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Mit der Außenseiter-Dramödie Terri des New Yorker Regisseurs Azazel Jaobs und der aus drei Blickwinkeln erzählten Sozialstudie Onder ons des Niederländers Marco van Geffen stehen in Locarno zwei Filme im Wettbewerb um den Goldenen Leoparden, die gut zugängliches Erzählkino mit Ansätzen von Experimentierfreude kombinieren.

Terri ist nach seinem Hauptcharakter (gespielt von Jacob Wysocki) benannt, einem übergewichtigen, tapsigen und gutherzigen Außenseiterschüler, der bei seinem kranken Onkel James (Creed Bratton) wohnt und sich nicht in die Gesellschaft einzufügen weiß. Das Format „quirky outcast dramedy“ bildet ein eigenes Subgenre des US-amerikanischen Independent-Films, Terry Zwigoffs Ghost World etwa fühlt sich ähnlich an wie dieser Film. Nach permanentem Zuspätkommen und Tragen von Pyjamas im Unterricht wird Terri zu Mr. Fitzgerald (John C. Reilly) beordert, Vizeleiter der Schule und psychologischer Berater von Problemschülern. Dessen Büro ist vollgestopft mit Motivationspostern, und motiviert ist er in der Tat. Wie merkwürdig sich die Schüler auch benehmen, der auch nicht ganz angepasste Mr. Fitzgerald ist unermüdlich für sie da und dient als Mülleimer für den seelischen Abfall. Auch Chad (Bridger Zadina) hat es nicht leicht, der leicht verwahrloste, schmächtige Junge weckt abwechselnd Mitleid und Schrecken. Mit dem Schrecken davon gekommen ist die frühreife Heather (Olivia Crocicchia), zwischen deren unfreiwilligen Schenkeln der Finger eines Mitschülers während des Unterrichts Befriedigung und als Konsequenz einen Beinahe-Schulverweis verursacht hat. Terri freundet sich mit den beiden an, man hängt zusammen ab, klagt sich das Leid, berauscht sich und setzt vorsichtig Fuß auf das Glatteis jugendlicher Sexualität.

Der Film hangelt sich von schrulligen Szenen zu leidlich emotionalen, kombiniert trockenen Humor mit anrüchigem und bricht dabei ein paar Tabus, die es vielleicht ohnehin nicht mehr gibt. Psychologisch schlüssig ist das nicht immer, etwas zu häufig geht der Film mit dem Bauchladen der Verschrobenheit hausieren und erscheint merkwürdig um der Merkwürdigkeit willen. Man kann sich das ansehen und unterhalten fühlen mit der stotternden Funktionalität der Ersatzfamilien-Konstellation, aber letztlich bleiben die Charaktere beliebig, scheinen mehr auf Wirkung getrimmt denn als authentische Menschen. Dem Film ist es sehr wichtig, seine idiosynkratischen Figuren mit Originalität auszustatten und schießt mit seiner Konstruktion etwas übers Ziel hinaus – die Charaktere büßen irgendwann an Glaubwürdigkeit ein. Terri wirkt etwas bemüht, reiht sich aber nahtlos in sein Subgenre ein. Neben dem gennannten Ghost World gehört auch Mike MillsThumbsucker dazu – wer diese Art Film zu schätzen weiß, wird auch Terri mögen.

Der niederländische Festival-Beitrag Onder ons (Unter uns) ist in zweierlei Hinsicht ein spannender Film: Der erste Langfilm des Regisseurs Marco van Geffen verbindet die Gesellschaftskritik an einer vor allem mit sich selbst beschäftigten Mittelschicht, die die Probleme anderer halb-bewusst ausblendet, mit einer dreifach perspektivierten Erzählung, deren Einzelsegmente sich nach und nach zu einem plausiblen und erschreckenden Gesamtbild fügen. Diese Erzählweise ist nicht neu, aber selten kam sie so pointiert und wirkungsvoll zum Einsatz wie hier. Die Polin Ewa (Dagmara Bak) arbeitet als Au-pair in Amsterdam bei dem jungen Paar Ilse (Rifka Lodeizen) und Peter (Guy Clemens). Deren Perspektive bildet den ersten Abschnitt des Wahrnehmungs-Mosaiks. Keiner spricht die Muttersprache des anderen, Englisch dient als Mittlersprache. Ewa wirkt aus der Sicht des Paares verschlossen, unkommunikativ und unkooperativ. Man ist als Zuschauer geneigt, diese Einschätzung zu teilen, da der Film den Blick auf Ewa an die Gefühlswelt und Interessen der Eltern bindet. Mit dem kleinen Kind kommt sie zwar wunderbar zurecht, aber sie bleibt einmal zu lange mit dem Nachwuchs außer Haus und nimmt ihn auch zu sich ins Bett, ohne das vorher mit der Familie abzusprechen. Nach einer langen Partynacht erbricht sie sich in den Flur des Hauses – das ist zu viel für Ilse und Peter, Ewa wird entlassen.

