarer Zeit weiterhin leider nur ein Nischendasein fristen.

Das Gute daran ist allerdings, dass sich dadurch das Verlangen nach anspruchsvollen Inhalten weiterhin halten wird. Der Beste Indikator dafür sind die immer weiter sinkenden Auflagezahlen der Fachzeitschriften. Spätestens wenn diese dann einen kritischen Punkt erreichen, werden die Leute dahinter merken, dass nicht nur das Netz ihnen die Leute abgräbt, sondern auch die Inhalte.

Auflagezahlen der Fachmagazine im Vergleich zum letzten Jahr inklusive der harten Auflage (Einzelverkauf + Abo). Quelle: www.dwdl.de

 

Da stellt sich aber einem die Frage, warum speziell Texte in Form von Featurettes oder Reportagen bei uns nicht funktionieren. Internationale Zeitschriften wie die GameInformer oder Edge bekommen das doch auch hin und sind weiterhin bei ihrer Leserschaft beliebt.

Auch hier würde wahrscheinlich wieder das Argument aufkommen, dass das hier keiner Lesen will – nur um zu verschleiern, dass sie nicht die Eier haben es einfach mal auszuprobieren oder nicht das nötige Können dafür besitzen. In der letzten Edge hat ein Redakteur einen Bericht darüber verfasst, warum das Schlachtflugzeug AC 130 in Call of Duty: Modern Warfare eine grausame Kriegsmetaphorik ausstrahlt und die Allmacht der USA in Videospielen transportiert. Um so ein Text schreiben zu können, muss ich erst einmal das Hirn dazu haben. Ohne dabei die Leute dumm nennen zu wollen, aber: Wenn ich solche Querverweise nicht herstellen kann, werde ich auch nicht besonders weit kommen. Da muss man zusätzlich auch den Mumm dazu haben zu riskieren, dass Activision durchaus angesäuert sein kann, negativ über ihr Spiel geschrieben zu haben. Dazu gehört auch ein Chefredakteur, der dem Publisher sagt, dass die Redaktion über ihre Spiele so berichten wie sie es wollen und nicht umgekehrt. Dieser Punkt in Kombination mit dem Totschlagargument „das will ja keiner lesen…“ führt dazu, dass sich im Endeffekt kaum jemand bei uns traut, diese Art der Schreibe auszuprobieren.

Gerade die GEE hatte vermehrt auf solche Texte gesetzt, ist aber als Printmagazin letzten Endes bei uns gescheitert. Zeigt das nicht, dass die konservative Einstellung der Kritiker durchaus ihre Berechtigung hat?

Das ist das Problem. Sowohl die GEE als auch die Edge sind stets das Argument für die Leute, die sich nicht verändern wollen. Dann erzählen sie dir, dass die GEE ein iPad-Magazin geworden sei und die Edge nichts anderes ist als ein subventioniertes Prestigeprojekt.

Das zeigt doch nur, dass die Kritiker Recht haben.

Was uns dieser Umstand vielmehr zeigt, ist, dass es nur noch nicht ganz gelingt. Hätte es überhaupt nicht funktioniert, hätte nämlich keine Sau die GEE gekauft oder würde heute auch nicht mehr die Edge beziehen. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass an einigen Stellen die eine oder andere Schraube noch gedreht werden muss. Natürlich kann man sagen, dass es so, wie es bisher lief, nicht funktioniert hat. Für mich heißt es aber nicht, dass man damit gleich wieder aufhört. Stelle es dir einfach wie ein Spiel vor. Nehmen wir mal einen Plattformer – du versucht auf die andere Seite zu gelangen und merkst dabei, dass du den direkten Sprung nicht schaffst. Dann probierst du es einfach auf einer anderen Art und Weise aus. Dass man aber gleich mit dem Spiel aufhört, halte ich für eine falsche Herangehensweise und schlicht feige.

Zusätzlich zu dieser Debatte wurde auch häufig Kritik an Endnoten jeglicher Art unter Reviews geäußert. Was ist deine Einstellung zu diesem Thema?

