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die frau die sich traut hof 1

Am Dienstagabend starteten die 47. Hofer Filmtage und wie immer scheint keine Berichterstattung über das Festival ohne eine Erwähnung der Bratwurstbude vor dem Kino oder des alljährlichen Fußballspiels möglich zu sein, die einen mindestens ebenso hohen Stellenwert für das Festival besitzen, wie die Filme selbst. Die Filme, das sind in diesem Jahr insgesamt 126 Kurz- und Langfilme, darunter allein 30 deutsche Spiel- und Dokumentarfilme, die wie immer vom Festivalgründer Heinz Badewitz persönlich aus einer Masse von rund 3000 Filmen, die er pro Jahr sichtet, ausgewählt worden sind. Dass ihm jedes der Werke auch tatsächlich am Herzen liegt, beweist Badewitz nicht nur, indem er überraschend viele davon persönlich anmoderiert– eine Tatsache, die bei über 40 Vorstellungen pro Tag und zusätzlich angesetzten Publikumsgesprächen eine beeindruckende Leistung ist, selbst wenn man die Nähe der auf zwei Kinos verteilten acht Kinosäle vernachlässigt. Nicht ohne Stolz weiß Sebastian Peterson, Regisseur des vor dem Eröffnungsfilm angesetzten Kurzfilms SCHWARZER FREITAG zu berichten, Badewitz hätte ihn gleich nach der Premiere darauf angesprochen, dass im aufgefallen sei, dass eine Pointe in der Endfassung geändert wurde.

Junge Filmemacher fühlen sich also noch immer gut aufgehoben bei Heinz Badewitz und seinem Festival, das sich trotz seiner internationalen Ausrichtung auch im fast 50. Jahr seine Bedeutung für den deutschen Film und dessen Nachwuchs nicht nehmen lassen will. Auffällig oft wird dabei jedoch erwähnt, dass Hof diesen Stellenwert eben „noch“ immer besitzt.
Dies sagt auch Marc Rensing, Regisseur des Eröffnungsfilms DIE FRAU DIE SICH TRAUT. Rensing wurde nach PARKOUR im Jahr 2009 damit die Möglichkeit zuteil, noch einmal die Hofer Filmtage zu eröffnen.
Während sich schon PARKOUR dezidiert mit der Körperlichkeit seiner Protagonisten auseinander gesetzt hat, geht es in DIE FRAU DIE SICH TRAUT nun um eine ehemalige Leistungsschwimmerin der DDR, die sich mit einer Krebsdiagnose arrangieren muss und daraufhin beschließt, den Ärmelkanal zu durchschwimmen. Eine besondere Faszination für „Körperfilme“ möchte sich der Regisseur jedoch nicht nachsagen lassen. Der Film sei vielmehr ein Puzzle, entstanden aus den eigenen Beobachtungen der späten Emanzipation seiner Mutter, Recherchen zu Doping im Spitzensport der DDR und einer früheren Zusammenarbeit mit Hauptdarstellerin Steffi Kühnert, der, so Co-Drehbuchautorin Annette Friedmann, „das Buch auf den Leib geschrieben wurde“.

die frau die sich traut kritik

Die Frau, die sich traut, heißt im Filme Beate und verwendet kurz vor ihrem 50. Geburtstag ihre ganze Energie darauf, sich um ihre zwei erwachsenen Kinder und ihr Enkelkind zu kümmern. Neben der Arbeit in der Wäscherei sorgt sie für den noch immer zu Hause wohnenden erwachsenen Sohn Alex (Steve Windolf) und dessen ebenfalls bei ihnen lebende herrische Freundin (Anna Blomeier). Daneben kümmert sich Beate auch um die Verpflegung und schulischen Leistungen ihrer Enkeltochter, da Tochter Rike (Christina Hecke) nach elf Jahren Studium endlich vor der Examen steht und neben dem Pschyrembel keine Zeit mehr für das eigene Kind findet.
Die ständige Verfügbarkeit Beates als Putzfrau, Köchin und Nachhilfe nehmen ihre Kinder selbstverständlich hin, ja sie fordern sie geradezu ein, ohne Dank und ohne nachzufragen, wie sich ihre Mutter fühlt. Selbst dann nicht, als Beate von einem Arztbesuch nach Hause kommt und ihr der Schock über die Diagnose Gebärmutterhalskrebs sichtlich anzumerken ist.
Beate beginnt daraufhin den gewohnten Kreislauf zu durchbrechen und ihre „familiären Pflichten“ zu Gunsten der eigenen Selbstverwirklichung zu vernachlässigen. Still und für sich alleine beschließt sie, sich einer Therapie zu verweigern und nimmt stattdessen ein anderes Ziel in Angriff. Die ehemals schnellste Schwimmerin der DDR möchte noch einmal eine sportliche Höchstleistung vollbringen und nimmt ein hartes Training auf.

