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Es ist passiert. Drei Staffeln lang haben die Schöpfer von GAME OF THRONES, David Benioff und D.B. Weiss, in Interviews und Pressekonferenzen neugierig gemacht auf diesen einen Moment, den zu verfilmen ihre treibende Motivation war, George R. R. Martins Buchreihe A SONG OF ICE AND FIRE überhaupt für das Fernsehen zu adaptieren. Es ist der Punkt, an dem die Erzählung endgültig ihre Unschuld verloren hat, Martins härtester Schlag in das Gesicht des Lesers, dessen Wucht lange nachwirkt. Die Rede ist natürlich von der Red Wedding – jenem Massaker, in dem der King of the North Robb Stark, seine Mutter Catelyn sowie ein Großteil seiner Bannermänner in Lord Walder Freys Hallen ermordet werden. Ein fulminantes Finale, das den Zuschauer von THE RAINS OF CASTAMERE sprachlos zurücklässt.

Nach einem langen Schweigen, in dem das gerade Gesehene während der vollkommen tonlosen End Credits seine Verarbeitung erfuhr, brach im Internet die Hölle aus. Fans der Serie kanalisierten Schock, Wut und Frustration u.a. via Twitter (@RedWeddingTears) und YouTube. Unter den recht blumigen Kommentaren kündigten sogar einige an, die Serie nicht mehr weiter verfolgen zu wollen. Eine nicht seltene Reaktion, die Martin bereits zehn Jahre zuvor von seinen Lesern erfahren durfte. Der Internet-Shitstorm der Seriengucker spiegelt den Frust der Buch-Fans wieder, die beim Lesen der Red Wedding den aufbrausenden Impuls verspürt haben mögen, das Buch mit voller Wucht an die Wand zu knallen. Ich stelle mir vor, dass nicht wenige diesem Impuls tatsächlich nachgegangen sind. Es existiert sogar ein YouTube-Video, in der Buchfans die Reaktionen ihrer Freunde auf die Red Wedding aufgezeichnet haben: „Now you know why your nerdy friends were really depressed 13 years ago.“

So schockierend und unvermittelt die Red Wedding über die Starks wie auch die Zuschauer hereinbrach, war sie doch nicht unvorhersehbar. Im Gegenteil: Das Ereignis ist von Walder Frey, Roose Bolton und Tywin Lannister ebenso sorgsam durchgeplant worden wie von den Autoren der Serie selbst. Einem starken Unwetter gleich, das sich bereits in den graduellen Veränderungen des Klimas abzeichnete, war auch THE RAINS OF CASTAMERE übersät mit Hinweisen auf das nahende Unglück. Doch weder die Figuren, noch der Zuschauer waren bereit, die Zeichen zu deuten – bis der erste Ton von Rains of Castamere erklang.

And who are you, the proud lord said,
that I must bow so low?
Only a cat of a different coat,
that’s all the truth I know.
In a coat of gold or a coat of red,
a lion still has claws,
And mine are long and sharp, my lord,
as long and sharp as yours.

And so he spoke, and so he spoke,
that Lord of Castamere,
But now the rains weep o’er his hall,
with no one there to hear.
Yes now the rains weep o’er his hall,
and not a soul to hear.

Unverkennbar stellt das Lied den Wendepunkt in der grandios gefilmten Hochzeitsfeiersequenz: Nachdem ein lachender Lord Edmure Tully und eine bleiche Roslin Frey zur traditionellen „Bedding“-Zeremonie aus dem Feiersaal getragen werden, fährt mit dem Schließen der großen Saaltüren die Geräuschkulisse für einen Moment herunter. In die plötzliche Stille hinein spielt ein Solo-Cello die ersten Takte des schwermütigen Lannister-Liedes. Die Kamera fährt auf Catelyn Stark zu, die sich langsam umdreht und misstrauisch zu den Musikern aufblickt. Zweifel und Unbehagen mischen sich in die Fröhlichkeit des Festes. Weitere Instrumente stimmen zu dem Lied ein, draußen vor dem Schloss beginnt Robbs eingesperrter Schattenwolf Grey Wind zu jaulen. Die Stimmung kippt, Lord Walder Frey ergreift das Wort und verspricht Robbs Braut Talisa ein Hochzeitsgeschenk. Catelyn entdeckt unter dem Gewand von Roose Bolton ein Kettenhemd, ohrfeigt ihren Untergebenen für seinen Verrat und versucht, ihren Sohn zu warnen, doch die Falle ist bereits zugeschnappt. Ein Frey sticht Talisa mehrmals in den Bauch, getroffen stürzt Robb zu Boden – Die Musiker haben ihre Instrumente gegen Armbrüste eingetauscht und einen tödlichen Hagel auf die Hochzeitsgäste niedergelassen. Der Rest wird zum schweren Rhythmus tiefer Pauken von den Freys brutal niedergestochen. Babumm. Gierig blickt Lord Frey von seinem Stuhl herab, während das Blutbad seinen Lauf nimmt.