Ich sehe das in der Hinsicht vollkommen liberal. Um unseren Beispielen treu zu bleiben, fehlen mir vergleichsweise bei einer GEE keine Wertungen. Dort sind die Texte so gut geschrieben, dass jeder erwachsener, mündiger und intelligenter Leser aus diesen herauslesen kann, ob das Spiel ihm gefallen könnte oder nicht. Allerdings haben wir hier schon die Prämisse, denn nicht jeder erfüllt diese drei Charakteristika. Manche wollen diese Wertungen einfach haben, da sie sich nicht mit dem Text oder Autor auseinander setzen möchten, sondern nur schnell und grundlegend informiert werden wollen. Das ist auch vollkommen legitim. Man sollte nicht vergessen, dass ein Spiel immer noch eine Investition von 50-60€ ist. Für Erwachsene ist das kein Problem, Kinder haben das Geld aber grundsätzlich nicht.

Um anspruchsvoll über Spiele zu schreiben, brauchst du also auch Leser, die dieses Medium als Kulturgut begreifen. Als journalistisches Medium hat man die unglaublich schwere Problematik diesem Zwiespalt gleichermaßen entgegen zu kommen. Auf der einen Seite möchtest du die Studenten und Abiturienten mit Berichten und Reportagen zufriedenstellen, auf der anderen Seite hast du aber dann die Kids, die rumnörgeln und fragen, was der Scheiß denn bitte soll.

Das beste Beispiel hierfür war das Review zu XCOM: Enemie Unknown auf 4players.de. Da hat der Autor statt eines klassischen Reviews, Tagebucheinträge aus Sicht eines Protagonisten geschrieben. Dabei ist er natürlich trotzdem auf die einzelnen Aspekte des Spiels eingegangen, nur auf eine andere Art und Weise. Statt diesen frischen Ansatz zu honorieren, wurde der Text in den Kommentaren diffamiert. Sie wollten nicht wissen, was der Autor als Journalist gedacht oder empfunden hat, sondern nur eine simple Faktenaufzählung und eine Wertung.

In der idealen Welt würde man den Markt einfach aufteilen. Da hätten wir zum einen das Angebot A mit Waschmaschinenjournalismus, diversen Listen und Produktwertungen. Auf der anderen Seite hätten wir das Produkt B, das den umgekehrten Weg geht und versucht, den Leser mit fundierten Berichten zu versorgen. Leider ist das aber nur utopisches Denken.

Als reines Printmagazin gestartet, erscheint die GEE mittlerweile als Tablet-Magazin für iOS und Android. Halb- bis vierteljährlich wird das Magazin in komprimierter Form aber weiterhin als Print veröffentlicht

 

In der heutigen Zeit gilt der Konsument dank des Internets schon selbst als Publizist. Let‘s Play’s in einschlägigen Videoportalen oder Reviews im eigenen Blog, sind schon lange eine Selbstverständlichkeit. Ist dies ein Gewinn für die Fachpresse oder aufgrund von mangelnder Erfahrung eher ein Makel?

Bei diesem Thema muss man differenzieren. Da gibt es zum einen die Amateur-Webseiten, die irgendwas mit „Game“ im Namen haben und von irgendwelchen Kids betrieben werden, nur um schließlich an Presseausweise und Testmuster zu gelangen. Dort erkennt man meistens auf den ersten Blick, dass die Rechtschreibung beschissen ist, die Sorgfaltspflicht nicht eingehalten wurde, der Text im Grunde unleserlich und für die Tonne ist. Bei solchen Fällen weiß ich dann ehrlich gesagt auch nicht, wo die Bereicherung liegen soll.

Wo ich aber durchaus einen Mehrwert sehe, ist zum einen bei den Social Media Kanälen oder bei privat betriebene Blogs, wo sich einfach einer hinsetzt und losschreibt ohne dabei den Gedanken des großartigen Geldverdienens im Hinterkopf zu haben. Solche Plattformen herbergen ganz coole Geschichten und zeigen gleichzeitig gut auf, wie andere Personen außerhalb des Fachjournalismus über das Spiel XY denken. Hier kann der Fachjournalismus neue Inspiration schöpfen oder einfach sehen, dass man über die Materie auch anders schreiben kann.

Neben dem seit jeher bekannten Konflikt zwischen Print- und Onlinemedien im Videospieljournalismus, hat vor kurzem ein Artikel von Rab Florence auf eurogamer.net für großes Aufsehen gesorgt. Dabei appellierte er an die Journalisten, sich nicht von den PR-Abteilungen instrumentalisieren zu lassen. Wie stehst du zu dem Ganzen? Können Journalisten ein freundschaftliches Verhältnis zu PR-Teams haben und gleichzeitig unabhängig und kritisch berichten?

