Are you not entertained?


Als ich auf dem Gamefest in Berlin durch das Computerspielemuseum streife, bildet sich plötzlich vor mir eine Menschentraube. Ben, Moderator bei Kika und Sänger von vergessenen Songs wie Engel, gibt seinem Kamerateam Instruktionen: “Wir bleiben hier stehen und dann so ‘Boah, da sind sie ja’” Hinter dem Moderator, der so aussieht als würde er in einer Vorabendserie den coolen Schönling geben, stehen mehr als zwanzig Teenager. Sie sind nicht gekommen, um zu spielen oder einen Spielemacher zu treffen, sie wollen Gronkh und Sarazar sehen.

Seit 2010 betreibt Gronkh (mit bürgerlichem Namen Erik Range) seinen eigenen Let’s-Play-Kanal auf Youtube. Seinen großen Durchbruch hatte er mit Minecraft-Videos, von denen er bis heute 1000 Folgen produziert hat. Inzwischen moderiert er mit Sarazar eine eigene Sendung auf MyVideo, bereist mit diesem auf einem anderen Channel die Welt und gründete mit ihm die PlayMassive GmbH, die sich unter anderem um die Vermarktung der seit 2012 eingetragenen Marken “Gronkh” und “Sarazar” kümmert.

Gronkh und Sarazar / Foto: Gamefest Berlin 2014

Gronkh und Sarazar / Foto: Gamefest Berlin 2014

We are your friends

Unsere Kultur ist besessen von realen Ereignissen, weil wir kaum noch welche erleben. – David Shields, Reality Hunger (2011)

David Shields beschreibt in seinem Buch Reality Hunger den Drang der modernen Gesellschaft nach mehr Authentizität, nach dem brodelnden Leben. Schriftsteller verwerten autobiographisches Material in ihren Werken, Found-Footage-Filme stehen hoch im Kurs und die Grenzen zwischen Figur, Erzähler und Autor verschwimmen völlig. Jeden Nachmittag sitzen tausende Teenager in ihren Jugendzimmern und warten auf das neue Let’s Play von Gronkh, Sarazar, PietSmiet etc. Es geht hier um viel mehr als nur das Betrachten von kommentierten Spielszenen. Es geht um die Erfahrung von etwas Authentischem, die Zuschauer holen sich den besten Freund direkt in den Raum – nur heißt dieser eben Gronkh. Denn die Let’s-Player kommentieren eben nicht nur das Spiel, sie erzählen kleine Anekdoten und bieten ein Fenster in ein fremdes Leben. Schaut man sich die Let’s-Play-Community an, findet man leicht ein ähnliches Gefühl, wie es viele damals bei der ersten Big-Brother-Staffel hatten. Nur sind aus den “großen Brüdern” Zlatko und Jürgen die “Bros” Gronkh und Sarazar geworden. Und genau wie die Ex-Container-Bewohner haben auch letztere bereits eine Single veröffentlicht. Der Song “Elektrotitte” legt nicht nur Zeugnis über das geistige Niveau der beiden ab, sondern kletterte im vergangenen Herbst auf Platz 17 der deutschen Charts.

Die PlayMassive GmbH betreibt Websites wie z. B. playNATION, PlayMASSIVE und Gronkh.de. Mit diesen Seiten betreibt sie ein paar der größten Videospiel-Onlinemagazinen Deutschlands. – Gronkh-Wiki

Die Zukunft des Spielejournalismus scheint im Entertainment-Bereich zu liegen. Auf der subotron arcademy, einer Tagung zur Videospielkultur, sagte der Leiter des IDG-Verlags (Gamestar, Gamepro) André Horn, dass das Haus in Zukunft zu 80% Entertainment anbieten möchte und nur noch zu 20% Spiele-Tests. Mehr High5s für alle. Man mag von Art der Aufbereitung der Themen bei High5 halten, was man will, jedoch ist hier nicht zu übersehen, dass eine redaktionelle Filterung der Inhalte stattfindet, Themen gemeinsam gesetzt und ausgewählt werden. Alle Beteiligten arbeiten gemeinsam an einem Produkt. Bei Let’s-Playern verhält es sich anders: Sie selbst sind das Produkt, auch wenn sie sich hinter einer Bühnenfigur verstecken.

