HANSEL & GRETEL: WITCH HUNTERS


HANSEL & GRETEL: WITCH HUNTERS

Nachdem Disney sich bei ihren Animationsfilmen stärker auf neuzeitliche Themen verlagerten und mit dem Ostblock auch dessen Märchenfilmtradition zerfiel, genießen deren Kinoadaptionen eine groteske Renaissance. Deren jüngste Ausgeburt erfüllt sämtliche an den Titel geknüpfte inszenatorischen und dramaturgischen Erwartungen. Unglücklicherweise taufte Tommy Wirkola sein Werk auf den hirnrissigen Namen HANSEL & GRETEL: WITCH HUNTERS.

„Hansel“ ist natürlich Hänsel, aber der bei US-amerikanischen Buchstabenspielereien so beliebte Umlaut als Zeichen martialischen Deutschtums und Atavismus wird dem Englischen angepasst, vielleicht, weil beim Drehbuchschreiben das fehlende ä auf der PC-Tastatur einfach nervte. Dabei passen atavistisch, martialisch, hypokritisch und die restlichen Negativklischees ausgezeichnet; am allerbesten inquisitorisch. So wichtig wie die Figuren ist dem Filmtitel ihre Profession: Hexenjäger. Eine anschauliche Darstellung des im Mittelalter äußerst veritablen Berufs und dessen Vertretern gibt WITCHFINDER GENERAL mit Vincent Price. Sein Schauspielformat haben die Hauptdarsteller Jeremy Renner und Gemma Arterton nicht annähernd, trotzdem übertrifft ihre Arbeitseffizienz die von Price’ General. Der reitet den Weg Gandhis im Verhältnis zu dem Killer-Duo, das sich bei Hexenverfolgung an Martin Luthers Wort hält: „Die Zauberinnen sollst du nicht leben lasse.“ In die markigen Dialoge effekthaschender Mainstream-Action übersetzt heißt das „Nur eine tote Hexe ist eine gute Hexe.“

Man kann auch mal eine Ausnahme machen wie Hänsel bei der verführerischen Mina (Pihla Viitala). Die verhext ihn mit dem Zauber, den nackt badende Jungfern auf Kerle haben, die sonst immer im Zimmer der großen Schwester schlafen. Dass der fiese Sheriff Berringer (Peter Stormare) des Dorfs, in das die Geschwister 15 Jahre nach ihrem ersten Autodafé kommen, verkündet „Man erkennt eine Hexe, wenn man eine sieht.“, ist dennoch unaufgeklärter Fanatismus. Es fehlt nämlich das entscheidende Wort böse. „Wenn eine Frau Hexerei betreibt, kann sie es nicht verbergen.“, erklärt Hänsel & Gretel ergänzt, zuerst brauche man Beweise. Wer keine Sexy Hexy ist, hat Pech, denn ein Beweis ist der Grind, der böse Hexen befällt und mit ihrer Macht und Bosheit wächst. Eine Runzel zu viel und eine verdächtige Adresse wie „knorriges Häuschen im Wald“ genügen, damit Brüderchen und Schwesterchen vor der Tür stehen.

Allerdings nicht mehr wie zu Filmbeginn, um knusper, knusper, knäuschen am Häuschen zu machen, sondern um in Lederkluft mit Armbrust und batteriebetriebenem Elektroschocker Hexenküche und Besenflügen blutig beenden. Selbst Bibi Blocksberg und die kleine Hexe fänden vor Hänsel & Gretel keine Gnade. Hätten sie nicht sofort Schadenzauber gestanden, dann beim peinlichen Verhör: „Du erzählst uns alles, was wir wissen wollen, und das wird möglicherweise nicht die schmerzhafteste Nacht deines Lebens.“, droht Hänsel einer Gefangenen. Sie ist in bester Tradition des Hexenwahns schuldig auf Verdacht. Welcher? Natürlich Kindesentführung! Da sind die vorgeprägten Helden mit dem Töten geradezu übereifrig: „Die Hexe, die wir gefunden haben, war eine Sackgasse. Nirgendwo Kinder.“ Macht nichts, gibt sowieso mehr als genug, weiß Gretel: „Hexenaktivität ist in letzter Zeit angestiegen.“ Auch im Kino, wo heuer noch DIE FANTASTISCHE WELT VON OZ und WICKED anstehen. Wie Oberhexe Muriel (Famke Janssen) bedauert: „Menschen haben so grauenvollen Geschmack.“

Besonders Produzent Adam McKay, den der Mix aus Horroraction und Mittelalter-Fantasy begeisterte: „Das ist ein verdammtes Franchise! Davon könnte man drei machen!“ Was dabei von den Grimms Märchen übrig bleibt, wird wohl noch kümmerlicher als das Pfefferkuchenhaus, in dem Hänsel und Gretel im spannungslosen Showdown ihr Kindheitstrauma exorzieren. Was Muriel über das klebrige Zuckerbauwerk sagt, gilt noch mehr für das plumpe Actionmärchen: „Hat irgendwie seinen Charme verloren, nicht wahr?“

Bild-Copyright: Paramount Pictures

  • Thomas (SchönerDenken)

    Ja, das stimmt alles. Auf der anderen Seite ist der Film ungeheuer unterhaltsam und nach den Regeln seines Genres (“Fantasyhorroraction mit niedrigem Anspruch und eingestreutem Humor”) handwerklich sehr gut gemacht. Macht aus dem Film kein Kunstwerk. Erklärt aber den Erfolg – auch bei mir. Und ja, der Stimmung im Kino nach, würde ein zweiter und dritter Teil auch gut besucht werden. Mehr im Podcast: http://schoener-denken.de/blog/index.php/haensel-und-gretel-filmkritik/