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In Nicolas Winding Refns Crime-Thriller Drive kommt es nach etwa 40 Minuten zu einer Szene, da setzt sich der namenlose Hauptcharakter (gespielt von Ryan Gosling, im Text der Einfachheit halber „Driver“ genannt – so bezeichnen ihn auch die Credits) recht lautstark und gewalttätig mit einer Frau namens Blanche (Christina Hendricks) auseinander, weil sie ihn in eine ziemlich missliche Lage befördert hat. Die Frau betritt das Bad, der Driver bleibt im anderen Zimmer zurück und bemerkt nach einem Blick auf das Handy von Blanche, dass etwas an dieser Situation faul ist. Aufnahme eines Türknaufs, die Ruhe vor dem Sturm. Alle Bewegungen werden träge, der Film läuft in Zeitlupe. Hinter dem Fenster des Badezimmers erscheint der dunkle Schemen einer Gestalt. Was dann passiert, soll an dieser Stelle nicht verraten werden, aber spätestens nach dieser Szene ist offenkundig, in welchem Gang Drive fährt, um seine gewalttätige, melancholische, abgründige, zärtliche und schaurig-geheimnisvolle Filmwelt an den Augen des Zuschauers vorbeirasen zu lassen.

Der Driver arbeitet als Stuntfahrer für Filmdrehs, als Mechaniker in der KfZ-Werkstatt seines Freundes Shannon (Bryan Cranston) und man kann ihn auch als Fluchtwagenfahrer für Raubüberfälle anheuern. Wer garantiert davon kommen will, fährt mit der Entscheidung für den Driver gut, denn der Driver verschmilzt hinter dem Lenkrad förmlich mit dem Wagen, die Fahreigenschaften werden zu körperlichen Fähigkeiten, unmöglichste Manöver vollführt er ohne einen Wimpernschlag. Der Driver ist eine undurchsichtige Person. Er ist kühl, aber nicht unfähig zur Liebe, das stellt er im Umgang mit Irene (Carey Mulligan) unter Beweis.

Irene, eine zarte, zurückhaltende Frau, wohnt im gleichen Stockwerk wie der Driver. Ihren jungen Sohn Benicio muss sie derzeit alleine erziehen, sein Vater Standard Gabriel sitzt derzeit im Gefängnis. Der Driver hilft Irene bei einer Autopanne aus, er lernt die Familie näher kennen, versteht sich gut mit dem kleinen Benicio. Der Driver und Irene wollen einander nahe sein. Die Dauer eines Blickes kann viel aussagen. Blickt man einem Menschen, zu dem man sich hingezogen fühlt, einen Moment länger in die Augen, als soziale Konventionen dies im Rahmen gewöhnlichen Interesses gestatten, beginnen die Augen zu sprechen, zu begehren. Winding Refn inzeniert wortlose, langanhaltende Augenkontakte zwischen Gosling und Mulligan. Newton Thomas Sigels Kamera blickt da einige Momente länger hin, als Kameras das normalerweise tun. Nichts passiert. Kein Senken des Blicks, kein entlastendes Kichern. Die Blicke der beiden sind das Eingeständnis des gegenseitigen Begehrens, aber da ist ja noch der Vater. Standard Gabriel wird aus dem Gefängnis entlassen, frei ist er deshalb jedoch nicht, er schuldet gefährlichen Leuten Geld. Ein letzter Raubüberfall soll das Problem lösen. Der Driver möchte sich nicht zwischen die Eheleute drängen; er möchte, dass Irene glücklich ist. Er erklärt sich bereit, den Fluchtwagen zu fahren. Wenige Minuten nur hat Standard Zeit, während denen ihm der Driver zur Verfügung steht. Kurz darauf ist der Driver im Besitz einer prall gefüllten Tasche. Der Inhalt: Eine Millionen Dollar, die eigentlich Bernie Rose (Albert Brooks) gehören, einem gefährlichen Drahtzieher der Unterwelt.

