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22 Kugeln sind es, die den langjährigen Mafiapaten Charly Mattheї (Jean Reno) in einer Tiefgarage niederstrecken und töten sollen. Nach drei Jahren ohne Verbrechen trifft ihn der Anschlag unerwartet. Doch Blut trocknet nicht. Eine Lebensweisheit, die er während der nachfolgenden zwei Stunden mehrfach wiederholt. Denn er überlebt den Angriff und muss herausfinden, dass es seine früheren Freunde sind, die ihn endgültig aus dem Leben reißen wollen. Zu schwer wiegt sein Ruf, zu viel Angst verbreitet er noch immer, um in Frieden mit seiner Familie Leben zu dürfen. Schnell muss er einsehen, dass nicht nur sein Leben bedroht ist und so bleibt ihm letztlich keine Wahl, als ein letztes Mal zum Killer zu werden.

Es ist schon interessant, wie viele wunderbare Filme das organisierte Verbrechen der Menschheit bisher gebracht hat. Immer wieder prallen in Geschichten über die großen Verbrechersyndikate der Welt ganze Generationen von Menschen aufeinander. Meist sind es beste Freunde oder Väter und Söhne, die zwischen Größenwahn, Kontrollverlust, Brutalität und Konkurrenzdenken zu tragischen Feinden werden. Und stets sind es nicht nur einzelne Widersacher, die den Folgen ihrer Verbrechen zum Opfer fallen. Nein, ihre ganzen Familien sind die Leidtragenden, im kriminellen wie im wörtlichen Sinne. Die Faszination des Gangsterfilms liegt vermutlich zunächst in den unüberwindbaren Verstrickungen, in die er seine Figuren einspinnt – und am Ende in den traurigen Blicken, mit denen einst gute Menschen sich im Moment ihres Todes auf ihre Anfänge zurückbesinnen, oft auf gegebene Versprechen, hin und wieder auf tragische Schicksalsschläge. Letztlich fragt der Gangsterfilm fast ausnahmslos nach der Rolle von Moral in einem brutalen, machtorientierten Rangsystem, wo Mitgefühl und Würde keinen Platz zu haben scheinen, für die Protagonisten aber dennoch immer wieder eine Rolle spielen.

Auch für Charly Mattheї ist seine Moral ein ungeschriebenes Gesetz. 22 Bullets präsentiert ihn als gutherzigen, emotionalen Mann, der sich durch radikale Brutalität in seiner Karriere durchsetzen konnte, diese jedoch nie wahllos einsetzte. Auch sein Rachefeldzug gehorcht diesen Regeln und so findet er beim Schutz seiner Familie sogar Beistand in Polizeikreisen. Was in der Welt von 22 Bullets entscheidet, ist nicht Recht oder Unrecht, sondern die Ethik. Oder in Charly Mattheїs Worten: „Gott richtet schneller als der Mensch“. Um Gut und Böse, richtig und falsch zu verdeutlichen, bedient sich der Film zwar wirkungsvoller, aber leider etwas überdeutlicher Mittel. Renos Figur, die er sehr anrührend und authentisch, dabei mit viel Humor verkörpert, funktioniert sehr gut als Sympathieträger, allerdings hätten ihr kleine Brüche vielleicht ganz gut getan. Noch schwerer kommt dieser Aspekt bei dem zynischen Gegenbild zum Tragen, das in Form der ehemaligen Bandenführer Mattheїs entworfen wird. Diese treten als degenerierte, sadistische Junkies auf, die foltern, schikanieren und sich gegenseitig bei jeder Gelegenheit krampfhaft ihre Stärke beweisen müssen. Hierin liegt wohl die kleine Schwäche des Films, denn klischeehafter könnten die Opfer eines Rachefeldzuges wohl kaum sein. Und noch fataler: Nicht immer nimmt man den Widersachern Mattheїs nach brutalen Gewaltexszessen ihre etwas flapsige Persönlichkeit ab, die sie dann in Dialogen an den Tag legen – besonders der von Migräne geplagte Tony Zacchia (Kad Merad) ist hier zu nennen.

Trotz seiner kleinen Unstimmigkeiten: 22 Bullets funktioniert durch die große emotionale Wärme, die Reno ausstrahlt, hervorragend. So fiebert man gerne mit dem traurigen alten Mattheї mit, wenn er alles für seinen friedvollen Lebensabend tut. Ebenso gerne sieht man ihm bei seinen trickreichen Spielen mit der Polizei zu. Natürlich erzählt die Geschichte aber vor allem einen geradliniger Rachethriller und verbeitet viel Laune durch die Szenen mit Mattheїs Opfern, die er immer wieder mit allen nötigen Mitteln zum Sprechen – und anschließend zum Schweigen – bringt.

22 Bullets
R: Richard Berry
D: Jean Reno, Kad Merad, Gabriella Wright, Richard Berry, Marina Fois, Jean-Pierre Daroussin
F 2010, 115 Min.
Copyright: Wild Bunch germany / Central Film
Kinostart: 02.12.2010