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Für Manuel bedeutet das Erdbeben in Chile am 27. Februar 2011 den Schritt in die Freiheit: Die ihn umgebenden Gefängnismauern brechen zusammen, er flieht aus der Gefangenschaft und macht sich auf zu seiner Familie. Das Haus seiner Familie wurde von einem Tsunami zerfleddert, seine Frau und seine Tochter sind verschwunden, vermutlich tot. Den Leichnam seiner Mutter kann er zumindest noch beerdigen. Manuel wandert ziellos weiter durch die zerfurchte, unter Trümmern begrabene Landschaft. Zwischen Beton-Geröll steht ein Käfig wie ein Miniaturgefängnis, ein Tiger liegt darin herum, er wirkt müde, bedrückt. Manuel hat Mitleid mit dem Raubtier und befreit es. Ein gefährliches Lebewesen wird durch einen Zufall befreit – der Tiger als Metapher für Manuel, für Aggression. Für das Verbrechen, von dem der Zuschauer nie erfährt, was es eigentlich war.

Sebastián Lelio ist kein Festival-Novize. Sein Film Sagrada familia von 2005 gewann diverse internationale Festivalpreise, mit El año del tigre legt er nun nach Navidad von 2009 seinen dritten Langspielfilm vor. Die Erzählung ist minimalistisch, metaphernreich, angelegt irgenwo zwischen postapokylaptischer Roadmovie-Variante und regressivem Stationendrama. Gedreht wurde vor Ort in zerstörten Teilen von Chile, die runiösen Landstriche scheinen die verfallene Psyche der Hauptfigur widerzuspiegeln. Manuel ist ein netter Kerl. Denkt man zunächst, da man nichts über seine Vergangenheit weiß. Die Trauer um seine Familie, die Bestattung der Mutter mit bloßen Händen machen ihn für den Zuschauer identifikationsfähig. Elementare Emotionen treiben ihn an, er stolpert durch die Überreste seines alten Lebens und versucht, Anschluss zu finden, auf den Ruinen der Ordnung eine neue Existenz zu beginnen. Man leidet zu diesem Zeitpunkt mit ihm. Die Begegnung mit einem alten Bauern ist die entscheidende. Der Säufer hält ihm einen Spiegel vor, ruft die Erinnerung an das offenbar unüberwindbar Wilde in ihm selbst schmerzlich wach. Frau und Kind hat der Alte geschlagen, irgendwann sind sie weggelaufen. Immer weiter geht das so, eine Klagelawine aus Selbstmitleid und Zorn, auch eine Selbstentblößung. Manuel hält das nicht aus, wird am Ende wieder zum Raubtier, kann aus den Trümmern der Freiheit keine Zukunft bauen, will wieder in den Käfig.

Die Themen, die in El año del tigre angelegt sind, sind erkennbar, aber der Film überzeugt nicht restlos. Vor dem Hintergrund der zerstörten chilenischen Landschaft entsteht eine eigentümliche Kombination aus roher Landschaft und ebenso rohen Emotionen. Sehr grob gewirkt, ist das alles jedoch, klotzig und undifferenziert die Figur des Manuel. Er soll undurchsichtig bleiben, und das gelingt in einem Maße, die den Film auf gewisse Art geheimnisvoll erscheinen lässt, aber auch derart offen, dass er merkwürdig unbefriedigend ist. Es ist ein im wahrsten Sinne ungezähmter Film, der unvollständig und provisorisch wirkt. Fehlende Perfektion kann aber auch etwas Reizvolles haben.

Tokyo Koen wurde vom japanischen Regisseur Shinji Aoyama inszeniert, zu dessen Werken auch die meisterliche Gewalt-Meditation Eureka aus dem Jahr 2000 zählt. Die Schweizer Presse schrieb zudem, dass Tokyo Koen der „charmanteste und zärtlichste Beitrag des Wettbewerbs“ sei. Entsprechend hoch waren die Erwartungen. Immerhin hatte der Presseartikel Recht damit, dass es um Liebeswirrungen geht. Koji ist ein ambitionierter Fotograf und erhält eines Tages von einem Geschäftsmann den Auftrag, dessen Freundin während ihrer Parkspaziergänge abzulichten. Kojis langjährige Freundin Miyu ist unterdessen seit längerer Zeit mit Trauerarbeit über ihre vermeintliche große Liebe beschäftigt. Der Geist des toten Jungen hat sich merkwürdigerweise bei Koji eingenistet und spielt Konsolenspiele. Eine weitere Baustelle in Kojis Leben ist das Verhältnis zu seiner schönen Stiefschwester Misak. Beide verbinden mehr als nur freundschaftliche Gefühle. Eine Blutsverwandchaft gibt es zwar nicht, aber es muss sich erst zeigen, ob die zarten Liebeskeim das eingespielte Geschwisterverhältnis überwinden können.

Tokyo Koen wurde entweder bewusst avantgardistisch angestrichen oder hat enorme Probleme. Man kann das nicht wirklich entscheiden, die Unvollkommenheit ist zu umfassend. Das größte dieser Probleme ist der Hauptcharakter Koji (Haruma Miura), der weitestgehend ungreifbar bleibt und das an sich leere Gravitationszentrum für allerlei Plot-Merkwürdigkeiten darstellt. Man kann sich schon ungefähr vorstellen, woher der Eindruck kommt, Tokyo Koen sei „charmant“. Kojis ziemlich spezielle Freundin und Zombiefilm-Anhängerin Miyu könnte ein Grund dafür sein, ein aufgedrehter, maximal unverschlossener Wirbelwind. Sie plappert und plappert, klärt Koji über sein Gefühlsleben auf, ist quietschfidel und energiegeladen. Eine merkwürdige, sympathische Person. Solche Figuren können nach einer Weile allerdings auch auf die Nerven gehen, wenn die Dialoge konsequent eher improvisiert als durchdacht erscheinen. Während des Films gab es einige Walkouts und das kann ich besser nachvollziehen als den Eindruck des Presseartikels. Es fällt schwer, Mitgefühl für Koji und Miyu zu entwickeln. Er ist zu schablonenhaft, sie zu unstet.

Es wirkt so, als hätte Aoyama für diesen Film Drehbuchideen zu zehn Filmen zusammengewürfelt, er schlägt zu wenig Ertrag aus zu viel Material. Möglicherweise ist Tokyo Koen aber auch ein Film, den man am besten nicht mit Festivalübermüdung ansieht, sondern an einem Sonntag Vormittag oder zu sonst irgendeiner Un-Zeit, wenn die Welt wirkt wie ein fremder Planet. Dazu passt Aoyamas irritierend vollgestopfter Film sicher gut.

El ano del tigre
R: Sebastian Lelio
B: Gonzalo Maza
K: Miguel Ioan Littin
D: Luis Dubo
Chile 2011, 82 Min.

Tokyo Koen
R: Shinji Ayoama
B: Masaaki Uchida, Norihiko Goda, Shinji Aoyama
K: Yuta Tsukinaga
D: Haruma Miura, Nana Eikura, Manami Konishi, Haruka Igawa
Japan 2011, 119 Min.