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SOBRE LA MARCHA, Copyright: Alcances Festival, Jordi Morató

SOBRE LA MARCHA, Copyright: Alcances Festival, Jordi Morató

von Linda Gasser

Wie oft fühlt man sich nach einem Film als müsste man sich mit den Fäusten auf die Brust schlagen? Diese Reaktion ist nicht gerade das Ziel, was ein Film normalerweise verfolgt. Dennoch, es gibt Filme, die genau das beim Publikum auslösen können. Den Besuchern des 46. Alcances Filmfestivals wird einiges geboten.

Seit 2009 hat sich das Festival auf Dokumentarfilme spezialisiert. Die Auswahl ist hierbei keineswegs eine reine Ansammlung dokumentarischer Informationsträger, wie uns die Gattung allzu oft in der Fernsehwelt aufbereitet wird. Fernab des Mainstreams schaffen es die Filme, ihre Zuschauer zu bewegen, amüsieren und mitfiebern zu lassen. Für den Dokumentarfilm ist es kein Leichtes Menschen in die Kinosäle zu locken. In Cádiz sind die Wände der verwinkelten Straßen ebenso Geschichtenerzähler, wie die Bewohner der ältesten Stadt Westeuropas. Auch die unermüdlich scheinende Sonne macht es den Festivalveranstaltern nicht gerade leichter, Zuschauer in die Lichtspielhäuser strömen zu lassen. Doch das Alcances hat sich bereits einen Namen gemacht: Zur Eröffnungsfeier des Festivals waren fast alle roten Samtsitze im Gran Teatro Falla belegt. Von den 257 eingereichten Filmen wurden 71 aufgeführt, 31 spanische Filme haben es in die Sección Oficial geschafft. Kurzfilme, mittellange Filme, Langfilme, von schrill bis kritisch ist das Spektrum der Programmgestaltung vielfältig und qualitativ hochwertig. Auch eine deutsche Filmemacherin konnte sich einen Platz in der Auswahl sichern. Ines Thomsen beobachtet in EIN PAPAGEI IM EISCAFE (UN LORO EN LA HORCHATERIA) ein Immigrantenviertel in Barcelona aus der humoristischen Perspektive vierer Friseurläden. Das Thema der Immigration spielt immer wieder eine tragende Rolle – auch in zahlreichen Kurzfilmen wird die Frage der eigenen Identität aufgeworfen.

Die Stimmung unter den Filmemachern ist sehr offen und familiär. Nach der letzten Vorstellung trifft man sich allabendlich im Populo, dem alten Stadtviertel, in dem noch bis tief in die Nacht ausgeschenkt wird. Am nächsten Morgen zu humaner Zeit ab elf Uhr sprechen die Filmemacher beim gemeinsamen Frühstück über ihre Erfahrungen und die projizierten Filme des Vorabends. Dieser formloser Austausch und das Zusammenkommen der Regisseure steht im Zentrum von Allem und macht das Festival an der Atlantikküste für die Filmemacher zu einem wichtigen Ereignis. In den vergangen Jahren haben sich hier bereits viele Filmschaffende kennengelernt, die dann später gemeinsame Projekte realisierten. Die Stadt mit ihrer wunderbaren kulinarischen Vielfalt lädt ein. Die Straßen sind eng, Autos haben wenig Platz und so ist jeder auf den Füßen unterwegs. Die frische Luft, der gute Wein, nicht zuletzt, dass die Stadtbewohner gern spontan anfangen zu singen – all das gute Leben steht im krassen Kontrast zu der oft brutalen Realität, die sich auf den Leinwänden abzeichnet. Nach der Vorführung von THE ACT OF KILLING waren die Gesichter bleich. Nach und nach hatten sich die Mägen der Zuschauer buchstäblich umgedreht, doch der ruhige Rhythmus der Stadt scheint wie eine Salbe für die Seele zu wirken. Mit Blick über den Plaza Libertad oder in die hübsch schäumende Espressotasse lassen sich die Filme verdauen. Es ist genau die Art Stadt, in der es sich am besten über die Missstände unserer Welt nachdenken lässt. Nicht zuletzt die ungestresste Gangart der Vorbeiziehenden hilft, sich auf eine Sache zu konzentrieren. Denn wo man die schweren Gedanken im Nu wieder los wird, lässt man sich einmal mehr auf sie ein.