Diese verflixte Neunte. Noch bevor Rains of Castamere die Red Wedding einleitete, dürfte dem kundigen Zuschauer der gleichnamigen Folge von Anfang bewusst gewesen sein, dass etwas Großes geschehen wird. Ist es doch zur Tradition geworden, dass in der vorletzten Folge die Ereignisse der GAME OF THRONES-Staffel ihren Höhepunkt erreichen: In der ersten Staffel verlor Eddard Stark in BAELOR seinen Kopf und Tyrion in BLACKWATER beinahe den seinen während der großen Schlacht um King’s Landing. In diesem Zusammenhang enttäuscht auch THE RAINS OF CASTAMERE nicht und kann seine Vorgänger sogar noch übertrumpfen. Mit dem gewaltsamen Tod von gleich drei Hauptcharakteren gilt die Red Wedding bereits jetzt als einer der unvergesslichsten Momente der TV-Geschichte.

Der Verdienst geht jedoch nicht allein auf das Drehbuch zu THE RAINS OF CASTAMERE zurück, sondern einmal mehr auf das sorgsame Anlegen solcher großer Momente im komplexen Erzählgeflecht der gesamten Serie. Die Red Wedding ist ein geradezu hervorragendes Beispiel für den Trick, der sich hinter Varys‘ magic box-Metapher versteckt: Geduld. Robbs Untergang ist in der dritten Staffel aus langer Hand vorbereitet worden. Immer deutlicher zeichnete sich das Bild eines siegreichen Heerführers ab, der dem Verrat seiner Verbündeten zum Opfer fällt – The King who lost the North. Der Verrat seines Ziehbruders Theon führte zur Zerstörung von Winterfell, der Verrat seiner Mutter führte zum Verlust des Vertrauens seiner Nordmänner. Zudem hat die Freilassung von Jaime Lannister durch eine Reihe von Verkettungen letztlich dafür gesorgt, dass Roose Bolton einen Handel mit Lord Tywin Lannister eingegangen ist. Es ist gerade das Handeln aus guten Absichten, das in Westeros die verheerendsten Folgen nach sich zieht. So führte Robb seinen eigenen Untergang nicht nur dadurch herbei, dass er Theon nach Old Pyke geschickt hat oder Lord Rickard Karstark hinrichtete. Es war vor allem jener Augenblick, in dem er zum ersten und einzigen Mal sein privates Glück über das Wohl aller gestellt hat, als er seine Liebe Talisa statt der versprochenen Frey-Tochter zur Frau nahm. Vielleicht war es aber auch ein Fehler, sich überhaupt auf einen Pakt mit den Freys eingelassen zu haben. Die verzweigte Ereigniskette, die zur Red Wedding geführt hat, ließe sich noch unendlich weiter zurückverfolgen. Wenn GAME OF THRONES dem Zuschauer eines lehrt, dann dass es weder eine gute noch eine falsche Entscheidung gibt, sondern nur eine schlechte und eine weniger schlechte. Es ist schlicht unmöglich, die Konsequenzen des eigenen Handelns aufgrund der vielen, unberechenbaren Faktoren abzuschätzen.