Drive lässt sich nicht eindeutig in ein Genre kategorisieren. Es steckt viel Neo-Noir in diesem Film, einige Action-Tupfer, aber während einiger Momente greift die Inszenierung auch Konventionen des Horrorfilms auf. Grund für das Unheimliche ist der Driver, der zeitweise nicht von dieser Welt zu sein scheint, gleichzeitig tot und lebendig ist. Seine Seele klafft gefährlich auseinander, er ist zu mitfühlender Zärtlichkeit ebenso bereit wie zu monströsen Gewaltausbrüchen, die etwas sehr Dunkles an die Oberfläche bringen. Was in seinem Inneren vorgeht, welche Dämonen in ihm wüten, bleibt sein Geheimnis – und das muss sehr, sehr düster sein. Den riesigen Skorpion auf dem Rücken seiner silber schimmernden Jacke könnte man bereits als Warnsignal begreifen, hätte ihr geschmackloser Stil nicht auch etwas Komisches. Er wirkt nicht unsympathisch, aber seine Mimik ist oft inexistent, eingefroren. Sein Gesicht reagiert nicht. Selten umspielt ein Lächeln seine Lippen, der Blick seiner Augen ist bohrend, unnachgiebig und pfeilgerade. Er blinzelt kaum. Wenn der Driver für einen gefährlichen Filmstunt eine Michael-Myers-artige Maske aufsetzt, beschleicht einen das Gefühl, dass er zwei Masken trägt. Und selbst die genügen nicht als Damm gegen die Wellen seiner unbändigen Wut.

Die Assoziations- und Inszenierungsebenen von Drive sind extrem vielfältig, die Handlung speist sich aus schematischen Elementen des Film Noir, manche der Einstellungen erinnern jedoch an bizarre Pop-Art Kunstwerke. Die Psychologisierung ist minimalistisch, die Emotionen sind elementar, schwelen unter den Oberflächen. Das Design der pinkfarbenen Credits zu Beginn führt auf kürzestem Weg zurück in die 1980er Jahre. Die spontanen Assoziationen reichen von Pretty Woman bis Miami Vice, von kitschiger Liebe bis knallhartem Verbrechen. Man könnte die Ästhetik von Drive halbwegs treffend als eine Art Synthese aus den Inszenierungs-Stilen von Michael Mann und David Fincher bezeichnen. Von Fincher werden hyperreale Bilder und Verfremdungseffekte übernommen (manche Zeitlupeneffekte erinnern an Panic Room), von Mann die die unterkühlte, zum Zerreißen gespannte Atmosphäre der Gangsterwelt, in der die Gegensätze manchmal so dich – zu dicht – beieinander zu liegen scheinen. Collateral könnte entfernt mit diesem Film verwandt sein. Nicolas Winding Refn hat für diesen Film bei den Filmfestspielen in Cannes 2011 den Preis für die beste Regie erhalten. Das geht in Ordnung.

Drive schafft nämlich etwas Neues, einen aktionsgeladenen, ästhetisierten Albtraum, aus dem die Möglichkeiten eines zärtlichen Miteinander gnadenlos mit Blut ausgewaschen und nur kurz, für einen längeren Augenblick, als Hoffnungsschimmer bestehen. Es ist ein Film zwischen den Welten und Zeiten. Der Driver scheint stellenweise somnambul durch das Leben zu wandern, einem Zombie gleich, der einen gefährlichen Traum von einem einfachen, glücklichen Familienleben zu träumen scheint, in den immer wieder blutrünstig die einzige Sache einbricht, die der Driver einfach nicht abhängen kann, auch wenn er das Gaspedal bis zum Anschlag durchdrückt. Drive kombiniert die Präsenz und Chemie seiner Darsteller, Retro-Noir-Ästhetik und den Hauch Horror zu einem Gesamtkunstwerk, das sehr häufig Oberfläche bleibt. Unter der Oberfläche brodelt ein gewaltiger, filmischer Vulkan.

Hier geht es zur Gesamtberichterstattung zum Film Festival Locarno.

Drive
R: Nicolas Winding Refn
B: Hossein Amini, nach einem Roman von James Sallis
K: Newton Thomas Sigel
D: Ryan Gosling, Christina Hendricks, Bryan Cranston, Carey Mulligan, Ron Perlman
USA, 2011, 100 Min.