Kontraste eröffnen sich auch innerhalb der Filme selbst. Als die Regisseurin von ORENSANZ herausfand, dass Angel Orensanz, der exzentrische Künstler aus einem 81-Seelen-Dorf Nordspaniens kommt, musste sie schmunzeln. Man nehme zwei Welten, die unterschiedlicher nicht sein könnten – die Lower East Side New Yorks und das 8-Straßen-Dorf Larués – man setze als Verbindungselement diesen urkomischen Künstler und man erhält ein erzählerisches Freudenwerk. Den Menschen aus dem Dorf ist es ein Rätsel, was dieser wohl weltbekannte Orensanz da treibt, auch in der Angel Orensanz Foundation, in seiner New Yorker Synagoge, haben ihn einige noch nie gesehen. Die Dame, die seine übergroßen Stoffkreise näht, berichtet stolz, dass sie selbst Künstlerin ist, seit sie für ihn arbeitet. Der Regisseurin Rocío Mesa gelingt es, dem Nukleus Orensanz illustrativ auf den Grund zu gehen: Während die Katzen in Larués auf Treppenstufen flötzen, dreht sich auf der anderen Seite der Welt eine Katze unter Orensanz‘ knallrotem Pinsel. Dass der Künstler heute der ist, welcher er ist, scheint unabwendbar mit seiner Herkunft verknüpft zu sein. In dem Dorf ist man neugierig, den Mann von Welt zu treffen, und so entschließt sich die Dorfgemeinschaft, dem Künstler ein Denkmal zu errichten. Das an vielen Stellen kuriose Werk findet einen sentimentalen Schluss. Es ist zu hoffen, dass der Film auch Eintritt zu deutschen Festivals erhält und man sich auch hier an der wunderbaren Zusammenführung dieser ganz unterschiedlichen Realitäten erfreuen kann.

Doch was muss ein Filmemacher nun tun, damit der Zuschauer im Nachhinein das tiefe Bedürfnis verspürt, sich auf den Oberkörper zu boxen? Der Film von Jordi Morató hat genau dieses Gefühl auslösen können. SOBRE LA MARCHA bedeutet ohne Plan seinem inneren Trieb zu folgen. Als der junge Regisseur durch einen Freund an den Ort gebracht wurde, an dem Garrell bereits seit 45 Jahren eine eigene Welt errichtet, war ihm schnell klar, dass er dessen Geschichte verfilmen möchte. Damals hatte er noch nicht damit gerechnet, dass Garrell jahrelang von einem Teenager mit der Kamera begleitet wurde. Der Künstler wurde selbst zum Regisseur und gab dem Jungen die Kamera. Dieses Footage einbeziehend, führt Morató den Zuschauer in die unglaubliche Welt eines Menschen, der sich gänzlich von den gesellschaftlichen Grenzen befreit und ganz SOBRE LA MARCHA lebt. Die Welten, die der Freigeist geschaffen hat, sind unglaublich und in seinem Spiel hört der Zuschauer offenbar tief in sich selbst. Während dem Film verspürt man den innigen Trieb, sich in den Dschungel aufzumachen, sich wie Tarzan an Lianen ins Wasser zu werfen und mit durchgestreckter Wirbelsäule die Brust rauszustrecken und mit den Fäusten kräftig dagegen zu schlagen. Verdient geht der Hauptpreis der Jury an Jordi Morató, dessen erster Langfilm ihn in der nächsten Zeit noch europaweit auf viele Festivals bringen wird.