Shut up and take my money

Der Rundfunk wäre der denkbar großartigste Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens, ein ungeheures Kanalsystem, das heißt, er wäre es, wenn er es verstünde, nicht nur auszusenden, sondern auch zu empfangen, also den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn in Beziehung zu setzen. – Bertolt Brecht, Radiotheorie (1932)

An die Verheißung, dass mit Blogs der Journalismus auf den Kopf gestellt würde und echte gesellschaftliche Partizipation möglich wäre, glaubt heute niemand mehr so recht. Journalismus kostet Zeit und Mühe – und Zeit ist Geld. Im Gegensatz zu aufwendigem Videojournalismus sind Let’s Plays ein Personality-Format. Und im Gegensatz zum Fernsehen sind die Webvideomacher meist Produzent, Cutter, Regisseur, Kameramann, Redakteur und Moderator in einer Person. Das Produkt, das sie vermarkten, steht und fällt mit ihrer eigenen Persönlichkeit. Und das kann durchaus lukrativ sein. Es gilt die eigene Person durch Präsenz auf allen Social-Media-Kanälen nach vorne zu bringen.

Was der Youtube-Revolution – wenn man überhaupt diesen Begriff verwenden mag – jedoch fehlt, sind klare Spielregeln. Jede Minute werden 100 Stunden Videomaterial auf Youtube hochgeladen. Auch wenn, wie erst vor wenigen Wochen im Fall Y-Titty geschehen, Landesmedienanstalten auf Verletzungen geltenden Rechts aufmerksam werden, ist die schiere Größe des täglichen Outputs nicht mehr zu überschauen. Daher ist es umso wichtiger, dass die Medienschaffenden ihrer Tätigkeit verantwortungsvoll nachgehen.

Sie müssen entscheiden, ob ein flacher Witz oder eine provozierende Geste, die vielleicht Klicks und so Werbeeinnahmen bringen könnte, es wirklich wert ist. Erst recht, wenn die Hauptzielgruppe aus 13- bis 18-jährigen besteht, die sich leicht manipulieren lassen. Zu dem Video von Fabian Siegismund und David Hain möchte ich mich an dieser Stelle nicht mehr äußern, das haben andere schon eloquenter getan. Woran ich jedoch erinnern möchte ist, dass die Grenzen zwischen Produzent und Produkt nicht so fließend sein müssen. Ein gesunder Abstand zum eigenen Schaffen ermöglicht erst eine Reflexion desselben und damit eine Auseinandersetzung mit Kritikern auf Augenhöhe.

Kinderquatsch mit Fabian und David

Dass diese Trennung scheinbar noch nicht ganz eingerichtet ist, beweist Hains Kommentar zu einem ähnlichen Fall aus dem letzten Jahr. Hain, damals noch Redakteur bei Giga, hatte einen Beitrag eines freien Autoren abgesegnet und verteidigt, der junge Damen auf der Gamescom mit zwei- bis eindeutigen Sprüchen konfrontierte (und das ist eine euphemistische Umschreibung). Dennis Kogel rollte damals den Fall für Radio Fritz auf. Mit dem Ergebnis schien Hain nicht ganz zufrieden zu sein und kommentierte den Beitrag in einem Youtube-Video mit “Also schönen Dank noch mal an Dennis Kogel von Radio Fritz. Du dumme Fotze.” Hain fühlte sich von einer Kritik an seinem Produkt persönlich verletzt – und konterte entsprechend.

Ich möchte an dieser Stelle nicht alte Geschichten aus der Gamesbranchen-Mottenkiste zerren, doch halte ich die Geisteshaltung für symptomatisch – gerade bei Youtubern. Auch Siegismund, ein Ex-Redaktionsmitglied von Gamestar und High5, reagiert auf Kritik eher verschnupft.

Der Platz für Idole im Let’s-Play-Olymp ist begrenzt, doch sowohl Hain als auch Siegismund sind mit ihren Klickzahlen bereits auf einem guten Weg dorthin. Sie sind die Posterboys für die Neuausrichtung des Spielejournalismus, weg von Waschmaschinentestern hin zu Entertainern. Und der Markt wächst unermüdlich weiter. Aber eins sollte dabei – ganz frei nach Spiderman – nicht in Vergessenheit geraten: Aus großer Reichweite folgt große Verantwortung. Wenn ich nächstes Jahr durch das Computerspielemuseum gehe und Ben vom Kika die Entertainer Hain und Siegismund begrüßt, will ich keine Kinder “Sieg Hain” schreien hören.