Das zweite Segment schildert den gleichen Zeitraum aus der Sicht von Aga (Natalia Rybicka), Ewas lebhafter Freundin, die ebenfalls aus Polen kommt und als Au-pair bei Anton (Reinout Bussemaker) arbeitet. Ewa rückt nun mehr in den Vordergrund, gegenüber Aga taut sie etwas auf, aber Aga ist in dieser Zweck-Freundschaft zu dominant, als dass Ewa unbeschwert sie selbst sein könnte. Ewas Sicht ist schließlich der letzte und wichtigste Erzählabschnitt. Nun wird deutlich, worum es wirklich geht. Der Film hat zu diesem Zeitpunkt bereits zu verstehen gegeben, dass ein Serienvergewaltiger junge Frauen missbraucht und tötet. Und Ewa hat einen begründeten Verdacht: Agas Au-pair-Vater Anton macht Ewa eindeutige Avancen und wird aufdringlich, als Aga einmal kurz nicht da ist. Ist er der gesuchte Vergewaltiger? Vieles deutet darauf hin, aber sicher ist sich Ewa nicht. Ihre Gedanken wie die des Zuschauers kreisen nun um diese Frage, aus Unsicherheit und Angst zieht sich das ohnehin schüchterne Mädchen noch mehr zurück – die Ursachen für Ewas Verhalten im ersten Filmabschnitt werden nun offenkundig.

Die Perspektivierung der Handlung erfüllt einen klaren Zweck: Ernsthafter Kommunikation und einem Interesse am Anderen, das über bloße Oberflächlichkeiten hinausgeht, steht immer die Selbstbezüglichkeit der Charaktere im Weg. Für Ilse und Peter ist Ewa nicht viel mehr als eine Hilfskraft und die ab und an gestellten Fragen nach ihrem Befinden sind moralische Alibi-Handlungen. Aus Ewas Sicht wird deutlich, dass sie überhaupt nicht zu Wort kommt – ihre Antworten werden im Keim erstickt. Ewa soll funktionieren, kein komplexer Mensch mit Problemen sein, mit denen man sich ernsthaft auseinandersetzen muss.

Bezeichnend ist die soziale Schicht von Ilse und Peter, deren Bedürfnisstruktur vielleicht symptomatisch für ein Phänomen ist, das als „soziale Kälte“ bezeichnet wird. Viel Zeit, Geld und Arbeit wird in den Aufbau einer Familie geteckt und einer Karriere, die einen halbwegs gehobenen Lebensstandard ermöglicht. Ist das erstmal erreicht, bleibt wenig Platz mehr für die Probleme von Menschen, die weniger durchsetzungsfähig und selbstbewusst sind. Die Kleinfamilie wird zum abgeschotteten Kosmos der harmlosen, aber selbstzentrierten Bürgerlichkeit. Der britische Regisseur Mike Leigh hat dieses Phänomen in seinem Film Another Year ähnlich beschrieben, einem Film, der ebenfalls mit einer spannenden Perspektivierung arbeitet. Onder ons ist erzählerisch noch konzeptueller und radikaler. Ewas Geschichte geht weiter als die ersten beiden Perspektiven. Als sich die Verdachtsmomente gegen Anton häufen, will Ewa die Wahrheit über ihn wissen und geht ein Risiko ein, dessen bewusste Inkaufnahme für den Zuschauer befremdlich erscheint. Dann wird der Zuschauer wieder auf seine ganz eigene Perspetive zurück geworfen. Van Geffens Film ist ein trauriges Werk. Der Konstruktionswille geht stellenweise etwas weit, Onder ons zählt jedoch zu den überzeugendsten Beiträgen des Wettbewerbs in Locarno.