Im Grunde ist es nicht verwerflich, wenn Journalisten und PR-Firmen einen freundschaftlichen Draht zueinander haben, immerhin kommt das noch aus einer Zeit in der alles noch etwas lockerer gesehen wurde. Es ist heute noch streckenweise so, dass man den Launch eines Titels in einem etwas größeren Rahmen gemeinsam feiert. Da haben wir aber auch gleichzeitig das Problem, das mit dem ganzen einhergeht: Die professionelle Distanz wird dadurch nicht mehr gewahrt. Das kommt zum Teil davon, dass man voneinander abhängig ist. Journalisten brauchen Publisher, um am Kiosk ein Cover liefern zu können, an dem bestenfalls noch ganz groß das Wort „exklusiv“ prangert – Publisher brauchen wiederum Journalisten, um ihre Spiele der Masse zugänglich zu machen. So entsteht bei den Lesern der Generalverdacht, dass sie korrumpiert werden könnten und hier nimmt die Kritik wieder ihren Lauf.

Wo wir schon beim Thema sind, was hat das Schlagwort „exklusiv“ heute noch für einen Stellenwert?

Gar keinen mehr. Genau daran haben Printmagazine heute noch zu knabbern. Was hat den eine GameInformer davon, wenn sie eine exklusive Coverstory zu GTA V bringt – nur damit diese dann 10 Minuten nach Veröffentlichung eingescannt und als rar-Datei bei irgendwelchen Filehostern heruntergeladen werden kann? In Zeiten des Internets hat Exklusivität völlig an Attraktivität verloren, da es niemandem verboten wird, die Quintessenz des Originalartikels herauszuschreiben und als eigenen Text zu veröffentlichen. Es wäre der perfekte Zeitpunkt, um den Trend der Exklusivität endgültig abzuschwören.

Ein sehr wichtiges Thema habe ich mir für den Schluss aufgehoben. Wie groß ist die Gefahr als junger aufstrebender Autor von großen Publikationen ausgebeutet zu werden? Spielt das heute keine Rolle mehr, oder gehört es noch zur gängigen Praxis?

Mehr denn je. Die Gefahr ist weitreichend, da vielen Leuten allein schon die Perspektive reicht in irgendeinem Verlagshaus zu landen und sich für ein Minigehalt durch zu jobben. Die Verlockung scheint dann für viele einfach zu groß. Plötzlich bekommen sie kostenlose Testmuster, erhalten früheren Zugang zu Informationen und dürfen sich auf der gamescom als Journalisten ausweisen. Gerade junge Autoren möchte ich den Rat geben, gut aufzupassen und nicht zu alles und jedem ja und amen sagen. Es ist nicht korrekt für 5€ eine News zu schreiben, auch nicht unter der Prämisse, dass man ja 20 Stück am Tag verfassen könne. Dadurch dass man auch einfach keine Ahnung bezüglich gängiger Gehälter, tarifvertragliche Regelungen oder schlicht und einfach Moral hat – ist die Ausbeutungsgefahr speziell in unserer Branche außergewöhnlich hoch.

Für große Furore hat zu seiner Zeit auch die Debatte um unbezahlte Redaktionspraktika gesorgt. Wie stehst du dazu? Sollten solche grundsätzlich nicht wahrgenommen werden? Und sei es nur, um erste Erfahrung sammeln zu können.

Wer einem Praktikanten einen Vertrag gibt, bezieht eine Leistung von diesem. Ein Praktikum generiert ab der Hälfte der Dauer einen Mehrwert für den Anbieter, da ab diesem Zeitpunkt die Praktikanten das System innerhalb der Redaktionen verinnerlicht haben. Das ist ja nicht so, dass du sie die ganze Dauer über nur an die Hand nimmst. Ich hatte selbst Schülerpraktikanten, die sich innerhalb der ersten Woche zunächst im CMS zurechtgefunden haben, um in der darauffolgenden Woche die ersten News vollkommen selbstständig verfassen zu können. Damit musste ich keine eigenständigen News mehr schreiben und hatte die Hände für etwas anderes frei. Wer solche Leute nicht bezahlt, ist amoralisch. Was Jörg Langer damals gebracht hat, dass Praktikanten eigentlich die Redaktionen für den Wissenstransfer bezahlen müssten, ist schlicht und ergreifend amoralisch. Auch wenn es nur ein symbolischer Wert von 100€ im Monat ist, zeigt das immerhin die Geste dem Praktikanten gegenüber, dass seine Arbeit noch einen gewissen Stellenwert für die Redaktion hat. Was symbolisiert es aber denn, wenn überhaupt keine Bezahlung stattfindet? Richtig, dass die Arbeit des Praktikanten im Grunde bedeutungslos ist. Ich persönlich würde mich verarscht fühlen.