So wie die Kamera im Wasser immer gerade über der Oberfläche, ganz dicht an Beate dran ist, so bezieht der Film nicht nur in seinen Bildern Stärke aus seiner Hauptfigur. Das zurückgenommene Spiel Steffi Kühnerts vermittelt eindringlich Beates Ängste, Zweifel und Anspannung. Ihr Körper, dem harten Training verbissen ausgesetzt, zeugt aber von ihrer Entschlossenheit und Stärke.

So wenig wie sich Beate tatsächlich im Dialog mit anderen über ihre Vergangenheit und den darin stattgefunden Dopingmissbrauch austauscht, genau so wenig möchte sie jetzt über die Krankheit sprechen, die dieser vielleicht ausgelöst hat. Ohne ihrer Familie von der Erkrankung zu erzählen, setzt sie sich lieber in Badewannen voller Eis, absolviert stundenlanges exzessives Training und ignoriert jegliche Auseinandersetzung mit den Ärzten genau so wie mit ihrer Familie.

Dies ist sicherlich auch dadurch begründet, dass Marc Rensing, trotz der sich wegen der Thematik und der Besetzung mit Steffi Kühnert aufdrängenden Vergleiche mit HALT AUF FREIER STRECKE, keinen Film über Krankheit drehen wolle. Ebenso wenig ein gesellschaftliches Drama über Doping und vor allem „kein Ostplattenbaudrama-Scheißding schon 1000 mal gesehen“. Ihm ging es um die Emanzipation einer starken Frau.
Dies ist ihm auch erfolgreich gelungen, allerdings nur soweit der Film sich tatsächlich auch mit der erstarkenden Beate beschäftigt. Denn da ist ja auch noch den Rest der Familie. Der stört den Film nicht nur durch die unnötig schwergewichtete Parallelhandlung, in der sich Rike mit ihrer eigenen Tochter wieder annähert, sondern auch die überspitzt angesetzten Nebenfiguren per se. Diese sorgen zuweilen für den wohl gewünschten comic relief, schrammen dabei jedoch immer nur allzu knapp am Klischee vorbei. Allein Jenny Schilly überzeugt neben Steffi Kühnert als Beates beste Freundin Henni, deren glaubhafte Darstellung allein sich mit der der Hauptdarstellerin zu einem stimmigen Ganzen fügt.
Schade ist auch, dass dem Film eine Ärmelkanaldurchquerung als spannendes Finale allein nicht genügt. Die körperliche Anstrengung und Leistung, die die Schwimmer auf über 30 km im nicht mal 20 Grad warmen Wasser auf sich nehmen müssen, werden einem spätestens durch Beates exzessive Vorbereitung bewusst.

Wenn Beate dann in Dover ins Wasser steigt, ist die Spannung auf und vor der Leinwand greifbar. Schließlich weiß man schon allein daher nicht, ob sie auf der anderen Seite wieder an Land gehen wird, da sie nicht einmal mehr das eigene Leben zu verlieren hat. Zusätzliche Verstrickungen in Form eines kaputten Begleitboots und plötzlich auftauchender Fischereinetze wären dabei nicht mehr nötig gewesen.
Anscheinend jedoch für Regisseur Marc Rensing, der einen Film machen wollte, „der die Leute ins Kinos zieht“. Dank des X-Verleihs kann dies ab dem 12. Dezember geschehen.

männer zeigen filme frauen ihre brüste cannes 1

Eine größere Plattform für starke Frauen, vor allem auch hinter der Kamera, wünscht sich auch Regisseurin Isabell Šuba, die am ersten Tag ihren Film MÄNNER ZEIGEN FILME UND FRAUEN IHRE BRÜSTE präsentiert. Vom Mikrokosmos Hofer Filmtage aus gewinnt man dadurch Einblicke in einen viel, viel größeren Kosmos, nämlich den der Filmfestspiele von Cannes. Šuba, 2012 mit ihrem Kurzfilm CHICA XX MUJER zur Next Generation eingeladen, wird bei ihrem Cannes-Besuch von ihrem Produzenten David Wendland begleitet und dabei immer auch von einer Kamera.