Schließlich läuft alles auf Neds Hinrichtung in BAELOR zurück. Denn wie es die boshafte Ironie des Autors so will, spiegelt sich diese „Urkatastrophe“ der GAME OF THRONES-Erzählung in THE RAINS OF CASTAMERE wider. Ebenso wie sein Vater muss Robb genau dann sterben, als er Einsicht in seine vergangenen Fehler gewonnen, sich mit seiner Situation abgefunden und den Entschluss gefasst hat, das Äußerste zu tun, um den Konflikt mit den Lannisters zu beenden. Wie Ned war Robb aufgrund seiner Aufrichtigkeit im Game of Thrones seinen Gegnern hoffnungslos unterlegen. Besonders grausam ist jedoch die Tatsache, dass Arya ein weiteres Mal dem Tod von geliebten Familienmitgliedern hilflos zusehen musste. Mehr als alles andere wünscht man sich als Zuschauer, dass Arya sich nach all dem Leid seit Neds Hinrichtung endlich mit ihrer Familie wiedervereinigen kann. Der erste Glücksmoment, der den verstreuten Starks nach BAELOR überhaupt zu Teil würde. Doch macht Hoffnung die Verzweiflung nur größer. Kurz vor ihrem Ziel wird Arya Zeuge von dem Verrat der Freys – und dem symbolischen Tod ihres Bruders im Mord an seinem Schattenwolf Grey Wind. Irgendwo im Hinterkopf des Zuschauers hallt die bittere Erkenntnis von Theons Folterknaben nach: „If you think this has an happy ending, you haven’t been paying attention.“

In einem Gespräch mit George R. R. Martin über THE RAINS OF CASTAMERE bringt Late-Night-Talker Conan O’Brien die Essenz von GAME OF THRONES auf den Punkt: Martins Stärke liegt darin, den Zuschauern Charaktere zu bieten, in die man sich nicht nur einfühlen kann, sondern für die man nach einer Zeit echte Gefühle entwickelt – nur um sie dann umzubringen. Hinter dieser scheinbar sadistischen Grausamkeit verbirgt sich jedoch eine raffinierte Strategie, die Empfindungen der Rezipienten für die Figuren auf diese Weise zu intensivieren, so dass er sie annähernd als reale Personen betrachtet. Denn ungleich vieler anderer fiktive Figuren, die man aus Film, Fernsehen oder Romanerzählung über die Zeit ins Herz geschlossen hat, ist die Bedrohung des plötzlichen Todes in GAME OF THRONES allzeit gegenwärtig. Martin schreckt nicht davor zurück, Hauptpersonen von einer Seite auf die nächste umzubringen. Er liebt es, zu überraschen, gegen Erwartungshaltungen zu arbeiten. Für ihn war es naheliegend, mit der gängigen Erzählkonvention der Last Second Rescue zu brechen und einen Helden wie Eddard aus einer lebensbedrohlichen Situation nicht entkommen zu lassen. Es ist für Martin also nur folgerichtig, auch den Sohn des Helden, der sich danach sehnt, den Tod seines Vaters zu rächen, sterben zu lassen. Der Zuschauer ist um seinen Wunsch nach Genugtuung gebracht worden, statt der wohligen Gewissheit eines guten Ausgangs und dem Trost einer poetischen Gerechtigkeit erfährt er nur eine weitere „Enttäuschung“. Diese Art der Erzählung polarisiert das Publikum in zwei Lager: Die einen werfen das Buch an die Wand und überfluten das Internet mit bösen Kommentaren und die anderen werden umso stärker an die Erzählung gebunden. Mit der Gewissheit, dass nichts unmöglich ist, nicht einmal der Tod einer geliebten Hauptfigur, sind ihre Gefühle, ist ihre Angst real. Martin: „I want my readers and I want my viewers to be afraid when my characters are in danger. I want them to be afraid to turn the next page, because the character may not survive it.“ Ob der Leser nun die Seite umblättert oder nicht, bleibt ganz ihm überlassen.

Man kann es mögen oder nicht, unbestreitbar bleibt jedoch die Tatsache, dass sowohl Martin als auch Benioff und Weiss ungemein wirkungsvoll mit dem sind, was sie tun. So bleibt in dem kommenden Staffelfinale nicht nur das Nachbeben der Red Wedding abzuwarten, sondern auch die Fortsetzung der anderen, nicht minder spannenden Erzählstränge aus THE RAINS OF CASTAMERE: Wird Dany die neu eroberte Sklavenstadt Yunkai halten können? Wohin wird der Weg Bran führen, der mit seinem neu entdeckten Talent als Warg nicht mehr nur von Tieren, sondern auch von Menschen Besitz ergreifen kann? Und natürlich: Schafft es Jon, seine Brüder der Nachtwache vor dem drohenden Angriff der Wildlinge zu warnen? Wird er gegen Ygritte kämpfen müssen? Bei all den Fragen ist eines gewiss: Nach THE RAINS OF CASTAMERE war die Spannung nie realer.

 

Bild-Copyright: HBO