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Volker Bonacker war 6 ½ Jahre als freier Autor diverser Fachpublikationen und general interest-Angeboten tätig. Unter seinen Klienten gehörten u. a. ps3m, 360-live, t-online u. v. m. Ebenfalls engagierte er sich beim täglichen Videospiel-Podcast Breakfast at Manuspielt‘s. Aktuell schreibt Volker Bonacker unentgeltlich für titel-magazin.de. 

  • Dawienchi

    Sehr schönes Interview! :)

  • http://twitter.com/Gamer_Flo Florian Merz

    Volker! Hats einfach drauf.

  • Dod

    Übrigens, Jörg zahlt den Praktikanten durchaus einen Obulus. Nur zum Vervollständigen des ansonsten sehr interessanten Interviews. Man sollte sich eben nicht nur an einem Satz aufhängen ohne den Background zu sehen.

  • Volker Bonacker

    “Zahlt durchaus”? Das klingt a) nicht nach “zahlt generell” und b) wäre insofern ein Update, da es gegenüber der von mir zitierten, damaligen Situation einen Bruch bedeuten würde. Derart tiefgehend beschäftige ich mich allerdings nicht mit GG – eben aufgrund der damaligen Lage, die bei mir durchaus dafür gesorgt hat, dass die Seite ihre Glaubwürdigkeit verlor.

  • Dod

    Ich zitiere Herrn Langer einmal (geschrieben wurde der Satz im September): Falls von Interesse: Auch zum Zeitpunkt der “Kritik wie letztes mal”, also im Februar, war der Status Quo bereits, dass ein Praktikant ab Monat 3 Geld bekommt. Neu ist eigentlich nur, dass wir das jetzt klar schreiben. Und dass wir klar trennen zwischen “Reinschnuppern, 1 Monat” und “Ernsthaft mitmachen, 6 Monate”.

    Unabhängig davon entspricht GG aber doch eigentlich einigen deiner Vorstellungen aus dem Interview: Lange, umfangreiche und gut geschriebene Texte, bei denen auf Wunsch sogar die Endnote ausgeblendet werden kann weil sie oft einfach überflüssig ist.

    • Volker Bonacker

      Definitiv von Interesse, danke :) Ich finde, wir sollten die Sache insgesamt nicht zu sehr an GG aufhängen – auch wenn du vermutlich via deren Link hergekommen bist und da auch noch zahlreiche (Negativ-)Kommentare folgen mögen von Leuten die sich nach der Lektüre der letzten Frage denken mögen “Der Depp, der hat doch keine Ahnung.” Das kann ich ab. Ich fand GG in seinen Anfangstagen in der Tat beobachtenswert, weil ich seinerzeit gerade mein Diplom über künftige Strategien für Print- und Online-Spielemagazine geschrieben hatte und so genannter “Bürgerjournalismus”, wie es GG ja auch ist, darin eine Rolle spielte. Das wiederholte, völlig überzogene Auftreten der Chefredaktion hat mir da jedoch das Interesse verhagelt. Wenn ich erst kürzlich wieder Formulierungen wie “größenwahnsinnige dilettantische Blogger” (o.ä.) lesen muss, dann sorry: Da sind die Gräben zu tief. Auch wenn ich einzelne Autoren (Philipp Spilker) persönlich durchaus leiden kann.

      • Dod

        Da ich die Community von GG als recht erwachsen kennengelernt habe (einige, bevorzugt anonyme, Ausnahmen einmal gekonnt ignorierend) glaube ich nicht einmal an den prophezeiten Shitstorm ;) .

        • Volker Bonacker

          Mist. Hier kann man Kommentare nicht liken. Denk Dir mal ein Thumbs-up :)

        • Faerwynn

          Kann ich nur bestätigen. :)

          @Topic:
          Sehr schönes Interview, tolle Denkanstöße und eine gute Argumentation. Ich denke die Einschätzungen über Zustand und Zukunft des Spielejournalismus sind größtenteils zutreffend. Ich selbst kann mich nicht erinnern wann ich die letzte Spielezeitung nicht wegen ihrer Vollversion gekauft habe. Das dürfte tatsächlich mein GEE Abo gewesen sein…

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