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Die Präsenz des japanischen Regisseurs Hitoshi Matsumoto, der am zweitletzten Tag des Filmfestivals Locarno auf der Bühne der Piazza Grande stand, um seinen neuesten Film Saya Zamurai (Scabbard Samurai) zu präsentieren, lässt sich gewissermaßen als invertiertes Abbild dieses Films lesen. Kantige, männliche Gesichtszüge, ein strenger Ausdruck in den Augen, durchgedrückter Ruecken, der ganze Körper strahlt Disziplin und Ernsthaftigkeit aus. Er könnte einen dieser eiskalten Yakuza-Bosse spielen, die mit ruhiger Stimme mit irgendeinem Handlanger sprechen, der gerade einen Fehler begangen hat, ihm in beruhigender Geste den Arm um die Schulter legen, bevor sie ihm emotionslos das Genick brechen. Der erste Eindruck täuscht. Matsumoto ist in seinem Heimatland als Comedian bekannt und nach kurzer Zeit spürt man, dass er in der Tat ein ziemlich lustiger Kerl ist. Seine Ansprache an das Publikum bestand in stakkatohaften Ausrufen von Begriffen, die irgendwie mit der Schweiz zu tun haben (Fondue, DJ Bobo…), jeweils gefolgt von einem herzhaft gebrülltem „Ottimo“ – italienisch für „ausgezeichnet“, „großartig“.

Für Saya Zamurai gilt Ähnliches wie für Matsumotos Vorgängerwerk Shinboru (Symbol) – je weniger man darüber weiß, desto besser wirkt der Film. Vielleicht trifft das auf Saya Zamurai sogar noch mehr zu. Der Schauspiel-Amateur Takaaki Nomi spielt darin den heruntergekommenen Samurai Kanjuro Nomi, der mit leerer Katana-Scheide ängstlich auf der Flucht vor seinen Verfolgern ist. Bei der leisesten Berührung beginnt sein Kopfkino, seine überempfindliche Vorstellungskraft lässt Blut in Fontänen spritzen, wo es eigentlich nur einen winzigen Kratzer zu behandeln gibt. Seit dem Tod seiner Frau weigert er sich, zu kämpfen. Auf ihn ist ein Kopfgeld ausgesetzt, er wird gefasst und zusammen mit seiner resoluten Tochter Tae (bezaubernd gespielt von Sea Kumada) eingesperrt. Er bekommt eine letzte Chance: 30 Tage lang hat er Zeit, den kleinen Prinzen, der nach dem Tod seiner Mutter in eine katatonische Emotionsstarre gefallen ist, zum Lächeln zu bringen. Pro Tag ein Versuch. Gelingt ihm das, ist er frei. Wenn nicht, muss er den rituellen Selbstmord Seppuku (Harakiri) begehen.

Komisch bis absurd überspitzt sind die Menschen, die diesen Film bevölkern, allen voran der lächerliche, verhinderte Samurai. Matsumoto lernte seinen Hauptdarsteller Takaaki Nomi während einer TV-Show kennen, in der Männer mittleren Alters bizarre Aufgaben vor laufender Kamera absolvieren müssen. Nomi war der merkwürdigste unter den Merkwürdigen, Matsumoto wollte ihn in einem Film einsetzen. Zum großen Teil ist Saya Zamurai dann auch die One-Man-Show von Takaaki Nomi. Tag für Tag tritt sein Charakter vor den Prinzen und bringt wahrhaftig vollen Körpereinsatz, um dem ein kleines Lächeln abzuringen. Und mehr als einmal macht der Prinz keine Miene zum lustigen Spiel, das Urteil des königlichen Zeremonienmeisters ertönt unerbittlich: „You must commit Seppuku!“ Die körperliche Präsenz des Hauptdarstellers und die elliptische Montage erzielen komische Effekte, die häufig, aber nicht immer zünden. Die misslingende Komik wird aber auch thematisiert, schließlich geht es genau darum: Was wirkt komisch, was nicht? Timing macht da viel aus. Und die Anwesenheit eines gut gelaunten Publikums. Lachen ist ansteckend – wenn sich irgendwo in den mittleren Reihen ein Zuschauer nach einem Gag nicht mehr einkriegt und noch längere Zeit lautstark vor sich hinwiehert, wertet das die Atmosphäre auf. Nomis Tochter Tae ist mit der Selbsterniedrigung des Vaters zunächst nicht einverstanden, ihrer Ansicht nach würde sich ein ehrenvoller Samurai gleich die Eingeweide mit dem Katana-Schwert aufschlitzen, statt sich derart zum Gespött zu machen, wie ihr Vater es tut. Takaaki Nomi stand vor Filmgebinn ebenfalls auf der Bühne und versuchte mehrmals, einen Satz ins Mikro zu sprechen. Immer wieder brach er ab, stockte, wirkte überfordert und hilflos. Die riesige Brille, die schlurfende Körperhaltung und die grotesken Zähne fallen sofort ins Auge. Eine merkwürdige Erscheinung. Und so tritt er auch im Film auf.

