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Was tun, wenn ein kurzer Augenblick deine bisherige Sicht auf dein Leben, deinen Partner und deine Beziehung völlig verändert? Was sagen, wenn eine reflexhafte Geste einen irreversiblen Riss in deine Liebe gezogen hat? Diese Fragen wälzt die Regisseurin Julia Loktev in ihrem Wettbewerbsbeitrag The Loneliest Planet, in dem ein junges Paar, Alex (Gael Garcia Bernal) und Nica (Hani Furstenberg), zusammen mit einem einheimischen Bergführer (Bidzina Gujabidze) das Kaukasusgebierge in Georgien durchwandert. Alex und Nica sind Abenteuertouristen. Sie sammeln Orte wie andere Menschen Filme oder Briefmarken. Sie klettern lebensfroh über Felsen, machen Handstände am Abgrund, überqueren reissende Ströme und lernen spielerisch andere Sprachen. Sie passen in die Kategorie „öko“, Nica mit ihren hennaroten Haaren, Alex, der zuhause nur Fahrrad fährt. Man hasst sie ab den ersten fünf Minuten für ihr problemloses Leben, dafür, dass sie glauben, keine Touristen zu sein (nur ungern zückt Alex seine Kamera für ein Erinnerungsfoto) und dabei mit der größtmöglichen touristischen Ahnungslosigkeit und Naivität den Problemen der Einheimischen und den Gefahren in den Bergen gegenüberstehen.

Wie in einem zu lang geratenen Urlaubsvideo zwingt Julia Loktev den Zuschauer dem unspektakulären Alltag dieser Reise durch die überwältigende Wildnis beizuwohnen, den banalen Gesprächen und Witzeleien, Alex und Nicas glückseliger Verliebtheit. „Das ist Freiheit“, scheinen ihre strahlenden Gesichter zu sagen, wenn sie sich unter dem blauen Himmel ins Gras fläzen. Ihr Bergführer kann ihre Ausgelassenheit nicht teilen. Immer wieder bleibt er erstarrt stehen, horcht auf die Geräusche in der umliegenden Gegend. Für ihn sind diese Touristenreisen sein Lebensunterhalt. Die Verantwortung für seine Schützlinge, das Wissen um die Gefahren, die in den Bergen lauern, die Einsamkeit in seinem kleinen Ein-Mann-Zelt symbolisieren für ihn nicht Spass und Freiheit, sondern sind harte Arbeit. Die Unterschiede in der Mentalität des Paares und ihres Führers deuten sich von vorneherein leise an, in der Pikiertheit, mit der sie über seine nicht böse gemeinten Witze über China lachen, oder dem belehrenden „You cannot say that“, mit dem sie seine Vorurteile gegenüber Afro-amerikanischen Autoverkäufern quittieren. Political correctness und aus Umweltschutz kein Auto fahren sind keine Werte, die in einem Land, das von Armut und politischen Unruhen gezeichnet ist, vorherrschen. Sie werden aus Wohlstand geboren, aber dessen scheinen sich Alex und Nica nicht bewusst zu sein.

Trotz der ereignislosen Erzählung, die Loktev über eine Stunde lang präsentiert, spürt man, dass etwas im Argen liegt, dass diese ungebrochene Naivität und Lebensfreude von Alex und Nica die Konfrontation mit der umliegenden Naturgewalt nicht unbeschadet überstehen kann. Und schließlich ist er da, der Moment, der alles verändert. Bei einer lebensbedrohlichen Konfrontation mit bewaffneten Bergleuten begeht Nico reflexartig einen Fehltritt, der die Stimmung des Films und die Psyche der Figuren in ihr komplettes Gegenteil verwandelt. Plötzlich vergrößert sich der Raum zwischen den Wandernden, sowohl symbolisch als auch bildlich. Die fröhliche Ausgelassenheit von Alex und Nica wird paralysiert, ihre strahlenden Gesichter erstarren in Schock, Fassungslosigkeit und Enttäuschung. Alex wandelt wie ein Zombie durch das Gebierge, weiß nicht, was er sagen oder tun soll, nachdem die Extremsituation Licht auf eine Seite in ihm geworfen hat, die ihm bisher selbst verborgen geblieben war. Leise und verängstigt umschleicht er Nica, will sie berühren, wagt es aber nicht. Auch Nica weiß nicht, wie sie reagieren soll.
Nachdem der erste Schock verkraftet ist, stellt sich ihr die Frage, ob sie den Fehltritt jemals verzeihen kann. Darüber sprechen, können die beiden nicht. Zu groß ist die Angst vor dem, was sie über einander gelernt haben, um sie in Worte fassen zu können. Am Ausgeglichensten ist jetzt der Bergführer, der endlich aus dem Schatten der Menschen, denen es einfach zu gut geht, heraustreten kann. Für ihn sind solche Konfrontation zu alltäglich, um sein Leben aus der Bahn zu werfen. Er kennt menschliche Abgründe, weil er aus einem Land kommt, in dem sie regelmäßig durch ebensolche lebensbedrohlichen Situationen an die Oberfläche kommen. Plötzlich findet er ein Ohr, Verständnis und Mitgefühl für seine leidvolle Lebensgeschichte und kann Nica sogar helfen, ihr eigenes Leben und ihre neue Erfahrung zu perspektivieren, zu relativieren.

Es gibt schließlich größeres Leid als die unbeabsichtige Enttäuschung durch einen geliebten Menschen. Und wer kann schon von sich behaupten, keine Abgründe zu haben? Ob die beiden es schaffen, einander wieder nah zu kommen, bleibt offen. Dass sie sich für immer verändert und ihre Naivität eingebüßt haben, steht außer Frage. Nica und Alex sind Figuren, die für jedes Paar dieser Welt stehen könnten. Sie sind nicht individualisiert, sondern bewusst offen gelassen, dass sie als Projektionsfiguren funktionieren. Das lässt den Film stark nachwirken und eröffnet die unangenehme Frage, wie gut man sich eigentlich selbst kennt.

Hier geht es zur Gesamtberichterstattung zum Film Festival Locarno

The Loneliest Planet

R, B: Julia Loktev
K: Inti Briones
D: Hani Furstenberg, Gael García Bernal, Bidzina Gujabidze
USA, 2011
113 min