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Aus dem Nahen Osten weht durch den diesjährigen Wettbewerb leider nur ein laues Lüftchen mit der libanesisch-französischen Co-Produktion „Beirut Hotel“ und dem israelisch-palästinensisch-französisch-deutschen Beitrag „Tanathur“.

Die Regisseurin von „Beirut Hotel“, Danielle Arbid, ist in Locarno kein Neuling. Im Videowettbewerb wurden bereits zwei ihrer Dokumentarfilme ausgezeichnet, Seule avec la guerre 2000 mit dem Pardo d’argento und Conversation de salon 2004 mit dem Pardo d’oro. Auch ihre Dokumentation, Aux frontières (2002), sowie ihre Spielfilme Dans le champs de bataille (2004), „Un homme perdu“ (2007) und „This Smell of Sex“ (2008) wurden in Locarno gezeigt. So ist es nicht verwunderlich, dass sie es mit ihrem neuesten Spielfilm, „Beirut Hotel“ nun endlich in den Internationalen Wettbewerb geschafft hat. Schade nur, dass es einer der schwächeren Beiträge in der Sektion ist.

Die wunderschöne libanesische Sängerin Zoha begegnet in Beirut dem französischen Anwalt Mathieu, der auf Geschäftsreise ist. Obwohl Mathieu verheiratet ist, verfallen sie ihrer Lust und Begierde und beginnen eine intensive Affäre. Beide entwickeln stärkere Gefühle als die komplizierten Umstände es erlauben und Zoha möchte, dass Mathieu sie aus dem libanesischen Krisengebiet mit nach Frankreich nimmt. Als der Franzose jedoch unabsichtlich in die Schusslinie politischer Machenschaften gerät, muss er zwischen seinem Verantwortungsgefühl gegenüber Zoha und seiner eigenen Sicherheit wählen. Es ist interessant, wie Danielle Arbid versucht, den Zuschauer am eigenen Leib die Nerven zehrende Unsicherheit der Krisensituation im Libanon, einem Land, das beständig auf der Kippe zum Katastrophenausbruch steht, nachfühlen zu lassen. Dazu nutzt sie das unaufhörliche Auf und Ab, das Changieren zwischen Gewalt und Leidenschaft, Liebe und Wut in der zehntägigen Liebesgeschichte ihrer beiden Hauptfiguren. Durch die skizzenhafte, komprimierte Erzählweise verlieren de Figuren jedoch im Laufe des Films immer mehr an psychologischer Glaubwürdigkeit und damit auch an Zuschauer-Empathie – bei einem Melodram ein Schuss ins eigene Bein. Außer der faszinierenden Schönheit der Hauptdarstellerin Darine Hamzé und ihren langen Gesangseinlagen bietet der Film wenig, was die Aufmerksamkeit fesselt. Seine ästhetische Einfallslosigkeit mit vielen Close-Ups und Schuss-Gegenschuss-Dialogen, wie auch die undurchschaubaren, leicht unglaubwürdigen politischen Verstrickungen in der Erzählung lassen einen unbefriedigt zurück. Ein Film, den man schnell vergisst.

In Sachen psychologischer Unglaubwürdigkeit setzt „Tanathur“ von Tawfik Abu Wael dem jedoch noch eins drauf. Die Figuren des Films agieren größtenteils so unnachvollziehbar, ihre Beziehungsdynamik ist so befremdlich, dass man selbst die eigentliche Handlung nur schwer begreifen kann. Das Ehepaar Nour und Iyad, er ein älterer Arzt, sie eine junge Schauspielerin, möchten von Jerusalem nach Paris emigrieren. Kennen gelernt haben sie sich, als er eine Abtreibung bei ihr vornehmen wollte, sie jedoch beide auf dem Weg zur Klinik verhaftet wurden. Dieser Handlungsstrang wird aber nicht weitererzählt, man steigt erst einige Jahre später wieder ein. Da kein Kind da ist, hat das mit der Abtreibung wohl doch noch geklappt und aus der Zweckbeziehung ist eine Ehe erwachsen. Iyad verschiebt den Tag des Abflugs nach Paris wegen seiner Krankenhausarbeit immer weiter nach hinten, weswegen Nour frustriert eine Affäre mit ihrem Regisseur beginnt, aus der sie eventuell schwanger hervorgeht. Vielleicht ist dies auch nur ein Bluff, um Iyad zu provozieren – es bleibt offen. Iyad verheimlicht Nour, dass er krank ist. Worunter genau er leidet und wie schlimm die Krankheit ist, erfährt man nicht. Irgendwie wurschteln die beiden sich so durch, mal werden sie handgreiflich, mal schweigen sie sich an, Sex haben sie auch längst keinen mehr – eine gemeinsame Zukunft scheint eher erzwungen als wahrscheinlich. Wie Iyad schön sagt: „a fucked-up relationship“.

Es macht keinen Spaß, den Figuren in „Tanathur“ bei ihrem Alltag zuzuschauen. Das Problem ist: man versteht sie einfach nicht. In kleinen Momenten blitzt mal eine nachvollziehbare emotionale Reaktion durch, aber die meiste Zeit schaut man ihnen bei ihrem irrationalen Reigen der Selbstzerstörung zu. Vor allem Nour ist völlig ungreifbar, wie ein Kind, das jeder spontanen Laune nachgibt. Das scheint auch eins der Haupt-Eheprobleme zu sein: Iyad wünscht sich, Nour wäre fraulicher und erwachsener als sie ist, wohingegen sie sich von seiner männlichen Autorität gelangweilt und erdrückt fühlt. Vielleicht ist das Problem auch ein anderes, das in einem Augenzwinkern angedeutet und dann nie wieder aufgegriffen wurde. Der Film verliert sich gern in seinen narrativen Leerstellen. Ist es ein Culture Clash, der den Film so sperrig macht, oder ist es legitim zu sagen, dass er zu elliptisch und irrational erzählt, um zugänglich zu sein? Die vielen Menschen, die das FEVI während des Screenings verlassen haben, lassen auf letzteres schließen.

Hier geht es zur Gesamtberichterstattung zum Film Festival Locarno.

Beirut Hotel
R: Danielle Arbid
B: Danielle Arbid, Zeid Hamdan
D: Colette Abboud-Scatton, Fadi Abi Samra, Carole Ammoun, Charles Berling, Jinane Dagher, Rodney El Haddad, Darine Hamzé, Beatrice Harb, Sabine Sidawi Hamdan
K: Pierric Gantelmi d’Ille
Libanon/ Frankreich, 2011

98 min

Tanathur – Last Days in Jerusalem
R, B: Tawfik Abu Wael
D: Huda Al Imam, Ali Badarni, Lana Haj Yahia, A’mer Hlehel, Kais Nashif, Zuhaida Sabbagh
K: Caroline Champetier
Israel/ Frankreich/ Deutschland/ Palästina, 2011
81 min