Einer der beiden Bewacher des glücklosen Samurai greift zu einem psychologischen Trick, um die kleine Tae wieder ins Motivations-Boot zu holen. Das ist bald ziemlich voll, denn der zum Tode Verurteilte ist ein zäher Brocken, die täglichen Vorstellungen werden spektakulärer, schließlich zum bejubelten Massenevent. Die Bevölkerung fiebert mit und feuert an, sogar der König, der dem Prinzen stets zur Seite sitzt, schöpft Hoffnung. Strafte er den verlotterten Krieger anfangs noch missmutig mit routinierter Verachtung, wecken der Wagemut und die Konsequenz der Auftritte mehr und mehr den königlichen Respekt. Kann der Prinz vielleicht tatsächlich aus seiner lähmenden Trauer gerissen werden? Überhaupt ist Respekt ein großes Thema dieses Films: Wann und aus welchen Gründen empfindet man Respekt für jemand anderen – und wann für sich selbst? Was ist respektables Handeln im Angesicht des Todes? Saya Zamurai greift zur Beantwortung dieser Frage weit aus, in alle Richtungen. Der Film manipuliert den Zuschauer geschickt und versetzt ihn in die Position des filminternen Publikums, lässt auf der Klaviatur der emotionalen Wahrnehmung virtuos Harmonien anklingen, die von einer hohen, beschwingten Tonlage in eine benachbarte, ernsthaftere übergleiten. Die Preisgabe der Lächerlichkeit kann vielleicht zu einer Haltung und einem Ethos ausgebaut werden, wenn die Rahmenbedingungen stimmen und der Einsatz des Spiels mit der Selbstaufgabe groß genug ist. Ehre durch konsequente Verachtung der Ehre, kann das funktionieren?

Eine angemessene Besprechung von Saya Zamurai kann nur auf der Basis seiner Gesamtstruktur erfolgen, anhand des gesamten emotionalen Registers, das der Film zieht. Dafür müsste man seine beiden Seiten beleuchten. Die beiden Seiten, die auch Hitoshi Matsumoto verkörpert, die er bereits in Shinboru pointiert inszeniert hat. Eine Kombination des Absurd-Komischen mit dem Pathetisch-Ernsthaften. Am besten entdeckt man diese Seiten selbst. Rapid Eye Movies veröffentlicht im Frühjahr 2012 zunächst Shinboru auf DVD. Falls Saya Zamurai bis dahin noch keinen Starttermin hat, kann man sich schonmal mit einem wahrlich originiellen Werk auf Matsumotos neuesten Streich einstimmen.

Hier geht es zur Gesamtberichterstattung zum Film Festival Locarno.

Saya Zamurai
R, B: Hitoshi Matsumoto
K: Ryuto Kondo
D: Takaaki Nomi, Sea Kumada, Itsuji Itao, Tokio Emoto, Ryo, Rolly
J, 2011, 103 Min.

Bildmaterial: Festival del Film Locarno