So folgt man Isabell und David, wie sie zwar neben den anderen jungen Regisseuren der Next Generation auf die Bühne gerufen werden, ansonsten aber vergeblich versuchen, auf wichtige Empfänge oder Partys zu gelangen. Isabells Hauptanliegen, die Idee zu ihrem nächsten Projekt zu pitchen, scheint mehr und mehr zu einem nicht verwirklichbaren Unterfangen zu werden. Dies liegt nicht zuletzt an David, der nicht einmal ihr Treatment gelesen hat, sondern vor ihrer Ankunft durchzechte Parties mit Fatih Akin im gefühlte 24 Stunden geöffneten German Films Pavillon verbracht hat. Nachmittags um halb fünf stehen Isabell und David dort aber auf einmal vor verschlossenen Türen. Türen, hinter denen die Karten für die nächste wichtige Party zum Networken liegen. Die durchaus mangelhaften organisatorischen Fähigkeiten Davids werden durch Isabells ständige Kritik an ihm und zunehmenden neurotischen Ausfälle allerdings nicht gefördert. Ihr ist Fatih Akin egal. Nicht hingegen die Tatsache, dass Regisseurinnen in Cannes, nicht nur im Jahr 2012, in dem keine Frau im Wettbewerb vertreten ist, unterrepräsentiert sind und Frauen scheinbar nur auf äußerlichen Reize reduziert werden. Ihre Frustration lässt sie mehr und mehr an David aus, der sich keiner Schuld bewusst ist und mit chauvinistischer Selbstherrlichkeit kontert. Diese ständigen Reibereien führen letztendlich dazu, dass die beiden ihr Gegenüber sofort irritieren, selbst wenn sie es endlich einmal zu einem Gesprächstermin schaffen. Noch dazu werden die gegenseitigen Angriffe stetig intimer und stellen nicht nur das Pitching in Cannes, sondern vor allem Isabells und Davids gemeinsame berufliche Zukunft in Frage.

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Wer es vorher nicht schon wusste oder spätestens an “Isabell Šubas” übersteigertem Auftreten gemerkt hat, der wird im Abspann aufgeklärt: MÄNNER ZEIGEN FILME UND FRAUEN IHRE BRÜSTE ist eine im Guerillaverfahren gedrehte Mockumentary, für die die echte Isabell Šuba ihre Identität an Schauspielerin Anne Haug abgegeben hat, sich selbst als Filmstudentin ausgegeben und dann mit falscher Akkreditierung in fünf Tagen ohne Budget während des Festivals in Cannes gedreht hat. Im Nachhinein wurde die Produktion per Crowdfunding finanziert.
Anders als der plakative Titel vermuten lässt, nimmt die Kritik am Sexismus des Systems im Film jedoch eine überraschend periphere Rolle ein, dominiert von der Ignoranz und den grundsätzlichen Eitelkeiten aller Mitglieder dieses Systems. Der Konflikt brodelt dabei auf der intimen Ebene zwischen Isabell und David (Matthias Weidenhöfer), die zeitweise Gefahr laufen, selbst zu geschlechterstereotypen Klischees zu verkommen.
Hier der kritikresistente David, dessen persönliche Angriffe sich hinter zunehmend ignoranten Fragen zu Isabells Homosexualität verbergen („Dose auf Dose. Das klappert doch!“), da die beinahe hysterische Jungregisseurin („Ich trinke Kaffe nur schwarz. Oder mit Zucker! Oder mit Milch!“), die unbeirrbar von ihrer künstlerischen Vision überzeugt ist – selbst wenn es sich um ein Schwesterndrama verpackt in einem Science-Fiction-Western handelt.
Die Verstrickungen und Dialoge, basierend auf einem Treatment von Lisa Glock und der Improvisation vor Ort, sind wegen ihres wahren Kerns jedoch unterhaltsam und witzig. Selbst wenn Anne Haugs Isabell die Grenze zwischen glaubhafter Mockumentary und überdrehter Satire ab und an überschreitet.

Den Drang zur uneingeschränkten künstlerischen wie persönlichen Selbstdarstellung teilen sich Isabell und David mit allen Industrieangehörigen, die ihnen begegnen, genauso wie mit den Stars auf dem roten Teppich und dem für Cannes üblichen Kuriositäten-Kabinett auf der Croisette. Von Palmen und Yachten abgesehen, könnten sich solche Szenen bei allen großen Filmfestivals dieser Welt abspielen.
Und daher ist der Film, trotz Isabell Šubas Frustration darüber, es als Regisseurin noch schwerer zu haben, als als junger Filmemacher sowieso schon, tatsächlich eher ein „leiser Protest“ an Cannes. Der Film wurde dort dennoch abgelehnt und feierte letztendlich Weltpremiere im Wettbewerb in Zürich. (Ebenso wie DIE FRAU DIE SICH TRAUT).

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Wobei wir bei der Deutschlandpremiere und wieder bei den Hofer Filmtagen wären. Hier steht die echte Isabell Šuba vor den Zuschauern. Im Gegensatz zu ihrem Double in Cannes auch ohne Paillettenminikleid und High Heels, sondern in Jeans und T-Shirt. Und wenn die, laut eigener Aussage, festivalmüde Regisseurin das Publikum nach Filmschluss auf ein gemeinsames Bier einlädt (vor der Bratwurstbude statt auf der Yacht), kann man verstehen, warum die Hofer Filmtage auch im 47. Jahr noch Anziehungspunkt für junge RegisseurInnen sind. Hier zeigen noch Männer und Frauen Filme… und fast alle essen Würste.

 

Bilder-Copyright: Hofer Filmtage

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